Es begann mit den Petunien: 25 Jahre Freilandversuche mit Gentechnik-Pflanzen

(06.05.2015) Vor 25 Jahren, im Mai 1990, starteten Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln den ersten Freilandversuch mit gentechnisch veränderten (gv-) Pflanzen in Deutschland. Sie hatten in Petunien ein Gen aus Mais übertragen, das die Blütenfarbe von weiß in lachsrot veränderte. Etwa 1200 Freisetzungen wurden seitdem in Deutschland durchgeführt, die meisten um die Jahrtausendwende. Heute finden in Deutschland keine Freilandversuche mit gv-Pflanzen mehr statt.

Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen in Deutschland

25 Jahre Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen in Deutschland. Nur etwa ein Viertel der genehmigten Freisetzungen wurde auch tatsächlich durchgeführt. Eine Freisetzung ist das einmalige Ausbringen (Aussaat, Auspflanzen) einer gentechnisch veränderten Pflanze an einem hierfür genehmigten Standort. Ein Freisetzungsantrag umfasst in der Regel mehrere Freisetzungen über mehrere Jahre und an verschiedenen Standorten.

Grafik: i-bio/Gestaltungskomitee

Petunie, Köln

Die Kölner Petunien. Bei der ersten Freisetzung 1990 wurden lachsrote Petunien ausgepflanzt. Die Pflanzen verdankten ihre lachsrote Farbe einem Gen aus Mais, das Wissenschaftler des Kölner Max-Planck-Institutes für Züchtungsforschung übertragen hatten.

Schon in den achtziger Jahren hatten Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln Petunien im Labor gentechnisch so verändert, dass sie lachsrote statt weiße Blüten bildeten. Ausgelöst wurde dies durch ein Gen aus Mais, das die Wissenschaftler übertragen hatten.

Im Freiland wollten sie dann erforschen, ob und in welchem Maße sogenannte springende Gene (Transposons) Mutationen auslösen. Würde das neu eingeführte Farb-Gen durch eine solche Mutation zerstört, sollte das - so die Erwartung - durch einen Farbumschlag - von rot zu weiß oder rot-weiß gesprenkelt sichtbar werden.

Die große Überraschung des Feldversuches war: Nicht nur einzelne, sondern sechzig Prozent aller Blüten waren rot-weiß gesprenkelt. Es stellte sich heraus, dass die Ausprägung des neuen Gens offenbar durch das lang anhaltende sonnige Wetter mit hoher UV-Strahlung verändert worden war. Dass Umweltfaktoren die Gen-Ausprägung verändern können, war für die Forscher eine neue Erkenntnis. Für die Kritiker der Beweis, dass Gentechnik nicht kontrollierbar ist.

Der Versuch wurde auch damals schon von heftigen Protesten begleitet. Das konnte aber die Aufbruchstimmung zu Beginn der neunziger Jahre nicht trüben - eröffnete die Gentechnik doch völlig neue Möglichkeiten für die Pflanzenforschung und -züchtung.

Die Zahl der Freisetzungen in Deutschland stieg seit Mitte der neunziger Jahre rasant an bis auf 224 allein im Jahr 2000. Von den in 25 Jahren etwa 200 eingereichten Freisetzungsanträgen - ein Antrag umfasst in der Regel mehrere Freisetzungen über mehrere Jahre und an verschiedenen Standorten - wurde beinahe die Hälfte zwischen 1995 und 2000 gestellt. Parallel wurden 1998 auch die ersten gentechnisch veränderten Maislinien (Bt-Mais MON810 und T25) europaweit für den Anbau zugelassen.

Zwischen 1990 und 2015 stellten öffentliche Forschungseinrichtungen und Universitäten im gleichen Umfang Anträge auf Freisetzung wie Unternehmen. 13 verschiedene gv-Kulturpflanzenarten wurden unter Feldbedingungen erforscht und getestet.

Eine Freisetzung ist immer dann sinnvoll, wenn zuvor Labor- und Gewächshausversuche mit einer gv-Pflanze Erfolg versprechende Ergebnisse erbracht haben. In der weiteren Forschung geht es dann darum, zu prüfen, ob sich die gv-Pflanze unter Freilandbedingungen genauso verhält wie im Gewächshaus. Aber auch mögliche Auswirkungen auf die Umwelt können nur im Freiland untersucht werden.

Deshalb wurden schon seit Ende der achtziger Jahre die möglichen Umweltauswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen mit großem Aufwand in zahlreichen Projekten erforscht – finanziert durch die Bundesregierung. Die zahlreichen Freilandversuche vor allem mit gentechnisch verändertem Bt-Mais ergaben keinen Hinweis auf mögliche Umweltrisiken. Dennoch verschlechterten sich das Meinungsklima und die politischen Rahmenbedingungen für die Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen nach der Jahrtausendwende zunehmend.

Die Unternehmen, allen voran die großen Agrarkonzerne wie Monsanto oder BASF hatten zunächst noch darauf gesetzt, dass der Anbau von MON810 sich auch in Deutschland etablieren würde und mit weiteren Anbauzulassungen gerechnet. Deshalb beantragten sie oft sehr viele Standorte (bis zu 50 und mehr), um ihre gv-Pflanzen unter verschiedenen Klima- und Standortbedingungen zu testen, wie dies sowohl für das Zulassungsverfahren als auch für die Sortenregistrierung erforderlich ist.

2009 wurde der Anbau von MON810-Mais in Deutschland verboten. Im gleichen Jahr wurde die gentechnisch veränderte Stärke-Kartoffel Amflora noch für den Anbau in der EU zugelassen. Aber bereits 2012 stellte das Unternehmen BASF die weitere Vermarktung ein. 2013 zog auch Monsanto etliche Zulassungsanträge zum Anbau verschiedener gv-Maislinien zurück, das Züchtungsunternehmen KWS einen Antrag auf Anbauzulassung für eine Zuckerrübe.

Seit 2013 gibt es in Deutschland keine Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen mehr – auch wenn die letzten Genehmigungen erst 2018 auslaufen. Die Forschung zieht sich zurück in die Labore oder geht ins Ausland. Jüngst haben die deutschen Wissenschafts-Akademien eine Stellungnahme herausgegeben, worin sie eindringlich empfehlen, die Forschungsfreiheit zu wahren. Es müsse gewährleistet sein, „dass die für Kontrollversuche und Risikoabschätzungen unabdingbaren Freilandexperimente sowie Feldversuche mit zugelassenen GVO möglich bleiben.“