Gerste Versuch Gießen 2

Freilandversuche: Deutschland keine, EU nur noch wenige

In der EU wurden 2020 bislang nur drei Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen neu angemeldet. 2019 waren es insgesamt neun. Damit setzt sich die Tendenz der Vorjahre fort: Die Anzahl der bei der zuständigen Stelle in Brüssel registrierten Freisetzungen hat sich auf niedrigem Niveau eingependelt, gegenüber 2009 ging sie um mehr als 90 Prozent zurück. In Deutschland gibt es seit 2013 keine Freilandversuche mehr.

Freisetzungen EU Stand April 2020

Freisetzungen EU 2008-2020. Anzahl der von den Mitgliedstaaten in einem Jahr neu eingereichten Anträge. 2020 wurden bislang drei Freisetzungen beantragt. (Stand: April 2020)

JRC, Joint Research Centre

Freisetzungen Deutschland Stand April 2020

Freisetzungen in Deutschland 2005-2020. Anzahl der Standorte (durchgeführte Freisetzungen)

Standortregister BVL

Freilandversuche:
Rechtsvorschriften in Europa

Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen werden in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten geprüft und - falls keine Gefahren für Mensch und Umwelt bestehen - genehmigt. Die nationalen Behörden melden die Anträge bei der EU-Kommission, die in eine zentrale Datenbank beim Joint Research Centre (JRC) eingespeist werden. Ein Antrag kann Freilandversuche mit einer bestimmten gv-Pflanze an mehreren Standorten und über mehrere Jahre umfassen.

2020 verzeichnet die beim Joint Research Centre (JRC) geführte zentrale europäische Datenbank bislang nur drei neu beantragte Freisetzungen mit gentechnisch veränderten (gv-)Pflanzen. 2019 waren es insgesamt neun. Die EU-Mitgliedstaaten müssen jeden Antrag - unabhängig davon, ob er später genehmigt und dann auch tatsächlich durchgeführt wird - über die EU-Kommission an die JRC-Datenbank melden.

Einer der 2020 bisher gemeldeten Anträge kommt aus Spanien, einer aus Belgien und einer aus Schweden.

Bei den drei beantragten Freilandtests geht es um Grundlagenforschung und Entwicklungsprojekte, die noch weit von einer kommerziellen Anwendung entfernt sind. So wurde in Spanien von der Universität Valencia eine Freisetzung mit Tabak beantragt, bei dem mit der Genschere CRISPR/Cas Mutationen in einer Gruppe von Genen (SPL-Gene) erzeugt wurden. Diese Gene spielen eine Rolle bei der Wachstums-Regulation. Das Ziel ist eine längere vegetative Phase und damit eine erhöhte Biomasseproduktion für die Nutzung als Nachwachsender Rohstoff.

Auch bei einer geplanten Freisetzung des Flämischen Instituts für Biotechnologie (VIB) in Gent geht es um eine Verlängerung der Wachstumsphase und damit mehr Biomasse. In Mais wurde ein Gen (AN3-Gen) übertragen, das an der Regulation von Zellwachstum und -vermehrung beteiligt ist.

Die schwedische Universität für Agrarwissenschaften (SLU) in Uppsala startet über mehrere Jahren Grundlagenforschung zur Pilzresistenz bei Kartoffeln. Mit Hilfe von Genome Editing und RNAi wurden verschiedene Gene ausgeschaltet. Dadurch werden bestimmte Proteine, die die Pflanze empfindlicher gegen Pilzinfektionen machen, nicht mehr gebildet.

In den Vorjahren genehmigte Freilandversuche laufen weiter

Auch bei einigen im Vorjahr beantragten und aktuell weiter laufenden Freilandversuchen wurden Pflanzen mit der Genschere CRISPR/Cas9 verändert:

  • In Schweden werden auch in diesem Jahr von der Firma Lyckeby Starch Kartoffeln freigesetzt, bei denen die Stärkezusammensetzung mit CRISPR/Cas verändert wurde. Sie bilden keine Amylose. Die Firma strebt die baldige Vermarktung der Stärke-Kartoffel an. Allerdings wurde dieses Vorhaben fürs Erste ausgebremst, da CRISPR-Pflanzen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes in der EU vorerst als gentechnisch veränderte Organismen einzustufen sind.
  • Das britische Rothamsted Research Institute setzt seine Versuchsreihe mit gv-Leindotter fort. Es sind einige Linien dabei, die mit CRISPR/cas erzeugt wurden. Der veränderte Leindotter produziert mehrfach ungesättigte Omega3-Fettsäuren, denen eine vorbeugende Wirkung bei Herz-Kreislauferkrankungen zugeschrieben wird.
  • Am John Innes Centre in Großbritannien soll Grundlagenforschung mit CRISPR an Gemüsekohl Aufschluss darüber geben, welche Rolle ein Gen (Myb28) spielt, das die Anreicherung bestimmter sekundärer Pflanzenstoffe (Glukosinolate) kontrolliert. Diese sind verantwortlich für den scharfen bzw. bitteren Geschmack.

