Transparenz für Gentechnik bei Lebensmitteln
  Do 11.03.2010 | 05:57 Uhr
Gentechnik.
Wissen, was ist.
TransGen Lebensmitteldatenbank
Pflanzen, Lebensmittel, Zusatzstoffe.
Sie wollen wissen, wo  Gentechnik eine Rolle spielen könnte?
Dann geben Sie hier den Namen einer Pflanze, ein Lebensmittel, eine Zutat oder einen Zusatzstoff ein:
Suche in der TransGen-Datenbank:
Alle Datenbankeinträge in der Übersicht:
Pflanzen
Lebensmittel
Zutaten und Zusatzstoffe
Zusatzstoffe nach
E-Nummern
Enzyme

TransGen Forum
Newsletter
Im Abo. Neuigkeiten und Hintergrundinformationen
Forum Bio- und Gentechnologie
Schriftgröße ändern
1 2 3

Allergenität von gv-Lebensmitteln

Kein russisches Roulette


Gentechnisch veränderte Lebensmittel und Allergien - das ist längst kein "russisches Roulette" mehr. Noch vor ein paar Jahren musste man darauf hoffen, dass ein neues Protein sich "normal" verhielt und sich später nicht als Allergen entpuppte. Heute ist es möglich, vor der Markteinführung die Allergenität von neuen Proteinen abzuschätzen. Die Verfahren werden immer zuverlässiger.

Wenn fremde Gene neu in einen anderen Organismus, zum Beispiel eine Nutzpflanze, übertragen werden, sind in Bezug auf die Allergie‑ProblematikAllergie‑Problematik zwei grundsätzlich verschiedene Fälle zu unterscheiden.

  • (1) Es werden Gene übertragen, die aus einem Organismus stammen, der als starkes Allergen bekannt ist.

  • (2) Der Spenderorganismus kommt bisher nicht in der Nahrung vor. Es ist daher nicht bekannt, ob er Allergien auslösen kann.

Der Spenderorganismus ist ein Allergen: Der Paranuss-Soja-Fall.

Vor ein paar Jahren machten gentechnisch veränderte Sojabohnen Schlagzeilen, die Gene aus Paranüssen erhalten hatten. Damals sollte eine neue Sojabohnensorte mit einem erhöhten Anteil der essentiellen AminosäureAminosäure Methionin entwickelt werden, um deren Nährwert als Futtermittel zu verbessern. Dazu wurde ein Gen für ein methioninreiches  SpeicherproteinSpeicherprotein (Albumin 2S) aus der Paranuss isoliert und in das Soja-Erbgut eingeschleust. Das neue Gen erfüllte seinen Zweck: Die Samen der veränderten Sojapflanzen bildeten das fremde Protein und enthielten mehr Methionin als normale. 

Bild vergrößern

Ein berühmter Fall: Das Paranuss-Gen in der Sojabohne. In der Paranuss sind einzelne Proteine, die als starke Allergene bekannt sind. Das Gen für eines dieser Proteine wurde auf die Sojabohnen übertragen.

Bild vergrößern

Ungewollt war nun die Sojabohne für Paranuss-Allergiker zum Problem geworden. Als dieses bei Tests entdeckt wurde, stellte man die Entwicklung dieser Sojabohne ein.

Allerdings: Die Paranuss ist als starkes AllergenAllergen bekannt: Einzelne Proteine der Paranuss rufen bei entsprechend sensibilisierten Personen allergische Reaktionen hervor. Um auszuschließen, dass mit dem Speicherprotein auch ein Paranuss-Allergen auf die Sojabohne übertragen worden war, wurden Tests durchgeführt. Diese waren möglich, weil in diesem Fall ein geeignetes Testsystem zur Verfügung stand: Blutserum von Paranuss-Allergikern. Es enthält AntikörperAntikörper, die auf Paranuss-Allergene reagieren. Das erstaunliche Ergebnis: in acht von neun Blutproben schlugen die Antikörper an. Weitere Tests bestätigten: Die veränderte Sojabohne hatte ein Paranuss-Allergen erhalten: Sie war nun für Paranuss-Allergiker zu einer Gefahr geworden.

In diesem Fall wurde die Entwicklung der Sojabohne eingestellt.

Wenn Gene übertragen werden, die aus bekannten allergenen Quellen stammen, dann kann getestet werden, ob es sich bei den neu gebildeten Proteinen um Allergene handelt. Das Blutserum von Allergikern ist ein gutes Testsystem. Die darin vorhandenen Antikörper reagieren auf "ihr" Allergen.  

