Gerste Versuch Gießen 2

Freilandversuche: Deutschland keine, EU nur noch wenige

In der EU wurden 2019 bislang neun Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen neu angemeldet. 2018 waren es insgesamt nur sieben. Damit setzt sich die Tendenz der Vorjahre fort: Die Anzahl der bei der zuständigen Stelle in Brüssel registrierten Freisetzungen hat sich auf niedrigem Niveau eingependelt, gegenüber 2009 ging sie um mehr als 90 Prozent zurück. In Deutschland gibt es seit 2013 keine Freilandversuche mehr.

Freisetzungen EU Stand 03.06.2019

Freisetzungen EU 2008-2019. Anzahl der von den Mitgliedstaaten in einem Jahr neu eingereichten Anträge. 2019 wurden bislang neun Freisetzungen beantragt. (Stand: 30.06.2019)

JRC, Joint Research Centre

Freisetzungen Deutschland bis 2019

Freisetzungen in Deutschland 2005-2019. Anzahl der Standorte (durchgeführte Freisetzungen)

Standortregister BVL

Freilandversuche:
Rechtsvorschriften in Europa

Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen werden in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten geprüft und - falls keine Gefahren für Mensch und Umwelt bestehen - genehmigt. Die nationalen Behörden melden die Anträge bei der EU-Kommission, die in eine zentrale Datenbank beim Joint Research Centre (JRC) eingespeist werden. Ein Antrag kann Freilandversuche mit einer bestimmten gv-Pflanze an mehreren Standorten und über mehrere Jahre umfassen.

2019 verzeichnet die beim Joint Research Centre (JRC) geführte zentrale europäische Datenbank bislang neun neu beantragte Freisetzungen mit gentechnisch veränderten (gv-)Pflanzen. 2018 waren es insgesamt nur sieben. Die EU-Mitgliedstaaten müssen jeden Antrag - unabhängig davon, ob er später genehmigt und dann auch tatsächlich durchgeführt wird - über die EU-Kommission an die JRC-Datenbank melden.

Vier der 2019 gemeldeten Anträge kommen aus Großbritannien, zwei aus Spanien und je einer aus Belgien, Rumänien und Schweden.

Da die meisten internationalen Unternehmen den Anbau von gv-Pflanzen in Europa aufgegeben und entsprechende Zulassungsanträge zurückgezogen haben, gibt es keine Freilandversuche mehr, in denen solche Pflanzen unter verschiedenen klimatischen Bedingungen getestet und die für ein Zulassungsverfahren erforderlichen Daten ermittelt werden. Zuletzt hatte 2015 die Firma Syngenta in Schweden Feldversuche über fünf Jahre mit der gv-Zuckerrübe H7-1 beantragt.

Bei den meisten Freilandversuchen geht es auch 2019 um Grundlagenforschung und Entwicklungsprojekte, die noch weit von einer kommerziellen Anwendung entfernt sind. So werden in Rumänien Pflaumenbäume freigesetzt, die gegen das Plum-Pox-Virus resistent sind, in Großbritannien Weizen mit deutlich erhöhtem Eisengehalt. Spanien will Kartoffeln im Freiland testen, die mehr Stärke bilden unter anderem mit dem Ziel, biologisch abbaubaren Kunsstoff zu gewinnen. Ebenfalls in Spanien ist ein Freilandversuch beantragt mit Reis, der drei Wirkstoffe bildet, die das HIV-Virus neutralisieren.

Bei vier der beantragten Freilandversuche wurden Pflanzen mit der Genschere CRISPR/Cas9 verändert:

  • Am John Innes Centre in Großbritannien soll Grundlagenforschung an Gemüsekohl Aufschluss darüber geben, welche Rolle ein Gen (Myb28) spielt, das die Anreicherung bestimmter sekundärer Pflanzenstoffe (Glukosinolate) kontrolliert. Diese sind verantwortlich für den scharfen bzw. bitteren Geschmack.
  • Das britische Rothamsted Research Institute setzt seine Versuchsreihe mit gv-Leindotter fort. Dieses mal sind einige Linien dabei, die mit CRISPR/cas erzeugt wurden. Der veränderte Leindotter produziert mehrfach ungesättigte Omega3-Fettsäuren, denen eine vorbeugende Wirkung bei Herz-Kreislauferkrankungen zugeschrieben wird.
  • In Belgien werden Versuche fortgesetzt, bei denen mit Hilfe der Gen-Schere zwei verschiedene Gene ausgeschaltet wurden. Eines dieser Gene spielt eine Rolle bei der Reparatur von DNA-Schäden. Wird es blockiert, häufen sich solche Schäden und die Pflanzen könnten eine Art Biosensor für Schäden sein, die etwa durch Trockenheit verursacht werden. Das Ausschalten des zweiten Gens führt zu veränderten Wachstumseigenschaften.
  • Und in Schweden werden Kartoffeln freigesetzt, bei denen mit Hilfe der Genschere die Stärkezusammensetzung verändert wurde. Sie bilden keine Amylose.

