Sojabohnen Feld 2

Zwanzig Jahre Anbau von Gentechnik-Pflanzen: Gespaltene Welt

Im Frühjahr 1996 säten einige Farmer in den USA erstmals gentechnisch veränderte Pflanzen aus. Im Herbst liefen in den Häfen von Rotterdam und Hamburg Schiffe ein, die in ihren Frachträumen die ersten Produkte der Grünen Gentechnik nach Europa brachten - nicht nur auf die Teller, sondern mit einiger Verzögerung auch auf die politische Tagesordnung. Zwanzig Jahre später haben sich weder die großen Erwartungen erfüllt, noch sind die heraufbeschworenen Katastrophen und Negativszenarien eingetreten.

Gentechnisch veränderte Pflanzen: Anbau 2015 nach Ländern

Anhau gentechisch veränderter Pflanzen: Flächen 1996-2015

Großes Foto oben: sima/123RF

Gentechnisch veränderte Pflanzen weltweit: Flächen, Länder, Kulturarten. Seit der ersten Aussaat 1996 sind die mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen bewirtschafteten Flächen kontinuierlich gestiegen. Nach dem Rekordjahr 2014 gingen sie leicht auf nunmehr fast 180 Millionen Hektar zurück – mehr als das Vierfache der Gesamtfläche Deutschlands.

Trotz der gewaltigen Flächen, die heute mit gv-Pflanzen bewirtschaftet werden, ist ihr Anbau bis heute auf wenige Länder beschränkt, in erster Linie auf die großen agrar-exportierenden Länder in Nord- und Südamerika. Hinzu kommen Indien und China, die sich bisher jedoch auf eine Kulturart – Baumwolle – beschränken sowie zahlreiche Länder mit sehr viel kleineren Flächen.

Auch die Kulturarten, bei denen gv-Sorten ausgesät werden, sind die gleichen geblieben: Sojabohnen, Mais, Baumwolle und Raps. Inzwischen sind – mit großen Abstand – noch Zuckerrüben und Alfalfa (Luzerne) hinzugekommen. Einige der frühen Entwicklungen wie die berühmte Anti-Matsch-Tomate oder die ersten gv-Kartoffeln sind längst wieder vom Markt verschwunden, fortgeschrittene Entwicklungsprojekte etwa bei Weizen, Weintrauben oder Pflaumen wurden bereits vor einer möglichen Markteinführung eingestellt. Allein die Papayas auf Hawaii, deren Anbau ohne die Möglichkeiten der Gentechnik wohl dem PR-Virus zum Opfer gefallen wäre, sind eine Ausnahme.

Bei den gentechnisch neu eingeführten Eigenschaften ist es im Wesentlichen bei zwei Merkmalen geblieben: Resistenz gegen Schadinsekten (Bt-Pflanzen) sowie Toleranz gegenüber Herbiziden, wenn auch in verschiedenen Varianten und Kombinationen. Andere Merkmale - etwa Gene für Virusresistenzen, Trockentoleranz, veränderte Inhaltsstoffe und Produkteigenschaften – sind inzwischen zwar auch erfolgreich übertragen worden, doch die Flächen mit diesen gv-Pflanzen fallen bisher im Vergleich zu denen der großen Cash Crops kaum ins Gewicht.

Baumwolle, Kleinbauer in Indien

Kleinbauern in Indien: Der Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle hat ihre Lebensbedingungen verbessert.

Foto: Matin Qaim, GUA Göttingen

Nutzen für Landwirte. Für die meisten Landwirte zahlt sich die Entscheidung für gv-Sorten wirtschaftlich aus. Das trifft sowohl für die großen Agrarbetriebe in den Industrienationen zu als auch für Kleinbauern vor allem in Indien und China, die den überwiegenden Teil der insgesamt 18 Millionen gv-Pflanzen anbauenden Landwirte ausmachen.