Regelfall: Spenderorganismus mit unbekanntem allergenen Potential

Dass jedoch wie im Fall der Paranuss-Sojabohne der Spenderorganismus der übertragenen Gene als Allergie-Auslöser bekannt ist, ist eher die Ausnahme. Bei den meisten der weltweit zugelassenen gv-Pflanzen stammt das eingeführte Gen aus einer Quelle, über deren Allergie-Potenzial nichts bekannt ist. Oft sind es etwa Gene aus Bakterien, die den Pflanzen eine Resistenz gegen Herbizide oder Schadinsekten vermitteln. Basis dieser Resistenzen sind neue Proteine - und wie bei allen Proteinen ist es nicht auszuschließen, dass sie bei einzelnen Personen Allergien hervorrufen.

Heute ist es jedoch möglich, die Wahrscheinlichkeit eines allergenen Potenzials abzuschätzen. Vor der Zulassung einer gv-Pflanze wird die mögliche Allergenität des neu gebildeten Proteins bestimmt. Dazu werden mehrere Kriterien und Untersuchungen herangezogen:

  • Ähnlichkeit mit bekannten Allergenen. Die Molekülstruktur vieler Allergene ist bekannt. Man kann ein neu eingeführtes Protein darauf überprüfen, ob es in einzelnen Molekülbereichen bekannten Allergenen ähnelt (Homologie-Vergleich).
  • Test mit Blutseren von mehreren Allergikern, die gegen verschiedene Allergene sensibilisiert sind. Diese Seren-Mischungen enthalten Antikörper, die zu zahlreichen Allergenen "passen". 
  • Stabilität im Verdauungstrakt. Allergene Proteine sind im Magen-Darm-Trakt verhältnismäßig stabil. Nur so können sie bis in die Darmbereiche gelangen, in denen "immunkompetentes Gewebe" vorhanden ist. Werden Proteine durch Magensäure und Verdauungsenzyme rasch abgebaut, ist das ein starkes Indiz dafür, dass die betreffenden Proteine keine Allergene sind. Die Magen-Darmstabilität kann unter simulierten Bedingungen getestet werden.
  • Protein-Mengen. Allergene Proteine sind in den jeweiligen Lebensmitteln zumeist in vergleichsweise hohen Anteilen (1 bis 10 Prozent am Gesamtprotein-Gehalt) vorhanden. Das trägt dazu bei, eine Sensibilisierung aufzubauen. Danach reichen schon minimale Spuren, um eine allergische Reaktion auszulösen.
  • Tiermodell. Versuche mit Tieren, vor allem Ratten, können Hinweise auf ein mögliches allergenes Potenzial eines Proteins liefern. Jedoch sind die Ergebnisse aus Tierversuchen nur beschränkt auf Menschen übertragbar.

Ob das neue Protein einer gv-Pflanze zu einem Auslöser für Allergien werden kann, ist keine einfache, "objektiv" messbare Eigenschaft. Allergien resultieren immer aus dem Zusammenspiel stofflicher Eigenschaften und dem individuellen Immunsystem.

Unbekannte Proteine: "Restrisiko"

Schwierig bis unmöglich wird die Allergie-Prognose jedoch, wenn die neuen Proteine gar nicht bekannt sind.

Als "Nebeneffekt" des Gentransfers könnten bei gentechnisch veränderten Pflanzen Proteine modifiziert oder die Proteinzusammensetzung verändert werden. 

  • So lässt sich nicht ausschließen, dass ein bekanntes Protein im Empfängerorganismus, d.h. in einer genetisch und physiologisch fremden Umgebung, ein ganz anderes Verhalten zeigt als im Spenderorganismus. Dies kann zum einen die Größe des Proteins betreffen, aber auch das Glykosylierungsmuster. Dabei handelt es sich um Zuckermoleküle, die sich auf der Oberfläche vieler Proteine befinden und deren Struktur nicht durch die DNA-Information des zugehörigen Gens gesteuert wird.
  • Möglich ist auch, dass völlig neue Proteine entstehen, etwa durch Umlagerung von DNA‑SequenzenDNA‑Sequenzen während des Integrationsvorgangs.

Theoretisch ist es denkbar, dass dabei auch neue Allergene hervorgebracht werden. Solche, im einzelnen kaum abschätzbare Ereignisse sind jedoch nicht typisch für die Gentechnik: Auch infolge konventioneller Züchtungen ändert sich die Proteinzusammensetzung der Pflanzen. Neue exotische Früchte und Speisen aus fernen Ländern bringen eine Vielzahl neuer Proteine auf den Tisch. Das Problem, das darunter auch neue Allergene sein können, stellt sich dabei genau so wie bei gentechnisch veränderten Pflanzen.

Fazit: Die Nutzung der Gentechnik bringt neue Proteine in die Nahrungskette. Es ist nicht auszuschließen, dass darunter auch Allergene sind. Inzwischen kann jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit abgeschätzt werden, ob ein neues Protein in einem gv-Lebensmittel das Zeug dazu hat, Allergien auszulösen.

Schnellsuche
Schnelle Volltextsuche über die gesamten Inhalte der Website
24. Oktober 2007 [nach oben springen]

© 1997 - 2010 i-Bio Information Biowissenschaften | Impressum | Leitlinien und Finanzierung | Website by Webmotive