„Höheres Krebsrisiko durch Gen-Mais“: Schlechte Studie, aggressive Kampagne

(24.09.2012) Die aktuelle Ratten-Studie französischer Wissenschaftler um Gilles-Eric Séralini gerät zunehmend in die Kritik. Nicht nur die Fütterungsversuche selbst und die daraus abgeleiteten Ergebnisse werden von vielen Fachkollegen in Zweifel gezogen, sondern auch eine gezielt gesteuerte Medienkampagne. Nur ausgewählte Journalisten hatten die Studie erhalten. Sie mussten sich verpflichten, sie bis zur Veröffentlichung vertraulich zu behandeln und nicht die Meinung anderer Wissenschaftler dazu einzuholen. Die meisten großen Zeitungen und Fernsehanstalten übernahmen die Darstellung der Studie und stellten deren Schlussfolgerung, gentechnisch veränderter Mais führe zu einem höheren Krebsrisiko, als Tatsache hin.

ZDF-heute zu Genmais

„Höheres Krebsrisiko durch Genmais .“ So wie die ZDF-Heute-Sendung vom 20. September haben viele Medien in Deutschland die vorgeblichen Ergebnisse der Séralini-Studie als Tatsache hingestellt. Rückfragen bei anderen Wissenschaftlern gab es nicht.

Foto: Screenshot ZDF

Ratten mit Tumoren

Ratten mit wuchernden Tumoren: Die Macht dieser Bilder verfehlten ihre Wirkung nicht. Doch inzwischen gibt es erhebliche Zweifel, ob tatsächlich der gv-Mais NK603 Ursache solcher Erkrankungen ist.

Foto: Nouvel Observateur

„Ja, gentechnisch veränderte Organismen sind Gift“, mit dieser Schlagzeile schreckte die französische Zeitung Le Nouvel Observateur die europäische Öffentlichkeit auf. Sie berief sich auf eine Studie der Wissenschaftler-Gruppe um Gilles-Eric Séralini, die Ratten über zwei Jahre mit gentechnisch verändertem Mais NK603 sowie mit dem Herbizid Roundup (Glyphosat) gefüttert hatten. Dabei sollen sich bei deutlich mehr Tieren Tumore sowie Leber- und Nierenschäden entwickelt haben als bei der mit normalem Mais gefütterten Kontrollgruppe.

Die Nouvel Observateur-Redaktion hatte die Studie zuvor exklusiv unter der Bedingung erhalten, sie vor der Veröffentlichung in der Zeitschrift Food and Chemical Toxikology nicht anderen Wissenschaftlern zur Kommentierung vorzulegen. Weitere von der Gruppe um Séralini ausgewählte Journalisten mussten ähnliche Verpflichtungen unterschreiben. Dieses Vorgehen sei „unüblich“, kritisierte die Nachrichtenagentur Reuters. Auch die britische BBC und Andrew Revkin von der New York Times wiesen auf Einschränkungen für eine differenzierte, unabhängige Berichterstattung hin.

Diese Strategie verschaffte der Studie und den daraus abgeleiteten Botschaften einen medialen Vorsprung. Dass „Gen-Mais Krebs verursacht“, passt zudem in die verbreitete Wahrnehmung einer gentechnik-skeptischen Öffentlichkeit.

Nachrichtenagenturen, viele Zeitungen und Fernsehanstalten in Deutschland und Frankreich übernahmen daher - in der Regel ohne andere Meinungen einzuholen - die Sichtweise der Studie, oft noch verstärkt durch schockierende Bilder von weißen Laborraten mit grotesk wuchernden Tumoren. Umgehend kündigte der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault an, seine Regierung werde sich in der EU für ein Verbot gentechnisch veränderter Lebensmittel einsetzen, sollten sich Séralinis Ergebnisse bestätigen. Andere Minister, auch der Baden-Württembergische Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) forderten ein sofortiges Importverbot für gentechnisch veränderten Mais.

Dagegen hielten sich andere Wissenschaftler, aber auch Fachbehörden wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) oder die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach den ersten spektakulären Berichten und Bildern zunächst mit Stellungnahmen zurück. Mehrere verwiesen auf zahlreiche bereits abgeschlossene Langzeitstudien zu gv- Lebens- und Futtermitteln, bei denen keine erhöhten gesundheitlichen Risiken gefunden worden waren. Für eine seriöse Überprüfung der Séralini-Studie benötige man Zeit und weitere Daten, die in der veröffentlichten Fassung der Studie nicht enthalten waren.

Doch inzwischen hat die Kritik der Studie deutlich zugenommen. So habe die Séralini-Gruppe für ihre Versuche einen Rattenstamm (Sprague-Drawley) verwendet, dessen Anfälligkeit für Krebserkrankungen schon lange bekannt sei. Dabei wird auf eine frühere Studie verwiesen, bei der achtzig Prozent dieser Ratten nach zwei Jahren spontan - ohne äußere Einflüsse - Tumore entwickelt hatten. Bemängelt wird auch, dass die Zahl der Tiere in den Versuchsgruppen zu gering gewesen sei, um mögliche Effekte von zufälligen Streuungen unterscheiden zu können. „Die Statistiken sind so schlecht gemacht, dass es nicht klar ist, ob es zwischen den Kontrollgruppen irgendeinen signifikanten Unterschied gibt,“ sagte die an der Universität Wien arbeitende Toxikologin Michelle Epstein gegenüber dem österreichischen Standard. „Schwere Mängel“ bei der Studie listet auch der Biologenverband VBIO auf.

Bisher weigert sich Séralini die Rohdaten seiner Untersuchungen zugänglich zu machen. In einer online-Petition fordern ihn nun zahlreiche Wissenschaftler auf, seine Daten und weitere für eine wissenschaftliche Bewertung der Studie relevanten Informationen offenzulegen.