Regenerierte transgene Pflanze 2

Gentechnik oder Nicht-Gentechnik. EU-Kommission entscheidet über neue Züchtungstechniken

(02.11.2015) In den nächsten Monaten will die EU-Kommission eine immer wieder aufgeschobene Entscheidung herbeiführen: Fallen Pflanzen, bei denen neue Züchtungsverfahren zur Anwendung kamen, künftig unter die Gentechnik-Gesetze oder nicht? Es ist eine grundsätzliche Weichenstellung für die Pflanzenforschung und –züchtung in Europa. Von ihr hängt ab, ob die neuen Verfahren ein ähnliches Schicksal erleiden wie die grüne Gentechnik, die in der EU an strengen Auflagen, teuren Zulassungsverfahren, politischem Dauerstreit und fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz gescheitet ist.

Bereits 2007 hatten Mitgliedstaaten bei der EU-Kommission angefragt, inwieweit die noch aus den früheren 1990er Jahren stammenden EU-Gentechnik-Gesetze auch auf neue, sich damals erst vage abzeichnenden Züchtungstechniken anzuwenden seien. Inzwischen ist die Rechtsunsicherheit in der Wissenschaft, bei Behörden und Unternehmen groß. Denn die neuen Verfahren haben sich seitdem rasch weiterentwickelt. Wegen ihrer besonderen Vorteile – vor allem Präzision, Zeit- und Kostenersparnis – werden sie inzwischen in vielen Bereichen von Biotechnologie und Pflanzenzüchtung genutzt.

Weizen

Weizen mit Resistenz gegen Mehltau. Einfach ist es nicht, Weizensorten mit dauerhafter Resistenz gegen die Pilzkrankheit zu züchten. Genome editing und insbesondere die CRISPR/Cas-Technik könnten neue Möglichkeiten eröffnen. So ist es gelungen, drei für eine Mehltau-Resistenz maßgebliche Weizen-Gene gleichzeitig „umzuschreiben“, was so weder mit konventionellen Züchtungsverfahren, noch mit klassischer Gentechnik möglich wäre. Jede dieser Veränderungen betrifft nur einzelne DNA-Bausteine innerhalb eines Gens und könnte als Mutationen auch unter natürlichen Bedingungen auftreten. Dass sich aber alle drei gleichzeitig ereignen, wäre ein seltener Zufall.

Foto: Bildpool BayerCropScience

Anders als die Gentechnik, bei der komplette Gene und Genkonstrukte in Pflanzenzellen hineingebracht und dort ins Genomintegriert werden, wird es mit den neuen Verfahren möglich, gezielt einzelne DNA-„Buchstaben“ auszuschalten oder umzuschreiben, weitaus genauer, schneller und zuverlässiger als es die herkömmliche Züchtung, aber auch die klassische Gentechnik vermag. Vor allem das CRISPR/Cas-System, dessen Entdeckerinnen Emmanuelle Charpentier und Isabelle Doudna alljährlich als Nobelpreiskandidatinnen gehandelt werden, ermöglicht „überraschend einfache Eingriffe zur kontrollierten Veränderung im Erbgut“, so eine aktuelle Stellungnahme der deutschen Wissenschaftsakademien.

So unterschiedlich die oft als Genome Editing bezeichneten Verfahren auch sein mögen, im Prinzip nutzen sie natürliche Mechanismen als präzise molekulare Werkzeuge, etwa die Fähigkeit von Zellen, DNA zu reparieren oder aber molekulare Abwehrsysteme, mit denen sich Bakterien gegen feindliche Viren schützen. Die meisten Verfahren sind eher mit Mutationen vergleichbar als mit der Gentechnik wie sie in den Zeiten, als die heutigen Gentechnik-Gesetze formuliert wurden, noch üblich war.

Für Huw D. Jones vom Rothamsted Research Institute (UK) haben Genome Editing-Verfahren das „Potenzial, die Pflanzenzüchtung in Europa zu revolutionieren“. Doch der Schlüssel dazu liege bei der Politik, sagte er dem britischen Agrarmagazin FG Insight. „Werden die damit entwickelten Pflanzen als GVO eingestuft, ist diese Technologie gerade für kleine Züchtungsunternehmen und Forschungsinstitute gestorben.“ Das Negativ-Image, das der Gentechnik anhafte, werde jede Anwendung der neuen Verfahren in Europa verhindern.

