Gerste Versuch Gießen 2

Freilandversuche: Deutschland keine, EU nur noch wenige

In der EU wurden 2021 bislang fünf Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen neu angemeldet. 2020 waren es insgesamt nur vier. Damit setzt sich die Tendenz der Vorjahre fort: Die Anzahl der bei der zuständigen Stelle in Brüssel registrierten Freisetzungen hat sich auf niedrigem Niveau eingependelt, gegenüber 2009 ging sie um mehr als 95 Prozent zurück. In Deutschland gibt es seit 2013 keine Freilandversuche mehr.

Freisetzungen EU Stand: Mai 2021

Freisetzungen EU 2008-2021. Anzahl der von den Mitgliedstaaten in einem Jahr neu eingereichten Anträge. 2021 wurden bislang vier Freisetzungen beantragt. (Stand: Mai 2021)

JRC, Joint Research Centre

Freisetzungen Deutschland Stand Mai 2021

Freisetzungen in Deutschland 2005-2021. Anzahl der Standorte (durchgeführte Freisetzungen)

Freilandversuche:
Rechtsvorschriften in Europa

Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen werden in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten geprüft und - falls keine Gefahren für Mensch und Umwelt bestehen - genehmigt. Die nationalen Behörden melden die Anträge bei der EU-Kommission, die in eine zentrale Datenbank beim Joint Research Centre (JRC) eingespeist werden. Ein Antrag kann Freilandversuche mit einer bestimmten gv-Pflanze an mehreren Standorten und über mehrere Jahre umfassen.

2021 verzeichnet die beim Joint Research Centre (JRC) geführte zentrale europäische Datenbank bislang fünf neu beantragte Freisetzungen mit gentechnisch veränderten (gv-)Pflanzen. 2020 waren es insgesamt nur vier. Die EU-Mitgliedstaaten müssen jeden Antrag - unabhängig davon, ob er später genehmigt und dann auch tatsächlich durchgeführt wird - über die EU-Kommission an die JRC-Datenbank melden.

Zwei der 2021 bisher gemeldeten Anträge kommen aus Spanien, einer aus Belgien, einer aus Schweden und einer aus Island.

Bei den fünf beantragten Freilandtests geht es um Grundlagenforschung und Entwicklungsprojekte, die noch weit von einer kommerziellen Anwendung entfernt sind. So wurde in Spanien von der Universität Valencia eine Freisetzung mit Tabakpflanzen beantragt, bei denen mit der Genschere CRISPR/Cas Mutationen in verschiedenen Gruppen von Genen erzeugt wurden. Das sind zum einen Gene, die eine Rolle bei der Wachstumsregulation spielen. Das Ziel ist eine längere vegetative Phase und damit eine erhöhte Biomasseproduktion. Zum andern sind es Gene, die einen Einfluss auf die Bildung von Alkaloiden wie etwa Nikotin haben. Ziel ist hier die Verringerung des Nikotingehaltes.

Bei einem weiteren Freilandtest der Universität Valencia mit Tabak geht es um die Steigerung des Squalene-Gehaltes, eines Antioxidans, das u. a. Impfstoffen zugesetzt wird. Für die gentechnische Veränderung wurde nur genetisches Material aus Tabak verwendet (Intragenese).

Das VIB (Vlaams Interuniversitair Instituut voor Biotechnologie) in Gent plant von 2021 bis 2025 eine Freisetzung mit Pappeln. Mit der RNAi-Methode wurden bestimmte Gene (CSE), die einen Einfluss auf die Holzzusammensetzung haben, runterreguliert. Das führte dazu, dass die Pappel-Pflanzen 25 Prozent weniger Lignin und 13 Prozent mehr Zellulose bilden.

Die schwedische Universität für Agrarwissenschaften (SLU) in Uppsala setzt mit einem weiteren Freisetzungsantrag die Grundlagenforschung zur Pilzresistenz bei Kartoffeln fort. Mit Hilfe von Genome Editing und RNAi wurden verschiedene Gene ausgeschaltet. Dadurch werden bestimmte Proteine, die die Pflanze empfindlicher gegen Pilzinfektionen machen, nicht mehr gebildet.

Auch das isländische Biotech-Unternehmen ORF Genetics meldete eine Freisetzung an, obwohl Island kein Eu-Mitglied ist. Bei dieser Freisetztung geht es um den Einsatz von Gerste für das Molecular Farming. Gerstepflanzen sollen bestimmte Proteine, sogenannte Wachstumsfaktoren produzieren, die etwa in der Stammzell-basierten Forschung und bei Fleisch aus Zellkulturen eingesetzt werden.

In den Vorjahren genehmigte Freilandversuche laufen weiter

In Schweden werden auch in diesem Jahr von der Firma Lyckeby Starch Kartoffeln freigesetzt, bei denen die Stärkezusammensetzung mit CRISPR/Cas verändert wurde. Sie bilden keine Amylose. Die Firma strebt die baldige Vermarktung der Stärke-Kartoffel an. Allerdings wurde dieses Vorhaben fürs Erste ausgebremst, da CRISPR-Pflanzen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes in der EU vorerst als gentechnisch veränderte Organismen einzustufen sind.

