EU (Tschechien, Schweden, Deutschland; 2010-2011)
USA (1999-2001), Kanada, Rumänien (1999)
- Merkmal
Veränderte Stärkezusammensetzung (Europa), Resistenz gegen
Schadinsekten und Viren (USA, Kanada)
Landwirtschaft
Kartoffeln werden weltweit von den
gemäßigten Klimaregionen bis in die Subtropen angebaut. Die Ernte
belief sich 2009 weltweit auf 330 Millionen Tonnen.
Hauptanbauländer sind China, Russland, Indien, die
Ukraine, die USA, Deutschland und Polen.
Verwendung
In Deutschland gelangt etwas mehr als die Hälfte
der Kartoffelernte direkt oder verarbeitet auf den Tisch, nur knapp
fünf Prozent werden an Nutztiere verfüttert und etwa ein Drittel
geht in die Stärkeindustrie.
Weniger Appetit auf Kartoffeln: Jeder
Deutsche verzehrt heute nur noch halb so viel
Speisekartoffeln wie 1950, und davon die Hälfte in
Form verarbeiteter Produkte.
Grafik: bioSicherheit
Lebensmittel und Zutaten:
Der Verzehr an Kartoffeln geht in Deutschland seit
Langem zurück.
Um 1900 verspeiste jeder Deutsche durchschnittlich 285 kg im Jahr,
heute sind es nur noch knapp 70 kg im Jahr; davon sind etwa 45 Prozent industriell verarbeitete Produkte:
Kartoffelstärke ist die Basis für unzählige Lebensmittelzutaten (Verdickungs- und Bindemittel) und Grundstoff für den Prozess der
Stärkeverzuckerung, aus dem zahlreiche Zutaten und Zusatzstoffe hervorgehen.
Nachwachsende Rohstoffe, Energiepflanzen
Etwa 30 Prozent der Stärke wird im Non-Food-Bereich verarbeitet:
vor allem zu Kleb- und Schmierstoffen, in der Papier- und Wellpappeherstellung,
als Verpackungen und zu Baustoffen.
Kartoffelstärke kann durch Umwandlung in Ethanol und Methan auch zur
Energiegewinnung genutzt werden.
Gentechnik: Ziele bei Forschung und Entwicklung
Das Genom der Kartoffel wurde inzwischen vollständig
sequenziert. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten für eine
molekularbiologisch ausgerichtete Pflanzenzüchtung.
Anbaueigenschaften
Resistenzen gegen Krankheitserreger
Pilzresistenz: etwa gegen den Erreger der
Kraut- und Knollenfäule (Phytophthora infestans).
Dieser Pilz verursacht Ernteausfälle von etwa 20 Prozent und ist nur
schwer zu bekämpfen. In der Regel werden dagegen chemische und andere
Pflanzenschutzmittel (Fungizide) eingesetzt. BASF Plant Science hat eine phytophthora-resistente
gv-Kartoffel (Fortuna) entwickelt. Die Resistenz geht auf
zwei Gene aus Wildkartoffeln zurück, die gentechnisch auf eine
Kultursorte übertragen wurde. Zwar ist die EU-Zulassung für Anbau und
Verwendung als Lebens- und Futtermittel beantragt, doch eine
Markteinführung wird vorerst nicht angestrebt.
Virusresistenz,
etwa gegen den Potato Virus Y (PVY) oder den
Balltrollvirus (Leaf roll virus, PLRV), beide Auslöser
von Pflanzenkrankheiten.
Bakterienresistenz gegen Knollennassfäule
und Schwarzbeinigkeit
Resistenzen gegen Schädlinge
Insektenresistenz: z.B. gegen den Colorado- oder Kartoffelkäfer, durch Übertragung von Genen für
Bt‑Toxine
Nach der Zulassung mehrerer gv-Kartoffellinien mit Resistenzen gegen
Viren und Schädlinge wurde ihr Anbau in den USA 2001 eingestellt.
Die Kartoffeln (Markenname New Leaf) konnten die Erwartungen der Landwirte nicht erfüllen.
Außerdem wollten einige große verarbeitende Unternehmen die gv-Kartoffeln nicht abnehmen.
Acrylamid-reduzierte Kartoffel: Das potenziell
krebsauslösende Acrylamid entsteht bei Brat- und Bräunungsvorgängen von
Kartoffelprodukten unter sehr hohen Temperaturen. Asparagin, eine
Aminosäure, ist an der Acryamid-Bildung beteiligt. In den USA ist eine
gv-Kartoffel entwickelt worden, bei der durch Abschalten eines Gens weniger
Asparagin gebildet wird. Dadurch sollen Fritten oder Kartoffelchips mit
weniger Acrylamid belastet sein. Der Zulassungsantrag für diese Kartoffel
wurde im Juli 2011 in den USA eingereicht.
Kohlenhydratstoffwechsel:
Modifikation der kartoffeleigenen Zusammensetzung von Stärke oder Zuckern,
um den Geschmack zu beeinflussen bzw. die Braunfleckigkeit zu reduzieren und
das Bräunungsverhalten beim Braten zu verbessern.
Höherer Proteingehalt: In Indien wurde einer
Kartoffel ein Gen aus der Pflanze Amaranth eingefügt und damit erreicht,
dass die Kartoffelknollen einen bis zu 60 Prozent höheren Proteingehalt haben und mehr essentielle
Aminosäuren
enthalten.
Geringerer Solaningehalt. Solanin ist ein
Alkaloid, das vor allem in Nachtschattengewächsen wie Tomaten und Kartoffeln
gebildet wird und schwach giftig ist.
