Gentechnisch veränderte Sojabohnen in Brasilien: Lange illegal, nun fast flächendeckend

Nach jahrelangen politischen und juristischen Auseinandersetzungen ist der Anbau von gentechnisch veränderten Sojabohnen in Brasilien seit 2006 gesetzlich geregelt. Seitdem sind die mit gv-Sorten bewirtschafteten Flächen steil angestiegen und haben inzwischen einen Anteil von mehr als 90 Prozent der Sojaproduktion erreicht. Mehrere Jahre haben brasilianische Landwirte mit eingeschmuggeltem Saatgut illegal gv-Sojabohnen angebaut.

Brasilien ist nach den USA weltweit der zweitgrößte Sojaproduzent. Zusammen mit Argentinien decken diese Länder drei Viertel des Welt-Sojabedarfs. Allein in Brasilien haben sich in den letzten zehn Jahren die Anbauflächen für Soja fast verdoppelt. China hat inzwischen Europa als wichtigstes Importland abgelöst.

Etwa 80 Prozent der Welt-Sojaproduktion entfallen auf gentechnisch veränderte Sorten. In den USA beträgt deren Anteil fast 95 Prozent, in Argentinien ist der konventionelle Anbau nahezu verschwunden (GVOGVO-Anteil: 99 Prozent).

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Sojaanbau in Brasilien 1997-2013: Gesamtfläche und Flächen mit gv-Sojabohnen in Mio. Hektar

Brasilien: Die "ohne Gentechnik"-Märkte in Europa verlieren an Bedeutung

Brasilien war lange Zeit das einzige große Exportland, das offiziell "ohne Gentechnik" produzierte. Die europäische Lebensmittelwirtschaft, die eine Gentechnik-Kennzeichnung ihrer Produkte vermeiden will, bezieht "gentechnik-freie" Sojarohstoffe in der Regel aus Brasilien. 

Der Verzicht auf den Anbau von gv-Sojabohnen sollte der brasilianischen Landwirtschaft gegen die Konkurrenz aus Argentinien und den USA einen Vorteil auf dem besonders sensiblen Markt in Europa verschaffen, hieß es lange Zeit. 

Doch in den letzten Jahren ist für die brasilianischen Sojaproduzenten vor allem China als Absatzmarkt interessant geworden. Das Land führt inzwischen große Mengen Sojarohstoffe ein. Dort ist die Verwendung von gv-Sojabohnen als Futter- und Lebensmittel erlaubt.

Der jahrelange illegale Anbau hat Fakten geschaffen

Anders als in den Nachbarländern war der Anbau von gv-Sojabohnen in Brasilien bis 2003 offiziell verboten. Über Jahre wurde gentechnisch verändertes Saatgut aus Argentinien oder Paraguay nach Brasilien geschmuggelt und vor allem in dem südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul angebaut. Der illegale Anbau von gv-Soja erreichte hier einen Anteil von etwa 30 Prozent der Produktion. Damit wurden Fakten geschaffen, die politisch nicht ignoriert werden konnten. 

Schritt für Schritt lockerte die brasilianische Regierung das Anbauverbot für gentechnisch veränderte herbizidtoleranteherbizidtolerante Sojabohnen (RoundupReady).

  • Im Juni 2003 wurde in Brasilien erstmals der Verkauf von illegal angebautem gv-Soja freigegeben und eine Kennzeichnung von GVO-Anteilen über 1,0 Prozent  vorgeschrieben.

  • Bis 2006 war durch mehrfach verlängerte Dekrete des damaligen Präsidenten Lula da Silva der Anbau von gv-Soja unter bestimmten Bedingungen erlaubt.

  • Mit einem auch vom Parlament unterstützten Gesetz wurde ab 2006 der Anbau von gv-Sojabohnen in Brasilien endgültig geregelt.

2013 betrug der Anteil gv-Sorten an der nationalen Sojaerzeugung etwa 95 Prozent. Inzwischen ist in Brasilien nicht nur der Anbau weiterer gv-Sojabohnen in Brasilien erlaubt, sondern auch verschiedene Sorten von gv-Mais und gv-Baumwolle. Die staatliche Agrarforschung setzt stark auf die Möglichkeiten gentechnischer Verfahren. So werden etwa - teils in Kooperation mit Unternehmen - virusresistente gv-Bohnen und gv-Zuckerrohr mit höherem Zuckergehalt entwickelt.

Im Süden mit Gentechnik, im Norden ohne

Inzwischen zeichnet sich die Aufteilung Brasiliens in zwei unterschiedliche Soja-Anbauzonen ab. 

  • Der Anbau von gv-Sorten in Brasilien konzentriert sich vor allem auf die südlichen Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Paranà. Der Anteil von gv-Soja an der Gesamt-Sojaproduktion wird 2013/2014 für diese Regionen auf 99 Prozent bzw. 85 Prozent geschätzt. Wie ihre Kollegen in den USA und Argentinien produzieren die brasilianischen Farmer für den allgemeinen Weltmarkt. Eine Trennung in konventionelle und GVO-Qualitäten ist technisch zu aufwändig und teuer. 

  • Der Norden des Landes setzt weiter auf den konventionellen Sojaanbau. Anbau, Lagerung und Transport werden so organisiert, dass möglichst wenige GVO-Beimischungen zu erwarten sind. Damit wird die Nachfrage nach "gentechnik-freien" Rohstoffen gedeckt, deren GVO-Anteil unterhalb der in der EU gültigen Kennzeichnungsschwelle von 0,9 Prozent  bleibt. Für "gentechnik-freies" Soja wird ein Aufpreis gezahlt.

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08. Juli 2014 [nach oben springen]

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