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Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt
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Autor:  Dirk Büssis [ So 01.06.2014 22:41 ]
Betreff des Beitrags:  Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

2 x 3 macht 4 - widdewiddewitt und 3 macht 9e! Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt ... Was wohl 1941 mit Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf begann, scheint sich immer mehr als ein Mantra der Antigentechnikprofiteure zu etablieren. Da stolpere ich doch neulich über einen Artikel des (Des)Informationsdienstes Gentechnik vom 19.05.2014 - Autor [dh]. Da ging es um den ersten Freisetzungsversuch mit gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland. Titel: "Vor 25 Jahren: Gentech-Petunien dürfen in Köln aufs Feld." Bei aller Liebe zu Pippis Welt, Kinderbücher und Wissenschaft sind denn doch zwei Paar Schuhe.

Wo fange ich an? Na klar mit dem ersten Absatz des Artikels der Antigentechnikprofiteure: "Vor einem Vierteljahrhundert wurde erstmals die Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland genehmigt. Daran erinnerten Gentech-Kritiker am Freitag. 1989 hatte das damalige Bundesgesundheitsamt einen Versuch mit genmodifizierten Petunien in Köln erlaubt. Ausgesät wurden sie ein Jahr später."

Nö! Genehmigt wurde der Versuch am 29.04.1991 unter dem Aktenzeichen 6786-01-0001 (EU: B/DE/91/01). Beginn und Ende der Freisetzung waren festgelegt zum 01.05.91 - 30.09.91. Man feiert offensichtlich die Feste unter Antigentechnikprofiteuren wie sie fallen. 2 x 3 macht 4 - widdewiddewitt und 3 macht 9e! Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt (also 1991 -2014 macht 25 Jahre) ... Oder operieren die Antigentechnikprofiteure mit dem julianischen oder Maya Kalender oder sonstigen Zahlen?

Weiter! Die nächsten zwei Sätze des Artikels der Antigentechnikprofiteure: "Schon damals zeigte sich laut Kritikern, wie unkontrollierbar gentechnisch veränderte Organismen sind. Die Petunien hätten bei höheren Temperaturen spontan die Blütenfarbe geändert." Unkontrollierbar: nein. Was die Antigentechnikprofiteure immer noch nach nun mehr fast 23 Jahren nicht verstehen wollen: das Ziel des Versuchs war, Petunien zu finden, die ihre Blütenfarbe verändern. Weiße Petunien wurden mit einem Maisgen transformiert, um lachsrote Blütenfarben zu produzieren. Diese wurden freigesetzt. Erwartet wurde, dass einige der 10000 Pflanzen wieder weiß sein werden, da ein sogenanntes Transposon in das Maisgen springt. Diese Transposons wollte man finden. Man hat sie nicht gefunden, das war unerwartet. Was man gefunden hat, war viel aufregender. Das Maisgen kann durch Umwelteinflüsse ausgeschaltet werden - und zwar vererblich. Epigenetik konnte das erste Mal an Pflanzen nachgewiesen werden.

Und diesen Meilenstein der Wissenschaft tun die Antigentechnikprofiteure nach fast 23 Jahren immer noch als "unkontrollierbar" ab. 2 x 3 macht 4 - widdewiddewitt und 3 macht 9e! Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt ...

Bisher waren die Äußerungen der Antigentechnikprofiteure in diesem Artikel nur ignorant. Danach wird es schlimmer. "„Wir beobachten die ersten Fälle, in denen die gv-Pflanzen in wild lebende verwandte Arten auskreuzen und ihr transgenes Material weitergeben“, erklärte Christoph Then vom Verein Testbiotech aus München." Dies ist schlicht und ergreifend gelogen. Erstens, wer ist wir? Then hatte mit dem Versuch aber so ganz und gar nichts zu tun. Zweitens, auf welche wild lebenden Verwandten haben denn die Kölner Petunien damals ihr transgenes Material weitergegeben, nachweislich (!!!)? Auf wilden Tabak? Auf wilde Kartoffeln? Über Pollenflug? Heute noch nachweisbar? 2 x 3 macht 4 - widdewiddewitt und 3 macht 9e! Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt ...

Es ist erschreckend, wie wenig es die Antigentechnikprofiteure stört, dass sie durch ihre Behauptungen jegliche Glaubwürdigkeit bei Wissenschaftlern unwiederbringlich vernichtet haben. Die Antigentechnikprofiteure wissen inzwischen, dass sie jeden Bockmist behaupten können und die Allgemeinheit glaubt ihnen. Fast 23 erfolgreiche Jahre liegen hinter ihnen, die beweisen, dass man alles behaupten kann und nichts beweisen muss, um als kritisch - und damit als unabhängig - und als unangreifbar zu gelten.

Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt. 2 x 3 macht 4 - widdewiddewitt und 3 macht 9e! Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt ...

Autor:  fafner [ Mo 02.06.2014 08:34 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Vielleicht sollte mal jemand die Diss des Dr. Then anschauen, ob er da auch so präzise gearbeitet hat...

Autor:  prgntc [ Mo 02.06.2014 21:14 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Wenn ich richtig „gegoogelt“ habe, dann müsste das die Dissertation von Herrn C. Then sein.
„In-vitro-Untersuchung der Effekte kleinster Entitäten von Arsenicum album, Cuprum sulfuricum, Mercurius sublimatus corrosivus und Thuja occidentalis an Zellkulturen mit Hilfe des MTT-Testes.“ Thesis. München-Weihenstephan, Institut für Tierwissenschaften; Technische Universität; 1995.
Die Dissertation wird z.B. zitiert in Claudia M. Witt et al.: „The in vitro evidence for an effect of high homeopathic potencies. A systematic review of the literature.“ in: Complementary Therapies in Medicine (2007) 15, 128-138 oder auch in der Diplomarbeit von Claudia Göldner (Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz, 2006) mit dem Titel: „Review und Evaluierung von neuen, mit homöopathischen Zubereitungen durchgeführten toxikologischen Experimenten.“
Die komplette Arbeit konnte ich nicht finden, wohl aber unter dem Link „http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/95then-c.pdf“ die Zusammenfassung und auch eine etwas längere Beschreibung ab Seite 42 in der oben erwähnten Diplomarbeit.
Ich glaube, ich enthalte mich jetzt mal eines Kommentars.

