Weizen in der Sonne

Trockentoleranter Gentechnik-Weizen: In Argentinien bald auf den Feldern?

Gentechnisch veränderter Weizen steht noch in keinem Land der Welt auf den Feldern. Das könnte sich bald ändern. In Argentinien wurde bereits 2020 der Anbau von HB4-Gentechnik-Weizen zugelassen. Dieser Weizen kommt vor allem mit Trockenstress besser klar als herkömmlicher Weizen. Nun hat Brasilien als wichtigstes Abnehmerland von argentinischem Weizen, den Import von HB4-Mehl erlaubt. Damit ist eine wichtige Hürde genommen auf dem Weg zum kommerziellen Anbau. HB4-Sojabohnen wurden bereits vor fünf Jahren zugelassen, der Anbau steht unmittelbar bevor.

Bereits Ende 2020 gab das argentinische Landwirtschaftsministerium dem Biotech-Unternehmen Bioceres grünes Licht für den Anbau seines gentechnisch veränderten HB4-Weizens (IND-00412-7). Argentinien ist der wichtigste Weizenproduzent Lateinamerikas. 2019 wurden 19 Millionen Tonnen geerntet, etwa 70 Prozent davon werden exportiert. Die Zulassung stand deshalb unter dem Vorbehalt, zunächst wichtige Abnehmer argentinischen Weizens, allen voran Brasilien, von HB4-Weizen zu überzeugen und zu den entsprechenden Zulassungen zu bewegen. 45 Prozent der argentinischen Weizenernte gehen nach Brasilien.

Nun hat die brasilianische Regierung die Genehmigung für den Import von Mehl aus HB4-Weizen erteilt, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum kommerziellen Anbau. Ob dieser nun tatsächlich Fahrt aufnimmt, hängt allerdings - insbesondere bei einer symbolisch aufgeladenen Kulturpflanze wie Weizen - von der Akzeptanz in weiteren wichtigen Absatzmärkten ab. In keinem Land der Welt ist bisher der Anbau oder der Import von Gentechnik-Weizen erlaubt. Deshalb befürchtet etwa der argentinische Bauernverband Nachteile für argentinischen Weizen auf dem Weltmarkt.

Laut Bioceres wurden in Vorbereitung auf die Markteinführung 2020 bereits 7000 Hektar HB4-Weizen versuchsweise ausgepflanzt, 2021 noch einmal 55 000 Hektar an verschiedenen Standorten.

HB4-Weizen ist schon seit vielen Jahren in der Entwicklung. Daran beteiligt ist neben Bioceres die französische Firma Florimond Desprez sowie auch die argentinische Technik- und Wissenschaftsbehörde. Es wurde noch mit klassischer Gentechnik ein fremdes Gen übertragen. Das HaHB4-Gen stammt aus der Sonnenblume und gehört zu einer Gruppe von Genen, die an Stressreaktionen von Pflanzen beteiligt sind. Sie helfen der Pflanze extreme Umwelteinflüsse wie z.B. Wassermangel auszugleichen. Wie das genau bei Weizen funktioniert, ist noch weitgehend unbekannt. Fest steht: HB4-Weizen bietet auch unter Anbaubedingungen, die normalerweise den Weizen-Ertrag verringern würden, einen Ertragsvorteil. Das wurde in zahlreichen Freilandversuchen bestätigt, die seit 2009 in Argentinien, Paraguay und den USA durchgeführt wurden. Auch in Spanien gab es 2018 eine Freisetzung mit HB4-Weizen.

HB4-Weizen enthält außer dem HaHB4-Gen ein weiteres fremdes Gen aus einem Bakterium (bar), das eine Toleranz gegenüber dem Herbizid Glufosinat bewirkt.

Anbauzulassungen Südamerika, Importzulassungen EU Stand: 11/21

Anbau-Zulassungen für gv-Sojabohnen in Südamerika und entsprechende Importzulassungen in Europa. 17 von 20 in Südamerika angebauten gv-Sojabohnen sind in der EU für den Import zugelassen, zwei weitere sind beantragt. Auch für die HB4-Sojabohne wurde 2020 ein Antrag gestellt.

Großes Foto oben: Iakov Kalinin, 123RF

Mit einer anderen HB4-Pflanze ist man unterdessen schon viel weiter. Auch die HB4-Sojabohne wurde ursprünglich in Argentinien entwickelt und unter dem Dach von Verdeca, einem Zusammenschluss von Bioceres (Argentinien) und Arcadia Biosciences (USA) vermarktet. Sie wurde bereits 2015 für den Anbau in Argentinien zugelassen. Inzwischen sind in Argentinien, Brasilien, Paraguay, USA und seit 2021 auch in Kanada die mehrstufigen Zulassungsprozesse abgeschlossen und ein Anbau in absehbarer Zeit zu erwarten. In den fünf Ländern werden auf etwa 90 Millionen Hektar Sojabohnen angebaut, davon zwischen 84 und 100 Prozent gentechnisch verändert.

Bioceres geht davon aus, dass schon bald der kommerzielle Anbau mit der „Öko-Sojabohne“ beginnen kann. Allerdings fehlt immer noch die Importzulassung von China, dem bei weitem wichtigsten Abnehmer für Sojabohnen aus Nord- und Südamerika.

Es wird nun angestrebt u.a. in Zusammenarbeit mit dem Agro-Unternehmen Dow AgroSciences das HB4-Merkmal mit auf dem Markt befindlichen herbizidtoleranten Sojabohnensorten zu kombinieren, um so die Erträge unter verschiedenen Umweltbedingungen zu verbessern. Laut Zulassungsdatenbank International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA) ist bereits ein Kombination von HB4 mit der gv-Sojabohne GTS 40-3-2 (Glyphosat-Toleranz) in Argentinien und Brasilien zugelassen.

In der EU wurde für die Sojabohne HB4 (IND-00410-5) 2020 ein Antrag auf Importzulassung gestellt. Die EU importiert jährlich mehr als 30 Mio Tonnen Sojabohnen und -schrot, davon mehr als 85 Prozent aus Brasilien, Argentinien und den USA.

Pflanzen gegen Trockenheit zu wappnen, wird in Zeiten des Klimawandels ein immer dringlicheres Ziel in der Pflanzenzüchtung. Lediglich zwei weitere gentechnisch veränderte trockentolerante Pflanzen wurden bisher zugelassen: Der noch von Monsanto entwickelte DroughtGard-Mais in den USA und trockentolerantes Zuckerrohr in Indonesien. Bei beiden wurden mit klassischer Gentechnik einzelne bakterielle Gene eingeführt, die die Pflanze bei Trockenstress stabilisieren. Da Trockentoleranz ein sehr komplexes Merkmal ist, an dem viele Gene beteiligt sind, stoßen jedoch die klassischen Züchtungsmethoden - Kreuzungszüchtung ebenso wie die klassische Gentechnik - schnell an ihre Grenzen. Deshalb werden in Zukunft neue molekularbiologische Techniken - auch die Genschere CRISPR/Cas eine wichtige Rolle spielen.

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