Soja, Handel

Futtermittel: Ohne Sojaimporte geht es nicht. Und ohne Gentechnik?

Europa produziert zu wenig eiweißreiche Futterpflanzen für seine Nutztiere und ist deswegen auf die Einfuhr großer Mengen an Sojabohnen angewiesen. Und die sind im Regelfall „mit Gentechnik“: In den wichtigsten Erzeugerländern in Nord- und Südamerika werden fast nur noch gentechnisch veränderte Sorten angebaut. Weltweit liegt der Gentechnik-Anteil an der Sojaproduktion weit über achtzig Prozent. Zwar steigt der Anbau von Sojabohnen in Europa, doch die Ernten können den Bedarf bei weitem nicht decken. Konventionelle Futtermittel sind noch aus einigen Regionen Brasiliens zu beziehen. Doch der Aufwand dafür wird immer größer.

Soja, Welthandel

Weltweite Handelsströme: Sojabohnen, -schrot und -öl 2015.

Grafik: OVID, Zahlen; ACTI, Oil World, OVID

Original-Grafik (OVID), pdf

Sojabohnen und Sojaschrot: Importe in die EU

Sojaimporte in die EU: In den Anbauländern fast nur noch „mit Gentechnik“

Sojabohnen ohne Gentehcnik: In der EU verfügbare Mengen in Mio. t

„Gentechnik-freie“ Sojabohnen: Was ist in der EU aktuell verfügbar und wieviel könnte noch hinzukommen.

Sojabohnen ohne Gentechnik: In der EU verfügbare Mengen in Mio. t

Sojabohnen in der EU: Bedarf und Angebot „ohne Gentechnik“

Sojaimporte in Deutschland und China 2000 bis 2015

Kleine und große Soja-Impoteure: Deutschland und China

Großes Foto oben: Jovan Jaric, 123RF

Jährlich werden rund 35 Millionen Tonnen Sojabohnen und -schrot aus Nord- und Südamerika in die Europäische Union verschifft - rein rechnerisch 63 Kilogramm für jeden EU-Bürger. Ohne diese Importe wäre die Erzeugung tierischer Lebensmittel auf dem derzeitigen Niveau nicht möglich. Denn Europa produziert zu wenig eiweißreiche Futterpflanzen, um die großen Nutztierbestände - vor allem Schweine und Geflügel, aber auch Rinder - ernähren zu können.

Inzwischen haben sich in allen Erzeugerländern gentechnisch veränderte (gv-) Sojabohnen durchgesetzt: In USA, Argentinien, Paraguay und auch in Brasilien, dem für Europa wichtigsten Produzenten, sind sie zum Standard geworden. Offenkundig bringt das System aus gv-Sorten und dem dazu passenden Herbizid vor allem bei der Unkrautbekämpfung den Landwirten wirtschaftliche Vorteile. Daran hat auch die vor allem in Südamerika zunehmende Kritik an einem übermäßigen Herbizideinsatz wenig geändert.

Wenn gv-Sojabohnen einmal zugelassen sind, dann gibt es in diesen Ländern keine besonderen gesetzlichen Vorschriften, die Landwirte und Händler beachten müssen: Im Regelfall wird in der Sojabranche nicht nach „mit“ und „ohne“ Gentechnik unterschieden - weder bei der Aussaat und Ernte, noch bei Transport, Lagerung und Verarbeitung. Standard-Sojarohstoffe, wie sie auf den internationalen Agrarmärkten gehandelt werden, bestehen daher zu einem nicht unerheblichen Anteil aus gv-Sojabohnen.

Der allergrößte Teil des Welthandels mit Sojabohnen und -schrot (ca. 90 Prozent) entfällt auf die Länder, in denen fast nur noch gentechnisch veränderte Sojabohnen angebaut werden. Inzwischen hat China die EU als weltweit größter Soja-Importeur abgelöst. Innerhalb der letzen 15 Jahre haben sich die Soja-Einfuhren nach China verachtfacht.

„Ohne Gentechnik“-Produkte: Und wo kommt das ganze Sojafutter her?

Mischfutter, das europäische Landwirte zukaufen, enthält im Regelfall einen mehr oder weniger großen Anteil gentechnisch veränderter Sojabohnen. Sie können es wie „normales“ Futter verwenden, kennzeichnungspflichtig sind die damit erzeugten Produkte nicht.

Um gezielt gentechnik-kritische Kunden anzusprechen, können Hersteller Eier, Milch, Fleisch- und Wurstwaren jedoch mit dem „ohne Gentechnik“-Siegel deklarieren und sich so vom Standardsortiment abgrenzen. Voraussetzung dafür ist, dass ihre Tiere zumindest über einen bestimmten Zeitraum konventionelles Futter erhalten haben. Lange Zeit haben vor allem kleine Erzeuger diese Möglichkeit für sich genutzt, doch inzwischen wollen auch die großen Handelsketten in Deutschland verstärkt solche Produkte- vor allem Milch – anbieten. Dadurch ist die Nachfrage nach „gentechnik-freien“ Sojafuttermitteln (Sojaschrot) gestiegen.