Eine 2014 veröffentlichte Studie über die Erfahrungen in den USA zeigte, dass sich für die meisten US-Farmer trotz deutlich höherer Saatgutpreise der Anbau von gv-Sorten rechnet. Insektenresistente Bt-Pflanzen – vor allem Mais und Baumwolle – haben nicht nur ein drastisches Absinken des Insektizid-Einsatzes bewirkt. Auch die Ertragsverluste durch Schädlingsbefall gingen zurück. Anders bei herbizidtoleranten gv-Sorten: Hier stieg der Verbrauch von Herbiziden sogar wieder an, vor allem weil sich in Folge von Anwendungsfehlern nach einiger Zeit resistente Unkräuter auf den Agrarflächen ausbreiteten, gegen die das Herbizid – vor allem Glyphosat – seine Wirksamkeit eingebüßt hatte. Der wirtschaftliche Vorteil des Unkrautbekämpfungskonzepts aus gv-Pflanzen und dazu passendem Herbizid liegt dagegen in seiner Effektivität. Die Landwirte sparen Zeit und können Arbeitskraft und Maschinen flexibler einsetzen.

Nach einer Meta-Analyse, für die Göttinger Agrarwissenschaftler 147 Studien aus verschiedenen Ländern analysiert haben, stiegen die Ernteerträge mit dem Anbau von gv-Pflanzen durchschnittlich um 22 Prozent. Die Menge der eingesetzten Pflanzenschutzmittel ging insgesamt um 37, bei insektenresistenten Bt-Pflanzen sogar um 42 Prozent zurück. Die positiven wirtschaftlichen Effekte - mehr Ertrag und Einkommen - sind in den Entwicklungsländern deutlich ausgeprägter als in den Industrieländern.

Trotz einzelner Berichte über Probleme und Misserfolge: Für die Mehrzahl der Landwirte bringen gv-Sorten Vorteile – für viele Kleinbauern in Entwicklungsländern sogar die Chance, damit ihre Lebensbedingungen deutlich zu verbessern. Überall können die Landwirte zwischen konventionellen und gv-Sorten wählen. In der Mehrzahl haben sie sich nach ersten Erfahrungen im Folgejahr offenbar erneut für gv-Sorten entscheiden.

Soja, Handel

Globaler Sojahandel. In den Erzeugerländern Nord- und Südamerikas werden zu etwa 95 Prozent gentechnisch veränderte Sojabohnen angebaut.
Grafik: DIB

Europa bleibt skeptisch. Obwohl die gv-Ernteprodukte aus Nord- und Südamerika rund um den Globus exportiert werden, zögern viele Länder, den Anbau solcher Pflanzen bei sich zuzulassen. Nicht nur in Europa, sondern beispielsweise auch in Indien, den Philippinen und inzwischen sogar in den USA ist die Grüne Gentechnik gesellschaftlich umstritten. Das Misstrauen in das Sicherheitsversprechen der Wissenschaft ist gewachsen, aber auch die Sorge, mit gv-Pflanzen in Abhängigkeit von internationalen Konzernen zu geraten und die eigene Ernährungssouveränität einzubüßen.

Mit Ausnahme Spaniens und wenigen anderen Ländern ist Europa aus der praktischen Nutzung der Gentechnik ausgestiegen. Die meisten EU-Mitgliedstaaten – auch Deutschland - haben sich auf neuerdings mögliche nationale Ausstiegsklauseln berufen und damit den Anbau in der EU zugelassener und als sicher eingestufter gv-Pflanzen aus politischen Gründen verboten. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Gleichzeitig sind trotz hoher Zulassungshürden und komplizierter politischer Entscheidungsprozesse etwa 60 verschiedene gv-Pflanzen (Events) für den Import in die EU zugelassen und dürfen hier als Lebens- und Futtermittel verwendet werden.

