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Reportage
In den USA ist die Grüne
Gentechnik eine Alltäglichkeit
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Ende April 1998 reiste eine kleine deutsche Delegation auf Einladung der dortigen Regierung in die USA, um sich dort über die Anwendung der "grünen Gentechnik" zu informieren. Bei dieser Gelegenheit entstand die folgende Reportage. Sie berichtet über die bisherigen Erfahrungen beim Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen, über Vermarktungsstrategien und vor allem über Monsanto,
das weltweit führende Unternehmen der "grünen Gentechnik".
"Alles für das Haustier - Videos - Saatgut - Dünger" steht weithin sichtbar an der Front des flachen Holzbaus. Hier gibt es zu kaufen, was zum Leben und Arbeiten in der Endlosigkeit des mittleren Westens, unweit des Mississippis, nötig ist. Mais- und Sojafelder bis zum Horizont, eine kleine, wenig befahrende Straße, hinter dem Haus mehrere Silos, Rohre, Pumpen, Förderbänder, eine Lagerhalle. Dort wird das Saatgut in Papiersäcke abgefüllt, die sich bis ans Dach stapeln - und überall, als sichtbares Markenzeichen:
RoundupReadySoybeans. Auf der Theke im Verkaufsraum liegen Prospekt; sie werben für das neue Saatgut, locken mit guten Ertragsaussichten und attraktiven Rabatten, geben Hinweise für den richtigen Gebrauch von Soja-Saat und
Roundup-Herbizid. Die grüne Gentechnik ist in den USA eine Alltäglichkeit.
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Mark Stevens, der Besitzer des kleinen Landhandels in Foristell, verkauft gentechnisch veränderte Sojasorten wie Hundefutter und Heckenscheren. Er ist zufrieden, denn die Geschäfte laufen gut. Seit zwei Jahren bietet er das neue, vom im nahen St. Louis residierenden Life-Science-Konzern Monsanto entwickelte Soja-Saatgut an, das durch ein eingeschleustes Bakterien-Gen resistent geworden ist gegen Glyphosat, den Wirkstoff des Breitbandherbizids
Roundup.
In diesem Jahr gibt es gleich verschiedene Soja-Sorten mit dieser Eigenschaft. Mehr als hundert kleinere Saatgutunternehmen haben das Genkonstrukt bei Monsanto eingekauft und in ihre Sorten eingebaut. Immer mehr Farmer versuchen es mit
RoundupReady-Soja, die meisten sind zufrieden. 1998 wachsen in den USA auf 10 Mio. ha Sorten mit gentechnisch erzeugter
Roundup-Resistenz heran, eine Fläche, dreimal so groß wie das gesamte Bundesland Nordrhein-Westfalen. Innerhalb von zwei Jahren ist deren Anteil an des Gesamtanbaufläche für Soja von 1,4 auf ca. 40% gestiegen.
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Der Anbau von Gen-Soja ist wirtschaftlich interessant
"Dreifach Sonderangebot!" "Mehr Technologie - mehr Wert" - überall in Mark Stevens Landhandel locken die Werbebotschaften von Monsanto. Bei Ernteverlusten gibt es Rückerstattung und beim Kauf von 300 Säcken
RoundupReady- Soja werden 3 Technology Power Points angerechnet; sogar 5 davon bei 150 Paketen
Yieldgard-Mais, der gentechnisch mit einer Resistenz gegen den in einigen Regionen gefürchteten Maiszünsler ausgestattet ist. Je mehr ein Farmer von diesen Punkten sammelt, um so größer der Rabatt, der ihm beim Kauf weiterer Monsanto-Produkte eingeräumt wird. Schnell kommen da, so rechnen die ausliegenden Tabellen vor, 1000
Dollar zusammen. Doch das ist nicht der einzige wirtschaftliche Vorteil für die Farmer, wenn sie auf die Gen-Sorten umsteigen.
Wo die resistenten Sorten ausgesät wurden, sanken die jährlich auf den Sojafeldern versprühten Herbizidmengen, je nach Anbauregion und "Unkrautdruck" um 10-30%, so eine im Auftrag von Monsanto erstellte Studie. Das Paket von
Roundup- Herbizid und dazu passenden Sojabohnen erlaubt es den Farmen, gezielt gegen die Unkräuter zu spritzen und nicht wie bislang üblich, gleich mehrfach die Herbizidspritze über die Sojafelder zu ziehen.
Einige Farmern erproben eine neue Anbaumethode (no till), die auf das tiefe Pflügen verzichtet und dadurch nicht nur die Bodenerosion verringert, sondern auch Zeit und Treibstoff für den Trecker spart.
"RoundupReady-Soja bringt nicht mehr Ertrag, aber wir können effektiver arbeiten und dadurch Kosten sparen," sagt Will Stemme, ein Farmer, der in den fruchtbaren Ebenen am Mississippi Mais und Soja anbaut. Sieben bis acht Dollar Aufpreis zahlt er pro
Acre für das
Gentech-Saatgut.