Seit vielen Jahren schon laufen am John Innes Center auch Freilandversuche mit phytophthora-resistenten gv-Kartoffeln, in die verschiedene Resistenzgene aus Wildkartoffeln eingebracht wurden. Diese Versuche werden auch 2020 fortgesetzt. Einige der freigesetzten Linien bilden darüber hinaus weniger Acrylamid und bräunen weniger schnell. Ähnliche Kartoffellinien sind in den USA bereits seit 2015 für den Anbau zugelassen.

Tests mit phytophthora-resistenten Kartoffeln gehen auch an der niederländischen Universität Wageningen weiter. Auch mit diesen cisgenen Kartoffeln, die kein fremdes Genmaterial, sondern nur Erbgut aus Kartoffeln enthalten, wird eine dauerhafte Resistenz gegen die Kraut- und Knollenfäule angestrebt.

Ebenfalls an der Universität Wageningen werden seit 2011 schorfresistente cisgene Apfelbäume, in die ein Resistenzgen aus einem japanischen Wildapfel eingeführt wurde, im Freiland getestet. 2016 startete dort eine weitere Freisetzung mit cisgenen Apfelbäumen. Durch Veränderung der Anthocyan-Biosynthese bilden sie mehr roten Farbstoff, einen sekundären Pflanzenstoff, der als gesundheitsfördernd gilt. Der Versuch ist bis 2026 geplant.

An der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU) wird Leindotter mit verschiedenen Veränderungen in der Fettsäurezusammensetzung im Freiland getestet. Hier forschen Wissenschaftler auch an anderen Ölpflanzen. So soll die Ölzusammensetzung des Meerkohls für industrielle Zwecke optimiert werden und die Feldkresse wurde gentechnisch so verändert, dass sie mehr der gesundheitlich wertvollen Ölsäure liefert.

Auch Weizen wird 2020 im Freiland erforscht. Die schwedische SLU hat Weizen entwickelt, der durch Übertragung eines Gens aus Hafer (AsWRI1) einen höheren Ölgehalt aufweist. Am britischen John Innes Center soll Weizen, unter Feldbedingungen untersucht werden, dessen Eisengehalt verdoppelt werden konnte. Das wurde erreicht durch eine erhöhte Aktivierung eines Eisen-Transporter-Gens (TaVIT2).

Laufende Freilandversuche in der EU 2020:*

Apfel Niederlande (2) Resistenz gegen Apfelschorf,
mehr roter Farbstoff (Anthocyan)
Arabidopsis Schweden (1) Grundlagenforschung: Funktionalität einzelner Gene
Feldkresse Schweden (1) Erhöhter Ölgehalt, mehr Ölsäure
Gemüsekohl Großbritannien (1) Rolle eines Gens, das die Anreicherung bestimmter sekundärer Pflanzenstoffe kontrolliert (mit CRISPR)
Gerste Tschechien (1) Produktion von antibakteriellem LL-37
Kartoffel Schweden (1) Veränderte Stärkezusammensetzung (Amylose-frei) mit CRISPR
Schweden (1) Grundlagenforschung Pilzresistenz (Genome Editing und RNAi)
Schweden (1) Großbritannien (2) Niederlande (1) Resistenz gegen Kraut-und Knollenfäule,
Leindotter Großbritannien (2) Schweden (1) Mehr Omega-3 Fettsäuren (u.a. mit CRISPR)
veränderte Fettsäurezusammensetzung
Mais Belgien (2)
Ungarn (2)
mehr Biomasse
Anbauversuche mit MON810 und 59122
Meerkohl Schweden (1) Erhöhter Ölgehalt
Pappel, Aspen Schweden (3), Finnland (1) Grundlagenforschung: Funktionalität einzelner Gene u.a. mit CRISPR,
Steigerung der Biomasse
Pflaume Tschechien (1) Rumänien (1) Virusresistenz (Plum Pox Virus)
Soja Tschechien (1) Produktion von LTB-Protein
Tabak Spanien mehr Biomasse, Mutationen in SPL-Genen mit CRISPR
Weizen Schweden (1), Großbritannien (1) erhöhter Ölgehalt,
erhöhter Eisengehalt

* Laut JRC-Datenbank für 2020 beantragte Freisetzungen. Das bedeutet nicht, dass diese auch tatsächlich durchgeführt werden.