ZDF-heute zu Genmais

Seralinis Ratten. „Erhöhtes Krebsrisiko durch Gen-Mais“ titelten die Medien über die Studie. Später wurde sie wegen gravierender wissenschaftlicher Mängel zurückgezogen.

Risiken: Nicht bestätigt. Bisher gibt es in der Praxis keine Hinweise auf besondere Gefahren durch gv-Pflanzen - weder für die Umwelt, noch für die Gesundheit von Menschen und Tieren. Die Konzepte zur wissenschaftlichen Sicherheitsbewertung, die weltweit bei der Zulassung von gv-Pflanzen und den daraus gewonnenen Produkten angewandt werden, haben sich als tauglich erwiesen. Die derzeit genutzten gv-Pflanzen sind nicht weniger sicher als vergleichbare konventionelle Produkte. Das bestätigen auch die Stellungnahmen zahlreicher wissenschaftlichen Kommissionen und Gesellschaften. Dieser von einer großen Mehrheit der Wissenschaftler getragene Konsens wird auch durch eine Auswertung von knapp 1800 Studien und Untersuchungen zu verschiedenen Sicherheitsaspekten von gv-Pflanzen bestätigt.

Allerdings erregten einzelne Studien, deren Ergebnisse diesem Konsens zu widersprechen schienen, wiederholt die öffentliche Aufmerksamkeit. Etwa eine Studie des franzözischne Toxikologen Gilles-Eric Séralini, der bei einem Fütterungsversuch mit einem gv-Mais bei Ratten eine erhöhte Anfälligkeit für Tumore festgestellt haben wollte, oder eine österreichiche Mehrgenerationen-Studie, bei der Mäuse weniger Nachkommen zur Welt brachten, wenn sie einen bestimmten gv-Mais im Futter hatten. Fast alle diese Studien wurden wegen wissenschaftlicher und anderer Mängeln später wieder zurückgezogen, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nahm.

Was Kritiker häufig als „Gentechnik-Unfälle“ darstellen, sind unerlaubte oder unbeabsichtigte Vermischungen von konventionellen und GVO-Produkten. So wurden etwa Spuren nicht zugelassener gv-Pflanzen in Reis, Mais oder Leinsamen gefunden. Bei den meisten dieser Fälle handelt es sich um Gesetzesverstöße und mangelnde Sorgfalt im Umgang mit GVO-Produkten, die oft große wirtschaftliche Schäden zur Folge hatten, aber keine Gefahr für Umwelt und Gesundheit darstellten.

Gentechnisch veränderte Pflanzen nach Merkmalen 2014

Was kommt? In den nächsten Jahren werden mehr gv-Pflanzen mit bisher wenig genutzen Merkmalen Marktreife erlangen.

Die nächsten zehn Jahre. Vieles deutet darauf hin, dass die nächsten zehn Jahre für die Grüne Gentechnik nicht einfach eine Fortschreibung der bisherigen Geschichte sein werden. In der Pipeline neuer gv-Pflanzen, deren Entwicklung weit fortgeschritten ist, rücken bisher weniger wichtige Merkmale stärker nach vorn, etwa Stress- und Trockentoleranz, Resistenzen gegen Pilz- und Virenkrankheiten oder Anreicherung mit Nährstoffen. Eine Reihe afrikanischer Staaten, aber auch Indien, Vietnam oder Bangladesh geben sich gerade eigene Gentechnik-Gesetze und bauen geeignete Behörden auf, Anzeichen dafür, künftig stärker gv-Pflanzen nutzen zu wollen.

Vor allem aber wird sich mit den gerade viel diskutierten neuen Züchtungsverfahren - insbesondere Genome Editing und CRISPR/Cas - vieles ändern. Vor allem dann, wenn so editierte Pflanzen rechtlich nicht als „gentechnisch verändert“ eingestuft werden sollten. Die neuen Verfahren sind einfacher, schneller, präziser und damit sicherer - die klassische Gentechnik würde an Bedeutung verlieren.

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