Das britische Rothamsted Research Institute setzt seine Versuchsreihe mit gv-Leindotter fort. Es sind einige Linien dabei, die mit CRISPR/cas erzeugt wurden. Der veränderte Leindotter produziert mehrfach ungesättigte Omega3-Fettsäuren, denen eine vorbeugende Wirkung bei Herz-Kreislauferkrankungen zugeschrieben wird. Auch an der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU) wird Leindotter mit verschiedenen Veränderungen in der Fettsäurezusammensetzung im Freiland getestet.

Am John Innes Centre in Großbritannien soll Grundlagenforschung mit CRISPR an Gemüsekohl Aufschluss darüber geben, welche Rolle ein Gen (Myb28) spielt, das die Anreicherung bestimmter sekundärer Pflanzenstoffe (Glukosinolate) kontrolliert. Diese sind verantwortlich für den scharfen bzw. bitteren Geschmack.

Seit vielen Jahren schon laufen am John Innes Center auch Freilandversuche mit phytophthora-resistenten gv-Kartoffeln, in die verschiedene Resistenzgene aus Wildkartoffeln eingebracht wurden. Diese Versuche werden auch 2021 fortgesetzt. Einige der freigesetzten Linien bilden darüber hinaus weniger Acrylamid und bräunen weniger schnell. Ähnliche Kartoffellinien sind in den USA bereits seit 2015 für den Anbau zugelassen.

Tests mit phytophthora-resistenten Kartoffeln gehen auch an der niederländischen Universität Wageningen weiter. Auch mit diesen cisgenen Kartoffeln, die kein fremdes Genmaterial, sondern nur Erbgut aus Kartoffeln enthalten, wird eine dauerhafte Resistenz gegen die Kraut- und Knollenfäule angestrebt.

Ebenfalls an der Universität Wageningen werden seit 2011 schorfresistente cisgene Apfelbäume, in die ein Resistenzgen aus einem japanischen Wildapfel eingeführt wurde, im Freiland getestet. 2016 startete dort eine weitere Freisetzung mit cisgenen Apfelbäumen. Durch Veränderung der Anthocyan-Biosynthese bilden sie mehr roten Farbstoff, einen sekundären Pflanzenstoff, der als gesundheitsfördernd gilt. Der Versuch ist bis 2026 geplant.

Auch Weizen wird 2021 im Freiland erforscht. Die schwedische SLU hat Weizen entwickelt, der durch Übertragung eines Gens aus Hafer (AsWRI1) einen höheren Ölgehalt aufweist. Am britischen John Innes Center soll Weizen, unter Feldbedingungen untersucht werden, dessen Eisengehalt verdoppelt werden konnte. Das wurde erreicht durch eine erhöhte Aktivierung eines Eisen-Transporter-Gens (TaVIT2).

Laufende Freilandversuche in der EU 2021:*

Apfel Niederlande (2) Resistenz gegen Apfelschorf,
mehr roter Farbstoff (Anthocyan)
Arabidopsis Schweden (1) Grundlagenforschung: Funktionalität einzelner Gene
Gemüsekohl Großbritannien (1) Rolle eines Gens, das die Anreicherung bestimmter sekundärer Pflanzenstoffe kontrolliert (mit CRISPR)
Gerste Tschechien (1) Produktion von antibakteriellem LL-37
Island (1) Molecular Farming: Wachstumsfaktoren für Stammzell-basierte Forschung und Fleisch aus Zellkulturen
Kartoffel Schweden (3) Veränderte Stärkezusammensetzung (Amylose-frei) mit CRISPR
Grundlagenforschung Pilzresistenz (Genome Editing und RNAi)
Resistenz gegen Kraut-und Knollenfäule
Großbritannien (1) Resistenz gegen Kraut-und Knollenfäule
Niederlande (1) Resistenz gegen Kraut-und Knollenfäule (cisgen)
Leindotter Großbritannien (1) Mehr Omega-3 Fettsäuren (u.a. mit CRISPR)
Schweden (1) veränderte Fettsäurezusammensetzung
Mais Belgien (2) mehr Biomasse
Ungarn (2) Anbauversuche mit MON810 und 59122
Pappel, Aspen Schweden (3) Grundlagenforschung: Funktionalität einzelner Gene u.a. mit CRISPR, Steigerung der Biomasse
Finnland (1) Grundlagenforschung: Einfluss von Pflanzenhormonen auf die Holzzusammensetzung
Belgien (1) weniger Lignin, mehr Zellulose (RNAi)
Pflaume Tschechien (1) Rumänien (1) Virusresistenz (Plum Pox Virus)
Soja Tschechien (1) Produktion von LTB-Protein
Tabak Spanien (2) mehr Biomasse, weniger Nikotin, Mutation verschiedener Gene mit CRISPR
Steigerung des Squalen-Gehaltes (Antioxidans) (Intragenese)
Weizen Schweden (1) erhöhter Ölgehalt
Großbritannien (1) erhöhter Eisengehalt

* Laut JRC-Datenbank für 2021 beantragte Freisetzungen. Das bedeutet nicht, dass diese auch tatsächlich durchgeführt werden. Freisetzungen in Großbritannien, die vor 2021 beantragt wurden, sind hier weiterhin aufgeführt.