Bisher wurde Genome Editing vor allem in der Grundlagenforschung angewandt, etwa um – nicht nur bei Pflanzen – bisher wenig verstandene Genfunktionen aufzuklären. Doch allmählich ziehen die Verfahren auch in die praktische Pflanzenzüchtung ein. So ist es etwa in China gelungen, damit mehltauresistenten Weizen (Kasten) und bakterienresistenten Reis zu erzeugen. Aussichtsreiche Projekte gibt es zudem bei Mais, Kartoffeln, Soja, Tomaten und Orange. Die besonderen Vorteile der neuen Verfahren, schnell, präzise und mit vergleichsweise geringem Aufwand gezielte, punktgenaue Änderungen im Genom herbeizuführen, schlagen vor allem dann zu Buche, wenn es etwa um züchterische Lösungen für regionale Schädlinge oder Pflanzenkrankheiten geht oder Anpassung an besondere Klima- und Standortbedingungen. So könnten etwa alte, im Verlauf der Züchtung von Kultursorten „verlorene“ oder beschädigte Resistenzgene wieder aktiviert werden.

Nature Titel, CRISPR/Cas

Den neuen Züchtungstechniken werden mehrere, durchaus unterschiedliche Verfahren zugerechnet. Einen kurzen Überblick gibt es hier:

CRISPR, TALEN, Zinkfinger: Genome Editing im Überblick

Inzwischen haben auch die internationalen Agro-Unternehmmen die neuen Verfahren – insbesondere CRISPR/Cas - für sich entdeckt. So hat Dupont angekündigt, in fünf bis zehn Jahren damit gezüchtete Pflanzensorten auf den Markt bringen zu wollen. Allerdings könnten noch offene Patentstreitigkeiten zu Verzögerungen führen.

Immer wieder hinausgezögert, soll sich nun die Kommission im März 2016 darauf festlegen, wie die verschiedenen neuen Züchtungstechniken in Bezug auf die gesetzliche GVO-Definition einzustufen sind. Danach werden sich Beratungen mit den Mitgliedstaaten und Interessengruppen anschließen, bevor eine verbindliche Entscheidung fällt.

Auf der Sitzung der EU-Agrarminister am 22. Oktober 2015 kam das Thema schon einmal zur Sprache. Deutschland, unterstützt von weiteren EU-Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden oder Dänemark, wies auf die weitreichenden Folgen für die Tier- und Pflanzenzüchtung hin, sollten die neuen Verfahren insgesamt der Gentechnik zugerechnet werden. Zudem könne es zu neuen Problemen im Agrarhandel kommen, wenn die EU einen Sonderweg einschlage. Die USA – und ähnlich weitere Länder – wollen fallweise vorgehen. Ist die Anwendung neuer Verfahren in der Pflanze nicht nachweisbar oder vergleichbar mit herkömmlichen Züchtungstechniken, so wird sie im Regelfall nicht als GVO eingestuft und kann ohne weitere Auflagen genutzt werden. In zahlreichen Fällen - so bei neuen Mais-, Kartoffel-, Reis- und Sojazüchtungen - haben amerikanische Behörden dies wiederholt bestätigt. Entscheidet sich die EU anders, muss sie Wege für einen rechtskonformen Handel mit Pflanzen finden, die in den USA als „normal“, in der EU dagegen als „gentechnisch verändert“ gelten, ohne dass dieser Unterschied in den pflanzlichen Produkten selbst nachweisbar ist.

Für die gentechnik-kritischen Organisationen sind die neuen Züchtungstechnologien durchweg „Gentechnik“. Seit einiger Zeit versuchen sie, mit Petitionen und offenen Briefen politischen Druck aufzubauen. Es sind die seit 20 Jahren bekannten Argumente: Risiken und mögliche Nebenwirkungen der neuen Verfahren seien nicht ausreichend untersucht. Für José Bové, einflussreicher Anti-Gentechnik-Aktivist und EU-Parlamentarier aus Frankreich, sind sie nur ein Trick der Agro-Industrie, um gv-Pflanzen durch die Hintertür doch noch auf den Markt zu bringen.

Auch wenn am Ende gar keine neuen Gene vorhanden sind, seien die mit Genome editing erzeugten Pflanzen genauso zu regulieren wie gentechnisch veränderte, fordern Öko-Verbände und Keine-Gentechnik-Organisationen. Wenn sie sich damit durchsetzen sollten, würde eine der interessantesten technologischen Entwicklungen wohl an der europäischen Pflanzenzüchtung vorbeilaufen.

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