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Ohne Gentechnik! Und wo kommt das ganze Futter her?

Die großen Handelsketten, aber auch viele kleine Hersteller, wollen ihre Lebensmittelprodukte „ohne Gentechnik“ deklarieren. Das bezieht sich in erster Linie auf die Futtermittel: Doch woher sollen genug „gentechnik-freie“ Sojabohnen kommen? In Europa, erst recht in Deutschland wird davon viel zu wenig angebaut. Und was aus Nord- und Südamerika eingeführt wird, ist zu einem großen Teil gentechnisch verändert.

Sojawelten: Anbau und Erzeugng von Sojabohnen, Verbreitung gentechnisch veränderter Sorten. (Informationen zu einzenen Ländern: Kreisfläche anklicken.)

Sojabohnen in der EU: Importe und eigne Erzeugung

Sojawelten EU: Eigene Erzeugung und Import von Sojabohnen mit und ohne Gentechnik.

Sojabohnen in der EU: Bedarf und nicht-GVO-Anteile

Sojawelten EU: Bedarf an Sojabohnen und verfügbare Mengen von nicht-GVO-Sojabohnen

Sojabohnen  Deutschland: Import, Export, eigene Erzeugung

Sojawelten Deutschland: Eigene Erzeugung, Import, Export

Futter: Eiweißlücke Deutschland

Mehr Rapsschrot verringert die Eiweißlücke.
Deutschland führt jährlich knapp vier Millionen Tonnen Sojafuttermittel ein - das entspricht etwa 2,4 Mio. t Rohprotein. In Deutschland werden 1,4 Mio. t prouziert, vor allem Rapsschrot, ein Nebenprodukt des Rapsanbaus für die Bioenegiererzeugung. - Neben diesen hochkonzentierten Eiweißfuttermitteln erhalten die Tiere Eiweiß aus weiteren Quellen, etwa Grünland, Kleegras, Silomais oder Getreide. Diese sind in der Grafik nicht berücksichtigt.

Auch wenn in den letzten Jahren der Sojaanbau in Europa – vor allem in Italien und im Donauraum – stark zugenommen hat, reichen die Erntemengen bei weitem nicht aus, um sich von Soja-Importen aus Nord- und Südamerika unabhängig zu machen. Erst recht trifft das auf Deutschland zu. Angetrieben von massiver öffentlicher Förderung hat zwar der Anbau von Sojabohnen vor allem in Süddeutschland kräftig zugelegt, doch gemessen an den Importen fällt die heimische Sojaproduktion kaum ins Gewicht. 2016 wurden auf knapp 20.000 Hektar 40.000 Tonnen Sojabohnen geerntet. Das ist gut ein Zehntel der Sojamenge, die aus anderen europäischen Ländern importiert wird und noch nicht einmal ein Prozent der Sojaimporte aus Nord- und Südamerika.

Als einziges nicht-europäischens Erzeugerland bietet Brasilien in größeren Mengen „gentechnik-freie“ Sojabohnen an. Allerdings: Mit einem seit Jahren ansteigenden Anteil von gv-Sojabohnen - inzwischen 94 Prozent der brasilianischen Anbauflächen - ist es immer aufwändiger und damit auch teurer geworden, „gentechnik-freie“ Soja anzubauen und die Ernten nach Europa zu liefern.

Über die gesamte Produktionskette - vom Saatgut über Anbau, Ernte, Transport und Verschiffung bis zur Verarbeitung - müssen konventionelle Sojabohnen von gentechnisch veränderten getrennt werden. Zufällige Beimischungen von gv-Soja sind unter offenen natürlichen Bedingungen zwar nicht gänzlich zu vermeiden, doch sie sollen so gering wie möglich bleiben und den für die Kennzeichnung maßgebenden Schwellenwert von 0,9 Prozent nicht überschreiten. Meist liegen die GVO-Anteile für als „gentechnik-frei“ gehandelte Soja aus Brasilien zwischen 0,1 und 0,9 Prozent.

In den Häfen Brasiliens werden vor der Verladung auf die Schiffe die Sojarohstoffe auf ihren GVO-Anteil analysiert, manchmal zusätzlich auch an anderen Stellen der Warenkette. Für so zertifizierte „gentechnik-freie“ Sojabohnen wird ein Preisaufschlag von 60 bis 110 Euro/Tonne berechnet. Auch die Farmer in Brasilien erwarten eine zusätzliche Prämie, wenn sie sich zum Anbau konventioneller Sorten verpflichten. Aus ihrer Sicht fallen die Wünsche der gentechnik-kritischen Deutschen – und ähnlich in anderen EU-Ländern – gegenüber der in den letzten Jahren stark gestiegenen Nachfrage in Asien kaum ins Gewicht. Längst hat China die EU als weltweit größter Soja-Importeur abgelöst.

Nach Angaben von Branchenverbänden sind derzeit etwa fünf bis sechs Millionen Tonnen „ohne Gentechnik“-Sojabohnen aus Europa und Brasilien erhältlich (siehe Grafik oben). Diese Mengen könnten um weitere drei bis vier Millionen Tonnen gesteigert werden. Doch dazu müssen Maßnahmen zur Qualitätssicherung umgesetzt werden. So gibt es bisher in Brasilien noch immer keinen Hafen, in dem ausschließlich konventionelle Sojabohnen verschifft werden, um so das Vermischungsrisiko mit gv-Sorten zu verringern.

Auch in Russland und der Ukraine wird großflächig Soja angebaut. Zwar sind dort gv-Sojabohnen offiziell verboten, doch ein illegaler Anbau ist nach Ansicht von Branchenkennern weit verbreitet. In der Ukraine soll mehr als ein Drittel der Produktion (gesamt 3,9 Mio t) von gv-Sorten stammen. Zudem benötigen beide Länder ihre Ernten für den Eigenbedarf und haben derzeit wenig Interesse, größere Soja-Mengen in die EU zu exportieren.

Eine größere Nachfrage nach „ohne Gentechnik“-Futtermitteln wird derzeit weniger durch die begrenzte Verfügbarkeit solcher Sojarohstoffe eingeschränkt, als durch die mangelnde Bereitschaft, für den höheren Aufwand auch mehr zu bezahlen. Akzeptieren die Konsumenten höhere Preise - allein für „ohne Gentechnk“ bei ansonsten gleichbleibender Qualität der Produkte? Oder zwingen die großen Handelsketten ihre Landwirte, die Mehrkosten für gentechnik-freie Futtermittel zu übernehmen? Für die Erzeuger in Brasilien lohnen Investitionen in „gentechnik-freien“ Anbau und separate Warenketten nur, wenn die Europäer ihnen langfristig höhere Preise garantieren. Wenn nicht, ist der weiter ansteigende Absatz in China für sie das bessere Geschäft.

Nationale Vorschriften zur Kennzeichnung von „Ohne Gentechnik“-Produkten gibt es neben Deutschland und Österreich noch in Frankreich, Luxemburg und einigen Regionen Italiens.


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