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Am Rowett Research Institut (RRI) im schottischen Aberdeen wurden 1997/98 Fütterungsstudien mit gentechnisch veränderten Kartoffeln durchgeführt. Die Studien waren Teil eines Forschungsprojektes, dessen Ziel es war, bestimmte Proteine zu finden, welche die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegen schädliche Insekten steigern, ohne die Gesundheit der Konsumenten zu beeinträchtigen. Lektine. Wirkstoffe aus Schneeglöckchen. Das Interesse konzentrierte sich auf eine bei Pflanzen weit verbreitete Protein-Gruppe, die Lektine. Leiter der Fütterungsversuche am RRI und Koordinator des gesamten Projektes war Prof. Arpad Pusztai, ein international anerkannter Lektin-Experte. An dem Projekt waren außerdem Arbeitsgruppen des SCRI (Scottish Crop Research Institut) und der Universität Durham beteiligt.
Fütterungsversuche mit Ratten. Pusztais Aufgabe bestand darin, die gesundheitliche Wirkung des gentechnisch auf Kartoffeln übertragenen Schneeglöckchen-Lektins experimentell zu überprüfen. Dazu wurden Fütterungsstudien mit Ratten durchgeführt. Pusztai verabreichte die Kartoffel-Lektin-Diät in mehreren Varianten:
Pusztais Befund: Unsicherheit durch Gentechnik. Pusztai fand nach Auswertung seiner Fütterungsversuche veränderte Organgewichte und Anzeichen für eine Schädigung des Immunsystems - auffällig nur bei denjenigen Ratten, welche Kartoffeln gefressen hatten, in denen das Lektin gentechnisch angereichert war. Wurde der gleiche Stoff als Futterzusatz beigemischt, zeigten die damit gefütterten Ratten keine vergleichbaren Symptome. Seine Schlussfolgerung lautete: Nicht die Wirkung des übertragenen Lektin-Gens ist die Ursache für die schädlichen Wirkungen bei den Ratten, sondern andere Teile der eingeschleusten Gensequenzen, die auf noch unbekannte Weise der Kartoffel eine neue Toxizität verleihen. Aus Pusztais Sicht stellten prinzipiell alle transgenen Pflanzen, unabhängig von der Wirkung des neu eingefügten Gens, ein potenzielles Gesundheitsrisiko dar. Da seiner Meinung nach die derzeitige Praxis bei der Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen entsprechende Sicherheitstests nicht vorsehe, würden die Verbraucher als Versuchstiere missbraucht. Pusztai stellte seine Ergebnisse und Schlussfolgerungen im August 1998 erstmals vor - in einem spektakulären Fernsehinterview, noch bevor er seine Kollegen im Rowett Research Institut und seine Kooperationspartner informiert hatte. Zwei Tage nach Ausstrahlung des Interviews entließ ihn die Institutsleitung. Beweis für Sicherheitslücken oder Fehler im Versuch. Vor allem in Großbritannien löste Pusztai eine erregte, lang anhaltende öffentliche Diskussion aus - sowohl über seinen konkreten Versuch, als auch über Genfood im Allgemeinen. Für die einen waren Pusztais Fütterungsversuche der Beweis, dass die derzeitigen Verfahren zur Sicherheitsbewertung von Gen-Lebensmitteln nicht ausreichten. Andere hielten die Durchführung des Versuchs für mangelhaft. Daher seien Pusztais Ergebnisse nicht verwertbar und seine Schlussfolgerungen nicht gerechtfertigt. Pusztai und seine Kartoffeln brachten die zuvor wohlwollend-neutralen Briten dazu, Genfood mehrheitlich abzulehnen. Viele forderten ein Moratorium für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen und keine weiteren Zulassungen, bis die gesundheitliche Unbedenklichkeit zweifelsfrei erwiesen sei. Verschiedene Handelsunternehmen, Restaurants, Kantinen und sogar die Fast-Food-Ketten erklärten, künftig auf gentechnisch veränderte Zutaten verzichten zu wollen. In Deutschland waren die Reaktionen etwas gelassener. Gentechnik-kritische Wissenschaftler forderten, gentechnisch veränderte Lebensmittel erst nach gründlichen Fütterungsstudien zuzulassen. Bisher schreiben die EU-Verordnungen und Richtlinien solche Studien nicht zwingend vor. Allerdings haben die Unternehmen, die gentechnisch veränderte Sojabohnen und Mais entwickelt haben, Fütterungsstudien an verschiedenen Tierarten durchgeführt, ohne dass Auffälligkeiten wie bei Pusztais Kartoffeln bekannt geworden wären. |
Dokumentation der wissenschaftlichen Kontroverse |
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