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Nachwachsende Rohstoffe: Stärkekartoffeln
"Wir wollen wissen, wo unsere Kartoffeln sind."
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Im März 2010 kam die Zulassung für die gentechnisch veränderte Amflora-Kartoffel.
Sie liefert Nachwachsende Rohstoffe für die Stärkeindustrie.
Nach endlosen Auseinandersetzungen und wiederholten Verzögerungen kann sie nun
ab 2010
auf europäischen Feldern ausgepflanzt werden. - Über den
Nutzen dieser Kartoffeln, ihre Sicherheit und über Fragen des Anbaus
sprach transgen mit Thorsten Storck, Projektmanager bei BASF Plant
Science.
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Thorsten Storck, BASF Plant Science, Globaler
Projektmanager


Kartoffeln: Vermehrung nur über die Knolle.
Zwar blühen auch Kartoffelpflanzen und in
unmittelbarer Nähe kann es über den Pollen zu
Befruchtungen anderer Kartoffeln kommen. Doch daraus
entstehen keine Kartoffeln, sondern Beeren. In der
Regel sind die Samen dieser Beeren im Freiland nicht
keimfähig. Trotz der langen landwirtschaftlichen
Nutzung der Kartoffeln in Europa haben sie sich
außerhalb der kultivierten Flächen nicht etablieren
können. |
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Herr Storck, Ihr Unternehmen hat Amflora
entwickelt, eine neue transgene Kartoffel mit veränderter
Stärkezusammensetzung. Was ist das Ziel und wie sind sie dabei
vorgegangen?
Unser Ziel war eine Stärkekartoffel, die optimal für technische
Anwendungen ist. Normale Kartoffelstärke besteht zu 80 Prozent aus
Amylopektin und zu 20 Prozent aus Amylose.
Bei vielen technischen Anwendungen stört die Amylose, weil sie
geliert und die gelöste Kartoffel-Stärke dadurch instabil wird.
Deshalb hat man früher die beiden Stärke-Komponenten vor der
Bearbeitung voneinander getrennt. Heute
ist das allerdings nicht mehr üblich, da das Verfahren unökonomisch
und umweltbelastend ist. Inzwischen kann man die Kartoffelstärke auch über chemische
Modifikationen optimieren. Doch die
Ideallösung ist das nicht. Die kommt mit der Amflora-Kartoffel. Das Gen
für die Amyloseherstellung haben wir blockiert, in dem wir Teile des Gens in
umgekehrter Orientierung ins Genom eingeführt haben ( Antisense‑Technik). Dadurch erhalten
wir eine Kartoffel, die reine Amylopektinstärke produziert.
Sie haben in verschiedenen europäischen
Ländern Freisetzungsversuche mit der Amflora-Kartoffel durchgeführt
und planen weitere. Was wird dabei untersucht?
Wir sammeln in verschiedenen Regionen so viele Daten wie möglich, um
die besten Anbaubedingungen zu ermitteln. Außerdem wollen wir unser
Produkt weiterentwickeln, wie das bei jeder neu gezüchteten
Pflanzensorte üblich ist. Da geht es etwa um Resistenzen gegen
Schädlinge oder auch Ertragssteigerungen.
Die Amflora-Kartoffel soll ausschließlich
als Nachwachsender Rohstoff für die Stärkeindustrie verwendet
werden. Warum haben Sie beantragt, sie auch als Lebens- und
Futtermittel zuzulassen?
Wir wollen nichts dem Zufall überlassen. Sollte Amflora als
Kartoffel oder als Stärke unbeabsichtigt gegessen werden oder in
einem Nahrungsmittel auftauchen, dann möchten wir, dass es als
Lebensmittel zugelassen ist. Wir sind Pioniere der Biotechnologie,
aber Abenteurer sind wir nicht.
Sollen nicht auch Reststoffe der Kartoffel
als Futtermittel verwertet werden?
Das ist richtig, die Pülpe, also das, was bei der Stärkeextraktion
übrig bleibt, soll als Futtermittel verwendet werden.
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Um eine Zulassung zu erhalten, müssen Sie
belegen, dass die gentechnisch veränderte Amflora-Kartoffel genau so
sicher ist wie herkömmliche Kartoffeln. Welche Untersuchungen haben
Sie dazu durchgeführt?
Alles aufzuführen, was wir gemacht haben, wäre ein abendfüllendes
Programm. Da ist zunächst die Ebene von Gen und Genom. Durch
molekularbiologische Analysen haben wir uns davon überzeugt, dass in
den Kartoffelpflanzen genau jene Veränderung eingetreten ist, die
wir beabsichtigt haben. Das haben wir bis ins kleinste Detail
überprüft. Dann haben wir die
stoffliche Zusammensetzung der Pflanze untersucht. Dazu wurden
Anbauversuche durchgeführt, über drei Jahre an vier verschiedenen
Standorten mit vier Wiederholungen. Gemessen wurde jeweils
Trockensubstanz, Protein, Asche, Fasern, Fett, die Zusammensetzung
der Stärke, Zuckergehalt und vieles mehr. Wir haben die Daten der Amflora-Kartoffeln mit denen der
Ausgangssorte verglichen. Außerdem
wurden Fütterungsversuche sowohl mit der ganzen Kartoffel wie mit
der Pülpe gemacht, um toxische oder auch allergene Eigenschaften auszuschließen. Dann haben wir die
agronomischen Eigenschaften der Amflora-Pflanzen beobachtet, dazu
Wuchs, Ertrag, Resistenzen oder Anfälligkeiten gegen Schädlinge und
Krankheiten dokumentiert und ausgewertet, um Hinweise auf
Umweltauswirkungen zu erhalten. Das Fazit aller Untersuchungen ist
eindeutig: Amflora verhält sich wie ihre Ausgangssorte - bis auf die
beabsichtigte Veränderung, nämlich die Stärkezusammensetzung. Auch die
EFSA, die
europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, ist in ihrer
wissenschaftlichen Stellungnahme zu dem Ergebnis gekommen, dass von
dieser Kartoffel ebenso wie von der herkömmlichen Stärkekartoffel
keine Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt zu erwarten ist.