Auch wenn in den letzten Jahren der Sojaanbau in Europa – vor allem in Italien und im Donauraum – stark zugenommen, reichen die Erntemengen bei weitem nicht aus, um sich von Soja-Importen aus Nord- und Südamerika unabhängig zu machen. Als einziges nicht-europäisches Erzeugerland bietet Brasilien in größeren Mengen „gentechnik-freies“ Sojabohnen an. Allerdings: Mit einem seit Jahren ansteigenden Anteil von gv-Sojabohnen - inzwischen 94 Prozent der brasilianischen Anbauflächen - ist es immer aufwändiger und damit auch teurer geworden, „gentechnik-freie“ Soja anzubauen und die Ernten nach Europa zu liefern.

Mehr Rapsschrot verringert die Eiweißlücke.
Deutschland führt jährlich gut vier Millionen Tonnen Sojafuttermittel (2,5 Mio. t Rohprotein) ein. Das entspreche etwa 65 Prozent der benötigten Futtermittel, ist oft zu hören. Doch tatsächlich ist die „Eiweißlücke“ deutlich kleiner: Mit der Ausweitung des Rapsanbaus für die Bioenegiererzeugung fallt als „Nebenprodukt“ auch mehr Rapsschrot an. Inzwischen wird sogar mehr Rapsschrot als Sojaschrot verfüttert. Neben diesen hochkonzentierten Eiweißfuttermitteln erhalten die Tiere Eiweiß aus weiteren Quellen, etwa Grünland, Kleegras, Silomais oder Getreide. Rechnet man alle Eiweißfuttermittel zusammen, werden nur etwa 25 Prozent der benötigten Eiweiß-Menge importiert.

Über die gesamte Produktionskette - vom Saatgut über Anbau, Ernte, Transport und Verschiffung nach Europa bis zur Verarbeitung - müssen konventionelle Sojabohnen von gentechnisch veränderten getrennt werden. Zufällige Beimischungen von gv-Soja sind unter offenen natürlichen Bedingungen zwar nicht gänzlich zu vermeiden, doch sie sollen so gering wie möglich bleiben und den für die Kennzeichnung maßgebenden Schwellenwert von 0,9 Prozent nicht überschreiten. Meist liegen die GVO-Anteile für „gentechnik-freie“ Soja aus Brasilien zwischen 0,1 und 0,9 Prozent.

In den Häfen Brasiliens werden vor der Verladung auf die Schiffe die Sojarohstoffe auf ihren GVO-Anteil analysiert, manchmal zusätzlich auch an anderen Stellen der Warenkette. Für so zertifizierte „gentechnik-freie“ Sojabohnen wird ein Preisaufschlag von 60 bis 110 Euro/Tonne berechnet.

Nach Angaben von Branchenverbänden sind derzeit etwa 5-6 Millionen Tonnen „ohne Gentechnik“-Sojabohnen aus Europa und Brasilien erhältlich (siehe Grafik). Diese Mengen könnten um weitere 3-4 Millionen Tonnen gesteigert werden. Doch dazu müssen Maßnahmen zur Qualitätssicherung umgesetzt werden. So gibt es bisher in Brasilien noch immer keinen Hafen, in dem ausschließlich konventionelle Sojabohnen verschifft werden, um so das Vermischungsrisiko mit gv-Sorten zu verringern.

Auch in Rußland und der Ukraine wird großflächig Soja angebaut. Zwar sind dort gv-Sojabohnen offiziell verboten, doch offenbar ist deren illegaler Anbau verbreitet. In der Ukraine soll mehr als ein Drittel der Produktion (gesamt 3,9 Mio t) von gv-Sorten stammen. Zudem benötigen beide Länder ihre Ernten für den Eigenbedarf und haben derzeit wenig Interesse, größere Soja-Mengen in die EU zu exportieren.

Eine größere Nachfrage nach „ohne Gentechnik“-Futtermitteln wird weniger durch die begrenzte Verfügbarkeit solcher Sojarohstoffe eingeschränkt, als durch die mangelnde Bereitschaft, für den höheren Aufwand auch mehr zu bezahlen.

Für die Erzeuger in Brasilien lohnen Investitionen in „gentechnik-freien“ Anbau und separate Warenketten nur, wenn die Europäer ihnen langfristig höhere Preise garantieren. Wenn nicht, ist der weiter ansteigende Absatz in China für sie das bessere Geschäft.