Obwohl die Rechnung mit den teuren Sorten aufgeht - ein wenig skeptisch sind Stemme und seine Kollegen geblieben.
"RoundupReady funktioniert, aber wir brauchen noch drei Jahre, bis wir genug Erfahrung haben." Obwohl in diesem Jahr erstmals transgenes Saatgut in ausreichenden Mengen angeboten wird, will er auf die konventionellen Sorten nicht verzichten, die er auch 1998 auf der Hälfte seiner Flächen anbaut. Wenig erfreut ist Stemme auch über das Technology Agreement, das er mit Monsanto hat abschließen müssen. Nicht nur, daß er sich verpflichten muss, ausschließlich das von Monsanto hergestellte
Roundup-Herbizid zu verwenden und einen "Technologie-Aufschlag" (technology fee) zu zahlen.
Auch die eigene Nachzucht für die Aussaat im nächsten Jahr ist strengstens verboten.
RoundupReady-Soja darf nur in einer Wachstumsperiode genutzt werden. Wer diese Vereinbarung verletzt, muss mit drastischen Strafen rechnen. Dass Monsanto bis drei Jahre nach Vertragsabschluß auf Hof und Feldern herumkontrollieren kann, passt vielen Farmern nicht.
Monsanto beherrscht den Markt
Nicht nur gegenüber den einzelnen Landwirten ist Monsanto übermächtig. In den letzten Jahren hat es sich von einem klassischen Chemieunternehmen mittlerer Größe zum einem weltweit operierenden Life-Science-Konzern zusammengekauft, der vor allem bei gentechnisch veränderten Pflanzen den Markt dominiert. Schon 1996 wurde das für seine "Anti-Matsch-Tomate" bekannte Unternehmen Calgene geschluckt, Anfang 1998 folgten mit De Kalb und Delta & Pine zwei weitere Konkurrenten und zugleich führende Anbieter von Saatgut für Mais- und Baumwolle. 4,3 Milliarden Dollar hat dafür Monsanto gezahlt - ein stolzer Preis, trotz der lukrativen Patente und der transgenen Sorten, die darin enthalten waren. Doch offenkundig hat sich Monsanto bei seinem Einkaufszug übernommen und fusionierte Anfang Juni mit dem Pharmariesen
American Home Products.
Bei den meisten Pflanzenarten beherrscht Monsanto das Geschäft mit den neuen Gen-Sorten. Bei Soja, Baumwolle und Kartoffeln sind die Konkurrenten weit abgeschlagen, bei Mais, wo der Schweizer Multi Novartis die erste transgene Sorte auf dem Markt hatte, holt Monsanto rasch auf, da viele Farmer beim üblichen Fruchtwechsel von Soja zu Mais schon wegen der attraktiven Rabatte mit den
Technology Power Points ihr Saatgut bei einem Anbieter kaufen. Lediglich bei herbizidresistentem Raps in Kanada bestellt vor allem AgreEvo, Tochter von Hoechst und Schering, das Feld. Allein in den USA werden 1998 auf einer Fläche 15 Mio. Hektar Pflanzen wachsen, die ein linzenzpflichtiges Genkonstrukt von Monsanto besitzen für Resistenzen gegen das hauseigene Herbizid
Roundup, gegen Frassinskten oder Viren. In Kanada, Argentinien, Mexiko und Australien kommen weitere 5,5 Mio. ha Anbauflächen mit transgenen Monsanto-Pflanzen hinzu.
Forschung für die Welt
Von der aggressiven Strategie des Konzerns, vom Tempo, mit dem die neuen Sorten auf die Felder gedrückt werden, ist im Life Science Center in Chesterfield, inmitten einer grünen, idyllischen Hügellandschaft kaum etwas zu spüren. Unten werden Böden, wie sie in den verschiedenen Regionen der Welt zu finden sind, computergesteuert zusammengemischt, vier mit Laboren und Klimakammern vollgestopfte Etagen höher wachsen auf dem Dach in Glashäusern Hunderttausende von Versuchspflanzen mit neu eingefügten Genen.
Hier werden auch die gentechnisch veränderten Nutzpflanzen der "zweiten Generation" bis an die Schwelle zum Freilandversuch geführt, etwa Raps mit veränderter Fettsäurezusammensetzung oder Baumwolle, die den blauen Farbstoff für die Jeans selbst bildet. In Chesterfield arbeiten 2000 Personen allein in der Forschung und Entwicklung neuer, zumeist transgener Nutzpflanzensorten; hier, ein paar Meilen von der Monsanto-Zentrale in St. Louis entfernt, wird investiert, was sich auf den Felder überall in der Welt amortisieren muss.
Gentechnik - ein Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft?
