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  Fr 03.09.2010 | 06:58 Uhr
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Nachwachsende Rohstoffe: Stärkekartoffeln

"Wir wollen wissen, wo unsere Kartoffeln sind."


Im März 2010 kam die Zulassung für die gentechnisch veränderte Amflora-Kartoffel. Sie liefert Nachwachsende Rohstoffe für die Stärkeindustrie. Nach endlosen Auseinandersetzungen und wiederholten Verzögerungen kann sie nun ab 2010 auf europäischen Feldern ausgepflanzt werden. - Über den Nutzen dieser Kartoffeln, ihre Sicherheit und über Fragen des Anbaus sprach transgen mit Thorsten Storck, Projektmanager bei BASF Plant Science.


Thorsten Storck, BASF Plant Science, Globaler Projektmanager

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Kartoffeln: Vermehrung nur über die Knolle.
Zwar blühen auch Kartoffelpflanzen und in unmittelbarer Nähe kann es über den Pollen zu Befruchtungen anderer Kartoffeln kommen. Doch daraus entstehen keine Kartoffeln, sondern Beeren. In der Regel sind die Samen dieser Beeren im Freiland nicht keimfähig. Trotz der langen landwirtschaftlichen Nutzung der Kartoffeln in Europa haben sie sich außerhalb der kultivierten Flächen nicht etablieren können.

 

Herr Storck, Ihr Unternehmen hat Amflora entwickelt, eine neue transgene Kartoffel mit veränderter Stärkezusammensetzung. Was ist das Ziel und wie sind sie dabei vorgegangen?

Unser Ziel war eine StärkeStärkekartoffel, die optimal für technische Anwendungen ist. Normale Kartoffelstärke besteht zu 80 Prozent aus AmylopektinAmylopektin und zu 20 Prozent aus Amylose. Bei vielen technischen Anwendungen stört die Amylose, weil sie geliert und die gelöste Kartoffel-Stärke dadurch instabil wird. Deshalb hat man früher die beiden Stärke-Komponenten vor der Bearbeitung voneinander getrennt. Heute ist das allerdings nicht mehr üblich, da das Verfahren unökonomisch und umweltbelastend ist. Inzwischen kann man die Kartoffelstärke auch über chemische Modifikationen optimieren. Doch die Ideallösung ist das nicht. Die kommt mit der Amflora-Kartoffel. Das Gen für die Amyloseherstellung haben wir blockiert, in dem wir Teile des Gens in umgekehrter Orientierung ins Genom eingeführt haben (Antisense‑TechnikAntisense‑Technik). Dadurch erhalten wir eine Kartoffel, die reine Amylopektinstärke produziert.

Sie haben in verschiedenen europäischen Ländern Freisetzungsversuche mit der Amflora-Kartoffel durchgeführt und planen weitere. Was wird dabei untersucht?

Wir sammeln in verschiedenen Regionen so viele Daten wie möglich, um die besten Anbaubedingungen zu ermitteln. Außerdem wollen wir unser Produkt weiterentwickeln, wie das bei jeder neu gezüchteten Pflanzensorte üblich ist. Da geht es etwa um Resistenzen gegen Schädlinge oder auch Ertragssteigerungen.

Die Amflora-Kartoffel soll ausschließlich als Nachwachsender Rohstoff für die Stärkeindustrie verwendet werden. Warum haben Sie beantragt, sie auch als Lebens- und Futtermittel zuzulassen?

Wir wollen nichts dem Zufall überlassen. Sollte Amflora als Kartoffel oder als Stärke unbeabsichtigt gegessen werden oder in einem Nahrungsmittel auftauchen, dann möchten wir, dass es als Lebensmittel zugelassen ist. Wir sind Pioniere der Biotechnologie, aber Abenteurer sind wir nicht.

Sollen nicht auch Reststoffe der Kartoffel als Futtermittel verwertet werden?

Das ist richtig, die Pülpe, also das, was bei der Stärkeextraktion übrig bleibt, soll als Futtermittel verwendet werden.

Um eine Zulassung zu erhalten, müssen Sie belegen, dass die gentechnisch veränderte Amflora-Kartoffel genau so sicher ist wie herkömmliche Kartoffeln. Welche Untersuchungen haben Sie dazu durchgeführt?

Alles aufzuführen, was wir gemacht haben, wäre ein abendfüllendes Programm. Da ist zunächst die Ebene von Gen und Genom. Durch molekularbiologische Analysen haben wir uns davon überzeugt, dass in den Kartoffelpflanzen genau jene Veränderung eingetreten ist, die wir beabsichtigt haben. Das haben wir bis ins kleinste Detail überprüft. Dann haben wir die stoffliche Zusammensetzung der Pflanze untersucht. Dazu wurden Anbauversuche durchgeführt, über drei Jahre an vier verschiedenen Standorten mit vier Wiederholungen. Gemessen wurde jeweils Trockensubstanz, Protein, Asche, Fasern, Fett, die Zusammensetzung der Stärke, Zuckergehalt und vieles mehr. Wir haben die Daten der Amflora-Kartoffeln mit denen der Ausgangssorte verglichen. Außerdem wurden Fütterungsversuche sowohl mit der ganzen Kartoffel wie mit der Pülpe gemacht, um toxische oder auch allergene Eigenschaftenallergene Eigenschaften auszuschließen. Dann haben wir die agronomischen Eigenschaften der Amflora-Pflanzen beobachtet, dazu Wuchs, Ertrag, Resistenzen oder Anfälligkeiten gegen Schädlinge und Krankheiten dokumentiert und ausgewertet, um Hinweise auf Umweltauswirkungen zu erhalten. Das Fazit aller Untersuchungen ist eindeutig: Amflora verhält sich wie ihre Ausgangssorte - bis auf die beabsichtigte Veränderung, nämlich die Stärkezusammensetzung. Auch die EFSAEFSA, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, ist in ihrer wissenschaftlichen Stellungnahme zu dem Ergebnis gekommen, dass von dieser Kartoffel ebenso wie von der herkömmlichen Stärkekartoffel keine Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt zu erwarten ist.