Anreicherung mit gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen,
etwa
Zeaxanthin, ein Carotinoid,
das einer Augennetzhaut-Degeneration vorbeugen soll
Erhöhter Anteil an Beta-Carotin, einer Vorstufe von Vitamin A
Nachwachsende Rohstoffe
Veränderte Zusammensetzung der Inhaltsstoffe
Die Kartoffel bildet Stärke in
zwei verschiedenen Formen: Amylose und Amylopektin.
Die Stärkeindustrie benötigt je nach Verwendungszweck entweder Amylose-
oder Amylopektinstärke. Für viele industrielle Anwendungen (z.B. Grundstoff
für Folien, Kleister, Verpackung), aber auch für bestimmte Stärkezutaten ist
vor allem die Amylopektinstärke von Interesse. Mit Hilfe der Gentechnik sind Kartoffeln erzeugt worden, die ausschließlich Amylopektin
enthalten. Die Trennung der beiden Stärketypen, die heute in einem
aufwändigen Verfahren durchgeführt werden muss, könnte entfallen.
BASF Plant Science hat mehrere solcher Stärkekartoffeln entwickelt. Eine
davon (Amflora) wurde 2010 in der EU zugelassen. 2012 wurde
Produktion von Cyanophycin in Kartoffelknollen zur
Herstellung des biologisch abbaubaren Kunststoffs Polyaspartat
Produktion von pharmazeutischen Wirkstoffen
Molecular Pharming: Nutzung
von gentechnisch veränderten Kartoffeln als System zur Produktion von
Arzneimittelwirkstoffen bzw. Impfstoffen
Grundlagenforschung
Das Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie in Golm
forscht an Kartoffeln mit veränderter Spaltöffnungsdichte. Über
Spaltöffnungen findet bei Pflanzen der Gasaustausch statt, der einen
begrenzenden Faktor für den Stoffwechsel darstellt. In Freisetzungsversuchen
wurde untersucht, unter welchen Bedingungen eine erhöhte Spaltöffnungsdichte
die Stärkeproduktion und das Knollenwachstum steigert.
Freilandversuche mit gv-Kartoffeln
EU
Genehmigte Anträge
302
Länder
Deutschland 76,
Niederlande 66, England 42, Schweden 37,
weitere in Spanien, Frankreich, Dänemark, Italien, Tschechien,
Finnland, Portugal, Belgien, Österreich, Polen, Irland, Ungarn
Zeitraum
1989-2011
Merkmale
Stärkezusammensetzung, Pilz-, Nematoden- und Virusresistenz,
veränderte Inhaltsstoffe
Gezählt
werden jeweils verschiedene gv-Kartoffel-Linien (Events).
Anbau
EU
2010 wurde die Stärke-Kartoffel Amflora in Tschechien auf 150 ha,
in Schweden auf 80 ha und in Deutschland auf 15 ha angebaut, 2011 in
Schweden und Deutschland (auf 2 ha). - Anfang 2012 hat BASF Plant
Science die weitere Vermarktung eingestellt.
USA
1999 wurden in den
USA auf etwa 25.000 ha gentechnisch veränderte Kartoffeln
mit Resistenzen gegen Insekten und Viren angebaut. 2001 wurde der
Anbau eingestellt.
Weitere Länder
Kanada, Rumänien
1999. Anbau wurde nicht fortgeführt.
Amflora-Kartoffel: 13 Jahre Zulassung, zwei Jahre Anbau.
Nach langen Auseinandersetzungen wurde der Anbau der
gentechnisch veränderten Amflora-Kartoffel in der EU 2010
genehmigt. Anders als herkömmliche Kartoffeln bildet sie nur
Amylopektin-Stärke und kann so in der Stärkeindustrie besser
verarbeitet werden. Doch über kleine Anbauflächen in
Schweden, Tschechien und Deutschland kam sie nie hinaus.
Anfang 2012 gab BASF die weitere Vermarktung auf.
Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln: Es gibt kaum eine
Pflanzenkrankheit, die von einem so raffinierten Erreger
ausgelöst wird. Er ist sehr anpassungsfähig und kann eingezüchtete Resistenzen rasch überwinden.
Damit die Schäden nicht über Hand nehmen,
bleibt den Landwirten nichts anderes übrig,
als immer wieder zu spritzen. Und die Ökolandwirte greifen zu
schwermetallhaltigen Kupferpräparaten - nicht gerade
umweltfreundlich. Jetzt gibt es eine gentechnisch veränderte
Kartoffel, in die zwei Resistenzgenen aus Wildkartoffeln
eingeführt wurden. Sie verspricht gute Erträge und kann
einen Befall durch die Kraut- und Knollenfäule gut
überstehen. Dennoch wird sie wohl vorerst nicht auf den
Markt kommen.
Bio-Plastik aus Kartoffeln. Erste Versuche im
Freiland: Kartoffeln sollen einen Grundstoff für einen
biologisch abbaubaren Kunststoff liefern. Auch die
Umweltsicherheit dieser gentechnisch veränderten Kartoffeln
wird untersucht.
An der Entwicklung von Pflanzen mit den aufgeführten
Merkmalen wird bisher nur im Labor oder Gewächshaus
geforscht.
Die Entwicklung von Pflanzen mit den aufgeführten
Merkmalen ist relativ weit fortgeschritten. Es haben bereits
Versuche mit gv-Pflanzen im Freiland stattgefunden.