Schon an der Abzweigung von der Straße weist das neue Monsanto-Logo den Weg: eine grüne Pflanze und der Schriftzug "Food-Health-Hope". Die Botschaft, die da verkündet wird, ist allgegenwärtig: Nicht einfach Lebensmittel und Pharmaprodukte gilt es, zur Zufriedenheit der Aktionäre zu verkaufen, sondern "Hoffnung" - eine bessere Zukunft, Umwelt, Nachhaltigkeit und genug zu essen für die Welt.
Der Anspruch reicht weit: von einem für die USA erstaunlichen Mülltrennsystem in den Monsanto-Gebäuden, dem Veranstaltungsplakat für den Earth Day in St. Louis neben der Labortür bis zur Lösung der globalen Fragen. 1997 wurde ein eigener Arbeitsstab eingerichtet, um Produkte und Lösungen zu finden, bei denen ökonomische Ziele in "Harmonie mit Umwelt und Gesellschaft" realisiert werden sollen. Auch die transgenen Pflanzen sind für Monsanto ein wichtiger Beitrag zu einer umwelt- und ressourcenschonenden Landwirtschaft. Nicht nur Millionen von Tonnen an Pestiziden, Fungiziden oder Herbiziden könnten eingespart werden, wenn die Pflanzen diese Wirkstoff dank eines eingefügten Gens in ihren Zellen selbst bilden, sondern auch Energie und Rohstoffe für deren chemische Herstellung, dazu Treibstoff für den Transport und das Aufsprühen auf den Feldern.
Dass in Europa diese optimistische Euphorie kaum geteilt wird, ja sogar aggressive Ablehnung weckt, kann im Life Science Center kaum jemand nachvollziehen. Man schüttelt den Kopf über die heftige öffentliche Debatte, die in vielen europäischen Ländern um ökologische Risiken geführt wird und welche die EU-Zulassung in den USA bereits angebauter transgener Pflanzen immer wieder verzögert. Für Farmerverbände, Exporteure und Politiker ist das sogar Anlass, einen atlantischen Handelskrieg anzudrohen. Wenn europäische Verbraucher eine Vermischung von konventionellen und transgenen Sojabohnen als Zwang empfinden, der ihnen die Möglichkeit nimmt, über den Konsum von Lebensmitteln aus Gen-Soja frei entscheiden zu können, erscheint das in den USA vor allem als protektionistisch aufgebaute Handelsbarriere, die es einzureißen gilt. Einigen Agrarlobbyisten treiben die europäischen Kennzeichnungsvorschriften die Zornesröte ins Gesicht.
Es geht nicht allein um Verbrauchervorbehalte, für die es in Washington und bei den Farmern im Mittelwesten kein Verständnis gibt und daher auch kein Anlass sind, den eigenen, hektischen Umgang mit den Gentechnik-Produkten zu überdenken. Das Tempo bei der "Gentechnisierung" der Landwirtschaft zu drosseln, nur weil den Europäern noch nicht so weit sind wie sie selbst, ist für die meisten Amerikaner unvorstellbar. Dennoch beginnt man auch dort zu ahnen, dass mit den schweren Geschützen der Handelsverträge allein sich die europäischen Märkte nicht halten lassen.
Als 1997 Schiffe mit amerikanischem Mais für Portugal und Spanien nicht entladen werden durften, weil sich darunter auch Ernteprodukte aus noch nicht in der EU zugelassenen Maissorten befanden, entstanden, fielen wichtige Exportmärkte aus. Die Lektion war deutlich genug - und je länger der Konflikt dauert, um so eher könnten sich die amerikanischen Verbraucher den europäischen Vorbehalte anschließen. Die Furcht, sich die dortigen Akzeptanzprobleme ins eigene Land zu holen, ist groß.
In Mark Stevens Landhandel in Foristell gibt es im großen Soja-Saatgutangebot neben den vertrauten konventionellen und den
RoundupReady-Sojabohnen in diesem Jahr erstmals auch besondere Sorten, die nicht gentechnisch verändert sind. Sie sollen in einer bestimmten Form des Vertragsanbaus getrennt von den übrigen Sojapflanzen ausgesät, geerntet und zum jeweiligen Kunden transportiert werden - und deutlich mehr kosten als die Massen-Soja für die Weltmärkte. Allerdings bestellen die Farmer nur dann auf diese Art ihre Felder, wenn ein Abnehmer bereits vor der Aussaat die Ernte kauft.
Bisher ist die Nachfrage aus Europa nach diesen "gentechnikfreien" Soja bescheiden. Bis zum Winter muss nun die 1999er-Ernte geordert werden. Nicht nur die Amerikaner sind gespannt, ob die teuren, garantiert nicht gentechnisch veränderten Sojabohnen ihre Käufer finden.
Gerd Spelsberg
(erschienen in: Verbraucher-Konkret 4/98; Mitgliederzeitschrift der Verbraucher Initiative)
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