Anne K. hat geschrieben:
Jedoch möchte ich mich hier nicht unbedingt auf die Seite der Pro-Gen-Anhänger schlagen, denn wenn ich die Geschehnisse der letzten Jahre verfolge, bliebe mein Gewissen dabei auf der Strecke.
[...] Es bleibt allgemein festzustellen, dass die anfängliche Euphorie unter den Biologen (zu denen ich mich zählen darf) stetig zurückweicht und eine Kosten-Nutzen-Abwägung von Gen-Produkten immer mehr in den Vordergrund rückt. An welchen Punkten (Super-Unkräuter, Resistenzen, Spritzmittelverbrauch etc.) dies aufzuzeigen ist, brauche ich hier nun meines Erachtens nicht weiter auszuführen.
Nochmal zur Erinnerung oder auch als Basisinformation für den ein oder anderen, der sich noch mit vorsteinzeitlichen Theorien aufhält:
Von der wissenschaftlichen Seite her betrachtet, ist festzustellen, dass im Umgang mit transgenen Organismen höchste Vorsicht geboten ist.
Anne, unter Kollegen gehe ich davon aus, dass das Du OK für Dich ist.
Die allermeisten der hier mitdiskutierenden Wissenschaftler (eigentlich habe ich den Eindruck, alle) sind gar keine "Pro-Gen-Anhänger", wie Du das ausdrückst. OK, doch sind wir, weil ohne Gen(e) wäre das Leben ja langweilig.
Wir sind aber keine "Pro-Gentechnik-Anhänger!" Wir sind alle davon überzeugt, dass GVO vernünftig untersucht und reguliert werden müssen, bevor eine Zulassung als Futter- oder Nahrungsmittel oder zum Anbau gegeben werden kann.
Wir sind genauso davon überzeugt, dass dies für alle bislang zugelassenen Pflanzen aber getan wurde, und dass die derzeitige Regulierung nach den bisherigen Erfahrungen strenger sind, als sie sein müssten (an vielen Stellen zumindest). Und dass es der Implementierung der Regulierung und der Gegnerschaft zu schulden kommt, dass nur große Konzerne Produkte überhaupt auf den Markt bringen können.
Eine Grundlagenforschung tätigende UNI könnte sich das niemals leisten.
Natürlich muss es eine Kosten-Nutzen-Analyse geben. Wir fordern das immer wieder. Aber man darf dabei auch nicht ausser Acht lassen, was die Gentechnik an sich, bzw. eine bestimmte Pflanze an nutzen bringen kann, und wie dieses Nutzungspotential ausgschöpft wird.
Wir alle sind uns sicher einig, dass chemische Spritzmittel an sich nicht des Teufels sind. Es sind Mittel, die zu bestimmten Zwecken auf bestimmte Art und Weise, in sinnvoller Dosierung unter Verwendung angepasster Techniken anzuwenden sind.
Wenn man da irgendetwas falsch macht, kann man natürlich ganz schnell auch Nützlinge umbringen, Gewässer vergiften, oder dem Endverbraucher eine gute Dosis Chemie im Gemüse mitgeben.
Nur weil es dazu kommt, sollte der Schluss aber nicht sein, dass die Verwendung der Chemie, oder eben die Chemie an sich schlecht ist!
Mit GV-Pflanzen ist das genauso. Die machen ja schließlich nicht die Super-Unkräuter. Die machen die Anwender, weil sie ständig nur auf ein Spritzmittel setzen und weil sie keine vernünftige Rotation machen. In den USA ist die Landwirtschaft halt eine andere, als hier. Da wird Staatenweit mal nur Mais und Soja in Rotation angebaut. Das würde hier keiner eine Landwirtschaft nennen...
Ein wichtiger Punk ist auch: was Du da ansprichst - "Super"unkräuter, Spritzmitteleinsatz, Resistenzen - ist nichts, was nur mit Gentechnik etwas zu tun hat.
Dies tritt beim konventionellen Pflanzenbau, im integrierten Pflanzenschutz auf - und davon sind GV Pflanzen aktuell nur ein kleiner Teil.
Du solltest nicht vergessen, dass es konventionell gezüchtete Pflanzen gibt, die Resistenzen gegen Spritzmittel haben.
Die dürfen einfach so angebaut werden. Ohne das jemand danach fragt, wie es mit Auskreuzung und Resistenzentwicklungen so aussieht. Dabei tritt das hier natürlich in gleicher Weise auf.
Und gerade
darüber rege ich mich am meisten auf. Und viele andere Diskutanden hier auch: das einfach mit Zweierlei Maß gemessen wird. Einfach deshalb, weil Gentechnik als schlecht und böse antizipiert wird, ohne mal einen Gedanken darüber zu verwenden, wie eigentlich das aktuelle System aussieht und welche Vorgänge und Konsequenzen dort vonstatten gehen.
Es ist für mich vollkomme unverständlich, warum konventionell gezüchtete Pflanzen, die eine Resistenz gegen Spritzmittel haben, nicht eingehend in Bezug auf Folgeeffekte geprüft werden. Bei GV Pflanzen fordert man die eingehende Prüfung dieser "Sekundäreffekte".
Die Effekte sind bei beiden Pflanzentypen gleich. Warum werden die so unterschiedlich gehandhabt? Und warum sehen Anti-Gentechnik-Aktivisten nicht, dass es nicht auf die Technik der Herstellung einer Pflanze ankommt, sondern auf deren Eigenschaften?
Und wir haben in diesem Forum (und im alten) oft genug darauf hingewiesen, dass sie Eingriffe in das Genom von Pflanzen bei konventionellen Züchtungsmethoden (Mutagenesezüchtung im Besonderen, aber auch ganz normales Kreuzen) mindestens genauso gravierend, in Teilen sogar gravierender ist, als bei GV Pflanzen. Dazu ist in den letzten Jahren vielfältig publiziert worden.
Wenn Du Dich also darauf argumentativ einlässt, dass die Auswirkungen von Genomveränderungen ja gar nicht klar ist, musst Du in logischer Konsequenz Mutagenesezüchtung, tilling und gleichartige Verfahren genauso streng oder sogar strenger regulieren, als GV-Pflanzen.
Und auch das sehen die hier aktiven Anti-Gentechnik-Anhänger nicht ein. Weil sie in der Regel genau das sind: Anhänger.
Einer quasi-religiösen Bewegung, in der alles was das Label "natürlich" bekommt, gut und moralisch okay ist, und alles, was das Label "unnatürlich" bekommt, schlecht und moralisch verwerflich ist.
"Unnatürlich" ist dabei nur die Gentechnik, und moralisch verdorben sind all jene, die auch nur ansatzweise positiv, nein, differenziert über sie urteilen. Wer nicht gegen sie ist, muss für sie sein, und ist damit voreingenommen und wahrscheinlich von Monsanto bezahlt.
Dies kann man auch aus Deinem Beitrag entnehmen.
Und genau diese "Logik"ketten muss man durchbrechen, damit endlich mal differenziert und fachlich fundiert diskutiert werden kann, anstatt auf polemisch-persönlicher Ebene.
Wenn hier Wissenschaftler und andere sich im Ton vergreifen, dass ist es der jahrelangen Auseinandersetzung mit immer gleichen Geschichten und "Argumenten" geschuldet.
Ganz allgemein: ich fände es aus Transparenzgründen gut, wenn Forumsteilnehmer ihr Profil mit sinnvollen Informationen versorgen oder wenigstens in einem Thread sich mal vorstellen, damit man weiss, mit wem man es zu tun hat.