 |
Allergenität von gv-Lebensmitteln
Kein russisches Roulette
|
Gentechnisch veränderte Lebensmittel und
Allergien - das ist längst kein "russisches Roulette" mehr. Noch vor
ein paar Jahren musste man darauf hoffen, dass sich ein neues Protein "normal" verhält und später nicht als Allergen entpuppt.
Heute ist es möglich, die Allergenität neuer Proteine vor der
Markteinführung
abzuschätzen. Die Verfahren werden immer zuverlässiger.
Wenn fremde Gene neu in einen anderen Organismus, zum Beispiel eine Nutzpflanze, übertragen werden, sind in Bezug auf die
Allergie‑Problematik zwei grundsätzlich verschiedene Fälle zu unterscheiden.
-
(1) Es werden Gene übertragen, die aus einem Organismus stammen, der als starkes Allergen bekannt ist.
-
(2) Der Spenderorganismus kommt bisher nicht in der Nahrung
vor. Es ist daher nicht bekannt, ob er Allergien auslösen kann.
Der Spenderorganismus ist ein Allergen: Der Paranuss-Soja-Fall.
Vor ein paar Jahren machten
gentechnisch veränderte Sojabohnen Schlagzeilen, die Gene
aus Paranüssen erhalten hatten. Damals sollte eine neue Sojabohnensorte mit
einem erhöhten Anteil der
essentiellen Aminosäure Methionin entwickelt werden, um deren Nährwert als Futtermittel zu verbessern. Dazu wurde ein Gen für ein
methioninreiches
Speicherprotein (Albumin 2S) aus der Paranuss isoliert und in das Soja-Erbgut eingeschleust. Das neue Gen erfüllte seinen Zweck: Die
Samen der veränderten Sojapflanzen
bildeten das fremde Protein und
enthielten mehr Methionin als
normale.
 |
|
Ein berühmter Fall: Das Paranuss-Gen in der
Sojabohne.
In der Paranuss sind einzelne Proteine, die als
starke Allergene bekannt sind. Das Gen für eines
dieser Proteine wurde auf die Sojabohne übertragen. |
 |
|
Ungewollt war nun die
Sojabohne für Paranuss-Allergiker zum Problem
geworden. Als dieses bei Tests entdeckt wurde,
stellte man die Entwicklung ein. |
|
Allerdings: Die Paranuss ist als starkes
Allergen bekannt: Einzelne Proteine der Paranuss rufen bei entsprechend sensibilisierten Personen allergische Reaktionen hervor.
In Tests mit dem Blutserum von Paranuss-Allergikern wurde geprüft,
ob mit dem Speicherprotein auch ein Paranuss-Allergen auf die
Sojabohne übertragen worden war. Tatsächlich schlugen in acht von
neun Blutproben die
Antikörper an, die auf Paranuss-Allergene
reagieren. Weitere Tests bestätigten: Die veränderte Sojabohne hatte ein Paranuss-Allergen erhalten
- eine Gefahr für Allergiker. Daraufhin wurde die Entwicklung der Sojabohne eingestellt.
Wenn
Gene übertragen werden, die aus bekannten
allergenen Quellen stammen, dann kann getestet
werden, ob es sich bei den neu gebildeten
Proteinen um Allergene handelt. Das Blutserum
von Allergikern ist ein gutes Testsystem. Die
darin vorhandenen Antikörper reagieren auf
"ihr" Allergen.
|
Regelfall: Spenderorganismus mit unbekanntem allergenen
Potential
Dass jedoch wie im Fall der Paranuss-Sojabohne der
Spenderorganismus der übertragenen Gene als Allergie-Auslöser
bekannt ist, ist eher die Ausnahme. Bei den meisten der weltweit
zugelassenen gv-Pflanzen stammt das eingeführte Gen aus einer Quelle, über deren Allergie-Potenzial nichts bekannt ist.
Oft sind es etwa Gene aus Bakterien, die den Pflanzen eine Resistenz gegen Herbizide oder Schadinsekten vermitteln. Basis dieser Resistenzen sind neue Proteine
- und wie bei allen Proteinen ist es nicht auszuschließen, dass sie
bei einzelnen Personen Allergien hervorrufen.