Was ist genau der Vorteil der
Amflora-Kartoffel gegenüber herkömmlichen Stärkekartoffeln? Eröffnet
sie neue Chancen für Landwirte?
Reine Amylopektinstärke, wie sie aus der Amflora gewonnen wird, hat
Vorteile bei verschiedenen technischen Anwendungen etwa in der
Papier- und Textilindustrie oder bei Kleb- und Baustoffen. Da sie
ein idealer Verdicker ist, sehr stabil und nicht geliert, hat die
Stärke und auch die Kartoffel einen höheren Wert. Alle in der
Wertschöpfungskette partizipieren daran: der Pflanzguthersteller,
der Landwirt, der die Kartoffel produziert, die Stärkefabrik. Dieses
ist für die gesamte Kartoffelstärkeindustrie von Interesse, die sich
zunehmend gegenüber der Konkurrenz der Maisstärke behaupten muss.
Dass ein so großer Teil des Stärkebedarfs in der Kartoffel
produziert wird, ist ja eine europäische Besonderheit. Gerade wenn
künftig die globale Konkurrenz stärker wird, zum Beispiel durch
Verringerung oder Wegfall der Subventionen, ist es wichtig, dass
man sich über den Wert der Produkte behaupten kann.
Der Anbau der Amflora-Kartoffel soll im
Rahmen eines besonderen Vertragsanbaus stattfinden. Dadurch soll
gewährleistet sein, dass es keine Vermischungen mit herkömmlichen
Kartoffeln gibt. Welche Regeln müssen Landwirte beachten, wenn sie
Ihre Amflora-Karoffeln anbauen? Und was geschieht nach der Ernte?
Es liegt im Interesse aller Beteiligten, die besondere Qualität des
Produktes zu erhalten. Würden Amflora-Kartoffeln mit herkömmlichen
vermischt, wäre ihr besonderer Wert verloren. Deshalb haben wir ein
spezielles System entwickelt - man bezeichnet es als Identity
Preservation-System - , das alle Stufen von der
Saatgutherstellung bis zur Stärkeproduktion einschließt. Es beginnt
mit einem Training für die Mitarbeiter, geht über eine durchgehende
Kennzeichnung bis zum Transport in geschlossenen Behältern. Alle
verwendeten Pflanz- und Erntemaschinen, Sortieranlagen, aber auch
Hänger müssen gereinigt werden. Es gibt geregelte Abstände zu
benachbarten Kartoffelfeldern und eine getrennte Lagerung der
Kartoffeln. In der Stärkefabrik werden die Kartoffeln getrennt
aufgearbeitet. Sie nimmt dem Landwirt immer die komplette Ernte ab,
da bleibt nichts liegen. Das Ganze findet ausschließlich im
Vertragsanbau statt, d.h. das Amflora-Pflanzgut wird nicht wie
herkömmlich auf
dem Markt verkauft. Wir wollen wissen, wo unsere Kartoffeln sind.
Das ist unsere Verantwortung.
Sie führen gerade einen Praxistest für das
künftige Anbausystem der Amflora-Kartoffeln durch. Wie machen Sie
das und gibt es bereits Erfahrungen?
In diesem Jahr machen wir keinen Test, sondern ein Warm-Up,
wie ich es nennen würde. Getestet haben wir das System letztes Jahr
in Tschechien. Das hat da ganz prima funktioniert, trotz der
Sprachbarriere. Die Landwirte hatten kein Problem mit dem System und
es ist nicht zu Vermischungen gekommen. Dieses Jahr praktizieren wir
das System mit Landwirten in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Wie
schon im letzten Jahr, benutzen wir eine rotschalige
Stärkekartoffel. Damit kann man ganz einfach optisch kontrollieren,
wo diese Kartoffel hinkommt. Natürlich ist das für uns eine Art
Vorübung für den Anbau der Amflora. Gleichzeitig bietet sich für uns
dadurch die Möglichkeit zur Kommunikation mit allen Beteiligten der
Wertschöpfungskette. Wir führen einen sehr offenen Dialog. Die
Resonanz ist positiv. Unsere Erfahrung ist: Das große
Thema Pflanzenbiotechnologie erscheint oft sehr komplex und viele
Leute haben Vorbehalte. Wenn man jedoch ein konkretes Produkt wie
unsere Kartoffel hat und es im Detail erläutert, kann man durchaus
überzeugen.
Es ist bekannt, dass einzelne
Kartoffelknollen bei der Ernte nicht erfasst werden und im Boden
bleiben. Sie könnten dann im Folgejahr auskeimen. Wie wollen Sie mit
diesem Problem umgehen?
In der Regel erfrieren Kartoffeln im Winter, doch theoretisch ist
ein solcher Durchwuchs möglich. Unser Anbausystem schreibt
vor, dass im Folgejahr auf Schlägen, auf denen Amflora stand, keine
Kartoffel angebaut werden dürfen. So kann man leicht auf
Durchwuchs kontrollieren. Solche Pflanzen und ihre Knollen würden dann
vernichtet.
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