Was ist genau der Vorteil der Amflora-Kartoffel gegenüber herkömmlichen Stärkekartoffeln? Eröffnet sie neue Chancen für Landwirte?

Reine Amylopektinstärke, wie sie aus der Amflora gewonnen wird, hat Vorteile bei verschiedenen technischen Anwendungen etwa in der Papier- und Textilindustrie oder bei Kleb- und Baustoffen. Da sie ein idealer Verdicker ist, sehr stabil und nicht geliert, hat die Stärke und auch die Kartoffel einen höheren Wert. Alle in der Wertschöpfungskette partizipieren daran: der Pflanzguthersteller, der Landwirt, der die Kartoffel produziert, die Stärkefabrik. Dieses ist für die gesamte Kartoffelstärkeindustrie von Interesse, die sich zunehmend gegenüber der Konkurrenz der Maisstärke behaupten muss. Dass ein so großer Teil des Stärkebedarfs in der Kartoffel produziert wird, ist ja eine europäische Besonderheit. Gerade wenn künftig die globale Konkurrenz stärker wird, zum Beispiel durch Verringerung oder Wegfall der Subventionen, ist es wichtig, dass man sich über den Wert der Produkte behaupten kann.

Der Anbau der Amflora-Kartoffel soll im Rahmen eines besonderen Vertragsanbaus stattfinden. Dadurch soll gewährleistet sein, dass es keine Vermischungen mit herkömmlichen Kartoffeln gibt. Welche Regeln müssen Landwirte beachten, wenn sie Ihre Amflora-Karoffeln anbauen? Und was geschieht nach der Ernte?

Es liegt im Interesse aller Beteiligten, die besondere Qualität des Produktes zu erhalten. Würden Amflora-Kartoffeln mit herkömmlichen vermischt, wäre ihr besonderer Wert verloren. Deshalb haben wir ein spezielles System entwickelt - man bezeichnet es als Identity Preservation-System - , das alle Stufen von der Saatgutherstellung bis zur Stärkeproduktion einschließt. Es beginnt mit einem Training für die Mitarbeiter, geht über eine durchgehende Kennzeichnung bis zum Transport in geschlossenen Behältern. Alle verwendeten Pflanz- und Erntemaschinen, Sortieranlagen, aber auch Hänger müssen gereinigt werden. Es gibt geregelte Abstände zu benachbarten Kartoffelfeldern und eine getrennte Lagerung der Kartoffeln. In der Stärkefabrik werden die Kartoffeln getrennt aufgearbeitet. Sie nimmt dem Landwirt immer die komplette Ernte ab, da bleibt nichts liegen. Das Ganze findet ausschließlich im Vertragsanbau statt, d.h. das Amflora-Pflanzgut wird nicht wie herkömmlich auf dem Markt verkauft. Wir wollen wissen, wo unsere Kartoffeln sind. Das ist unsere Verantwortung.

Sie führen gerade einen Praxistest für das künftige Anbausystem der Amflora-Kartoffeln durch. Wie machen Sie das und gibt es bereits Erfahrungen?

In diesem Jahr machen wir keinen Test, sondern ein Warm-Up, wie ich es nennen würde. Getestet haben wir das System letztes Jahr in Tschechien. Das hat da ganz prima funktioniert, trotz der Sprachbarriere. Die Landwirte hatten kein Problem mit dem System und es ist nicht zu Vermischungen gekommen. Dieses Jahr praktizieren wir das System mit Landwirten in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Wie schon im letzten Jahr, benutzen wir eine rotschalige Stärkekartoffel. Damit kann man ganz einfach optisch kontrollieren, wo diese Kartoffel hinkommt. Natürlich ist das für uns eine Art Vorübung für den Anbau der Amflora. Gleichzeitig bietet sich für uns dadurch die Möglichkeit zur Kommunikation mit allen Beteiligten der Wertschöpfungskette. Wir führen einen sehr offenen Dialog. Die Resonanz ist positiv. Unsere Erfahrung ist: Das große Thema Pflanzenbiotechnologie erscheint oft sehr komplex und viele Leute haben Vorbehalte. Wenn man jedoch ein konkretes Produkt wie unsere Kartoffel hat und es im Detail erläutert, kann man durchaus überzeugen.

Es ist bekannt, dass einzelne Kartoffelknollen bei der Ernte nicht erfasst werden und im Boden bleiben. Sie könnten dann im Folgejahr auskeimen. Wie wollen Sie mit diesem Problem umgehen?

In der Regel erfrieren Kartoffeln im Winter, doch theoretisch ist ein solcher Durchwuchs möglich. Unser Anbausystem schreibt vor, dass im Folgejahr auf Schlägen, auf denen Amflora stand, keine Kartoffel angebaut werden dürfen. So kann man leicht auf Durchwuchs kontrollieren. Solche Pflanzen und ihre Knollen würden dann vernichtet.

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02. März 2010 [nach oben springen]

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