Heute ist es jedoch möglich, das allergene Potenzial abzuschätzen. Vor der Zulassung einer gv-Pflanze wird die mögliche Allergenität des neu gebildeten
Proteins bestimmt. Dazu werden von Fall zu Fall verschiedene Kriterien und Untersuchungen
herangezogen:
- Ähnlichkeit mit bekannten Allergenen. Die Molekülstruktur vieler Allergene ist bekannt. Man kann ein neu eingeführtes Protein darauf überprüfen, ob es in einzelnen Molekülbereichen
bekannten Allergenen ähnelt (Homologie-Vergleich).
- Test mit Blutseren von Allergikern, die gegen
verschiedene Allergene sensibilisiert sind. Diese
Seren-Mischungen enthalten Antikörper, die zu zahlreichen
Allergenen "passen".
- Stabilität im Verdauungstrakt. Allergene Proteine sind im Magen-Darm-Trakt verhältnismäßig stabil.
Nur so können sie bis in die Darmbereiche gelangen, in denen
"immunkompetentes Gewebe" vorhanden ist. Werden Proteine durch Magensäure und Verdauungsenzyme
wie Pepsin rasch abgebaut, ist das ein starkes Indiz dafür, dass die betreffenden
Eiweiße keine Allergene sind. Die Magen-Darmstabilität kann unter simulierten Bedingungen getestet werden
("Pepsin-Resistenz-Test").
- Tiermodell. Versuche mit Tieren, vor allem Ratten, können Hinweise auf ein mögliches
allergenes Potenzial eines
Proteins liefern. Jedoch sind die Ergebnisse aus Tierversuchen
nur beschränkt auf Menschen übertragbar.
Ob das neue Protein einer gv-Pflanze zu einem Auslöser für
Allergien werden kann, ist keine einfache, "objektiv" messbare
Eigenschaft. Allergien resultieren immer aus dem
Zusammenspiel stofflicher Eigenschaften und dem individuellen
Immunsystem.
Unbekannte Proteine: "Restrisiko"
Schwierig bis unmöglich wird die Allergie-Prognose jedoch, wenn die neuen Proteine gar nicht bekannt sind.
Als "Nebeneffekt" des Gentransfers könnten bei gentechnisch veränderten Pflanzen
Proteine modifiziert oder die Proteinzusammensetzung verändert werden.
- So lässt sich nicht ausschließen, dass
ein bekanntes Protein im Empfängerorganismus, d.h. in einer genetisch und physiologisch fremden Umgebung, ein ganz anderes Verhalten zeigt als im Spenderorganismus. Dies kann zum einen die Größe des Proteins betreffen, aber auch das Glykosylierungsmuster.
Dabei handelt es sich um Zuckermoleküle, die sich auf der Oberfläche vieler Proteine befinden
und deren Struktur nicht durch die
DNA-Information des zugehörigen
Gens gesteuert wird.
- Möglich ist auch, dass völlig neue Proteine entstehen, etwa durch
Umlagerung von
DNA‑Sequenzen während
des Integrationsvorgangs.
Theoretisch ist es denkbar, dass dabei auch neue Allergene
hervorgebracht werden.
Doch nicht nur durch die Gentechnik, sondern auch infolge konventioneller Züchtungen
ändert sich die Proteinzusammensetzung der Pflanzen. Neue exotische
Früchte und Speisen aus fernen Ländern bringen eine Vielzahl neuer
Proteine auf den Tisch. Das Problem, das darunter auch neue
Allergene sein können, stellt sich dabei genauso wie bei
gentechnisch veränderten Pflanzen.
Fazit: Die Nutzung der Gentechnik bringt neue Proteine in
die Nahrungskette. Es ist nicht auszuschließen, dass darunter auch
Allergene sind. Inzwischen kann jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit
abgeschätzt werden, ob ein neues Protein in einem gv-Lebensmittel
das Zeug dazu hat, Allergien auszulösen.
|