Seit vielen Jahren schon laufen am John Innes Center in Großbritannien Freilandversuche mit phytophthora-resistenten gv-Kartoffeln, in die verschiedene Resistenzgene aus Wildkartoffeln eingebracht wurden. Diese Versuche werden auch 2019 fortgesetzt. Einige der freigesetzten Linien bilden darüber hinaus weniger Acrylamid und bräunen weniger schnell. Ähnliche Kartoffellinien sind in den USA bereits seit 2015 für den Anbau zugelassen.

In den Vorjahren genehmigte Freilandversuche laufen weiter

Einige in den Vorjahren genehmigte mehrjährige Freilandversuche werden 2019 fortgesetzt, etwa an der niederländischen Universität Wageningen, wo seit 2011 schorfresistente cisgene Apfelbäume, in die ein Resistenzgen aus einem japanischen Wildapfel eingeführt wurde, im Freiland getestet werden. 2016 startete dort eine weitere Freisetzung mit cisgenen Apfelbäumen. Durch Veränderung der Anthocyan-Biosynthese bilden sie mehr roten Farbstoff, einen sekundären Pflanzenstoff, der als gesundheitsfördernd gilt. Der Versuch ist bis 2026 geplant.

Ebenfalls an der Universität Wageningen gehen die Tests mit cisgenen Kartoffeln weiter. Auch mit diesen gv-Kartoffeln wird eine dauerhafte Resistenz gegenüber Phytophthora, dem Erreger der Kraut- und Knollenfäule angestrebt.

An der Swedish University of Agricultural Sciences wird Leindotter mit verschiedenen Veränderungen in der Fettsäurezusammensetzung im Freiland getestet. Hier forschen Wissenschaftler auch an Ölpflanzen. So soll die Ölzusammensetzung des Meerkohls für industrielle Zwecke optimiert werden und die Feldkresse wurde gentechnisch so verändert, dass sie mehr der gesundheitlich wertvollen Ölsäure liefert.

In mehreren EU-Ländern - Schweden, Finnland, Belgien und Polen - laufen Versuche mit gv-Pappeln (weniger Lignin, mehr Biomasse, schnelleres Wachstum). In Schweden wurde 2015 eine Versuchsreihe begonnen mit gentechnisch veränderten Wurzelstöcken, die kräftiger und besser bewurzelt sind (Pfropfen).

Laufende Freilandversuche in der EU 2019:*

Apfel Niederlande (2) Resistenz gegen Apfelschorf,
mehr roter Farbstoff (Anthocyan)
Apfel, Birne Schweden (1) Transgene Wurzelstöcke
Arabidopsis Schweden (2) Grundlagenforschung: Funktionalität einzelner Gene
Feldkresse Schweden (1) Erhöhter Ölgehalt, mehr Ölsäure
Gemüsekohl Großbritannien (1) Rolle eines Gens, das die Anreicherung bestimmter sekundärer Pflanzenstoffe kontrolliert (mit CRISPR)
Gerste Tschechien (1) Produktion von antibakteriellem LL-37
Kartoffel Schweden (1) Schweden (2)
Großbritannien (2) Niederlande (1) Spanien (1)
Veränderte Stärkezusammensetzung (Amylose-frei),

Resistenz gegen Kraut-und Knollenfäule,

mehr Stärke für biologisch abbaubaren Kunsstoff, Bioethanol
Leindotter Großbritannien (2) Schweden (1) Mehr Omega-3 Fettsäuren,
veränderte Fettsäurezusammensetzung
Mais Spanien (1)
Belgien (2)
Ungarn (2)
Höherer Stärkegehalt, mehr Biomasse
Abschalten eines Gens mit CRISPR
Anbauversuche mit MON810 und 59122
Meerkohl Schweden (1) Erhöhter Ölgehalt
Pappel, Aspen Schweden (6), Finnland (1), Polen (1), Belgien (1) Verbesserte Holzqualität, Steigerung der Biomasse, veränderter Ligningehalt
Pflaume Tschechien (1) Rumänien (1) Virusresistenz (Plum Pox Virus)
Raps Spanien (1) Frühe Blüte, mehr Samen
Reis Spanien (1) Produktion von Wirkstoffen gegen HIV
Soja Tschechien (1) Produktion von LTB-Protein
Weizen Schweden (1), Großbritannien (1) erhöhter Ölgehalt,
erhöhter Eisengehalt

* Laut JRC-Datenbank für 2019 beantragte Freisetzungen. Das bedeutet nicht, dass diese auch tatsächlich durchgeführt werden.