Soja, Handel

Futtermittel: Europa ist von Sojaimporten abhängig

Europa produziert zu wenig eiweißreiche Futterpflanzen für seine Nutztiere und ist deswegen auf die Einfuhr großer Mengen an Sojabohnen angewiesen. Und die sind im Regelfall „mit Gentechnik“: In den wichtigsten Erzeugerländern in Nord- und Südamerika werden fast nur noch gentechnisch veränderte Sorten angebaut. Weltweit liegt der Gentechnik-Anteil an der Sojaproduktion weit über achtzig Prozent. Konventionelle Futtermittel - Voraussetzung, um tierische Lebensmittel „ohne Gentechnik“ deklarieren zu können - sind noch aus einigen Regionen Brasiliens zu beziehen.

Kühe, Grünland

70 Prozent? Wie groß ist die Eiweißlücke wirklich?
Deutschland führt jährlich gut vier Millionen Tonnen Sojafuttermittel (2,5 Mio. t Rohprotein) ein. Das entspreche etwa 70 Prozent der benötigten Futtermittel, ist oft zu hören. Doch tatsächlich ist die „Eiweißlücke“ weniger groß: Denn neben den hochkonzentierten Eiweißfuttermitteln - vor allem Soja, aber auch Raps - erhalten die Tiere Eiweiß aus weiteren Quellen: Grünland, Kleegras, auch Silomais, Getreide und andern Pflanzen, die nicht zu den konzentrierten Eiweißfuttermitten zählen. Rechnet man alle Eiweißfuttermittel zusammen, werden nur etwa 25 Prozent der benötigten Eiweiß-Menge importiert. D

Foto: Marc Venema, 123RF
Grafik oben: OVID

Jährlich werden 30 bis 35 Millionen Tonnen Sojabohnen und -schrot aus Nord- und Südamerika in die Europäische Union verschifft - rein rechnerisch 63 Kilogramm für jeden EU-Bürger. Ohne diese Importe wäre die Erzeugung tierischer Lebensmittel auf dem derzeitigen Niveau nicht möglich. Denn Europa produziert zu wenig eiweißreiche Futterpflanzen, um die großen Nutztierbestände - vor allem Schweine und Geflügel, aber auch Rinder - ernähren zu können.

Inzwischen haben sich in allen Erzeugerländern gentechnisch veränderte (gv-) Sojabohnen durchgesetzt: In USA, Argentinien, Paraguay und auch in Brasilien, dem für Europa wichtigsten Produzenten, sind sie zum Standard geworden. Offenkundig bringt das System aus gv-Sorten und dem dazu passenden Herbizid vor allem bei der Unkrautbekämpfung den Landwirten wirtschaftliche Vorteile. Daran hat auch die vor allem in Südamerika zunehmende Kritik an einem übermäßigen Herbizideinsatz wenig geändert.

Wenn gv-Sojabohnen einmal zugelassen sind, dann gibt es in diesen Ländern keine besonderen Vorschriften, die Landwirte und Händler beachten müssen: Im Regelfall wird in der Sojabranche nicht nach „mit“ und „ohne“ Gentechnik unterschieden - weder bei der Aussaat und Ernte, noch bei Transport, Lagerung und Verarbeitung. Standard-Sojarohstoffe, wie sie auf den internationalen Agrarmärkten gehandelt werden, bestehen daher zu einem nicht unerheblichen Anteil aus gv-Sojabohnen.

Der allergrößte Teil des Welthandels mit Sojabohnen und -schrot (ca. 90 Prozent) entfällt auf die Länder, in denen fast nur noch gentechnisch veränderte Sojabohnen angebaut werden. Inzwischen hat China die EU als weltweit größter Soja-Importeur abgelöst.

„Ohne Gentechnik“-Produkte: Und wo kommt das ganze Sojafutter her?

Mischfutter, das europäische Landwirte zukaufen, enthält im Regelfall gv-Sojabohnen. Zwar müssen solche Futtermittel entsprechend gekennzeichnet sein, wenn der gv-Soja-Anteil den Kennzeichnungsschwellenwert von 0,9 Prozent übersteigt, nicht aber die damit erzeugten Lebensmittel.

Sojabohnen

Internationaler Sojahandel - fast nur mit Gentechnik. Silo mit Sojabohnen in Brasilien

Eiweißpflanzen: Einfuhr in die EU

Sojabohnen 13,5 Mio.t
Sojaschrot 18,5 Mio. t
andere (Raps, Mais) 4 Mio. t

Soja-Erzeugerländer

USA
Anteil EU-Importe: 16 %
GVO-Anteil: 94 %

Brasilien
Anteil EU-Importe: 44 %
GVO-Anteil: 94 %

Argentinien
Anteil EU-Importe: 22,5 %
GVO-Anteil: 100 %

Paraguay
Anteil EU-Importe: 7,5 %
GVO-Anteil 94 %

Zahlen: 2015; Foto oben: iStockphoto

Allerdings können Hersteller Eier, Milchprodukte, Fleisch- und Wurstwaren mit dem „ohne Gentechnik“-Siegel auszeichnen und so gentechnik-kritische Kunden ansprechen. Voraussetzung dafür ist, dass die Tiere zumindest über einen bestimmten Zeitraum konventionelles Futter erhalten haben. Am besten geht das, wenn die Landwirte ganz ohne Import-Futtermittel auskommen. Doch das ist nicht für alle Betriebe möglich. Um dennoch „ohne Gentechnik“ deklarieren zu können, müssen sie „gentechnikfreies Futter zukaufen. Die dafür erforderlichen konventionellen Sojabohnen kommen überwiegend aus Brasilien.

Der Aufwand dafür ist groß. Über die gesamte Produktionskette - vom Saatgut über Anbau, Ernte, Transport und Verschiffung nach Europa bis zur Verarbeitung - müssen konventionelle Sojabohnen von gentechnisch veränderten getrennt werden. Zufällige Beimischungen von gv-Soja sind unter offenen natürlichen Bedingungen zwar nicht gänzlich zu vermeiden, doch sie sollen so gering wie möglich bleiben und den für die Kennzeichnung maßgebenden Schwellenwert von 0,9 Prozent nicht überschreiten. Meist liegen die GVO-Anteile für gentechnik-freie Soja aus Brasilien zwischen 0,1 und 0,9 Prozent.

In den Häfen Brasiliens werden vor der Verladung auf die Schiffe die Sojarohstoffe auf ihren GVO-Anteil analysiert, manchmal zusätzlich auch an anderen Stellen der Warenkette. Für so zertifizierte „gentechnik-freie“ Sojabohnen wird ein Preisaufschlag von 60 bis 110 Euro/Tonne berechnet.

Nach einem aktuellen Gutachten des Thünen-Instituts kommen derzeit jährlich etwa fünf Millionen Tonnen zertifizierte gentechnik-freie Sojabohnen auf den Markt. Davon stammen achtzig Prozent aus brasilianischem Anbau, jeweils knapp zehn Prozent aus Indien und Europa. Eine größere Nachfrage wird weniger durch die begrenzte Verfügbarkeit solcher Sojarohstoffe gebremst, sondern durch die Preisaufschläge und die mangelnde Bereitschaft der Futtermittelwirtschaft wie der Endverbraucher, dafür zu zahlen.