Autor:  fafner [ Di 03.06.2014 09:06 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Ein Homöopath also. Kein Wissenschaftler.

Autor:  Stefan Rauschen [ Di 03.06.2014 14:51 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Danke! Das ist ja eine Informationsperle! Da bestätigen sich wieder alle Vorurteile

Autor:  Hoffmeister [ Di 03.06.2014 15:03 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Als ob es solchen Leuten wie Then darauf ankäme, Stimmen der Wissenschaft zu gewinnen. Nein, diese Menschen bedienen ein ganz einfaches Schema, was seit Jahrtausenden funktioniert: Aufmerksamkeit des Volkes gewinnen, indem man Ängste bedient oder (mit Lügen) schürt (der Satan unkontrollierbare Technologie), um dann ein Allheilmittel dagegen zu präsentieren (Gentechnikfreiheit, Biolandbau etc.), um so als Erlöser dazustehen und als wunderbaren Nebeneffekt ein eigenes Auskommen (früher Ablass, heute Spende genannt) zu generieren, ohne für die Gesellschaft jemals etwas Sinnvolles getan zu haben. Eigentlich sollte man meinen, in einer aufgeklärten Zeit mit hohem Bildungsniveau funktioniert so was nicht mehr, aber das virtuose Spiel mit den neuen internet-basierten Massenmedien bei Ansprache eines Urinstinkts lassen offenbar jede Rationalität verschwinden. Dagegen ist das unbeschwerte 1 x 1 der Pippi Langstrumpf harmlos, weil selbst Grundschüler erkennen, dass das nicht stimmt.

Autor:  Dirk Büssis [ Mi 04.06.2014 01:04 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Lieber Herr Hoffmeister,

es ging mir nicht darum, Pippis Welt zu diskreditieren. Sondern darum, dass aus Sicht der Wissenschaftler die Argumentation der Antigentechnikprofiteure genauso offensichtlich falsch ist, wie Pippis unbeschwertes 1 x 1 den Grundschülern erkennbar - wie Sie so schön erwähnen. Und das sollte an eine breitere Öffentlichkeit durchdringen.

Autor:  Hoffmeister [ Mi 04.06.2014 14:20 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Lieber Herr Büssis,

ich wollte keinesfalls unterstellen, dass Sie die Welt der Pippi Langstrumpf diskreditieren. Die Vorgehensweise und Motivation der Antigentechnikprofiteure allein mit der nicht funktionierenden Wunschwelt einer Pipi zu begründen, greift m.E. zu kurz. Zumindest die Wortführer der Antigentechnikpropaganda setzen ganz bewusst Demagogie ein, um davon zu profitieren.
„Und das sollte an eine breitere Öffentlichkeit durchdringen“
Eben das ist das Problem. Solange es ungleich einfacher ist, mit auf pure Emotionen abzielenden Botschaften unter geschickter Ausnutzung der Massenmedien (auch Propaganda genannt) die breite Öffentlichkeit für seine Ziele und Ideologien zu mobilisieren, solange wird die notwendigerweise an die Rationalität appellierende Wissenschaft der ewige Verlierer bleiben. Ist es besser, sich ebensolcher Mittel zu bedienen ? In den Klimawissenschaften wurde es mit Unterstützung der NGO-Propagandamaschinen anders gemacht, eben mit der ständigen Ausmalung von Katastrophenszenarien an Urinstinkte appelliert. Aber das wird jetzt zum Problem für diese Wissenschaft.
Aber wo ist die Lösung ? Ich denke, solche Aktionen wie „Hannover-Gen“ oder „Gentechnik in der Garage“ (auch wenn letzteres in D nicht möglich ist, sondern „nur“ Molekularbiologie) oder „the glowing plant project“ bewirken sehr viel, weil sie an die Entdecker-und Experimentierfreude der jungen Generation anknüpfen. Und wenn viele es Schick finden, sich fluoreszierende Pflanzen in die Wohnung zu stellen oder diese selbst zu basteln, dann werden die Angstpropheten und –profiteure nicht mehr durchdringen.

Autor:  Dirk Büssis [ Mi 04.06.2014 23:27 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Lieber Herr Hoffmeister,

ja und deswegen haben es die Antigentechnikprofiteure so einfach. Wir - die Wissenschaftler - verstricken uns in "wie soll man es machen". Die Antigentechnikprofiteure machen. Selbst André, der ja nun mit Schülern direkt arbeitet, merkt doch, dass direkte Ansprache wenige Personen und diese eventuell nur verübergehend zu einem "aufgeklärten" Umgang mit Gentechnik veranlasst. Die absolute Mehrheit der ernsthaften Forscher in Deutschland hat kein Problem mit Gentechnik. Aber wie können wir das dem Bürger - vor dem Hintergrund millionenschwerer Kampagnen (z.T. sogar direkt gegen Personen) - vermitteln? Niemand fordert "go AgitProp". Aber wir müssen verständlicher werden. Arme Pippi, so ausgenutzt worden zu sein ;-).

Mit freundlichen Grüßen

Dirk Büssis

Autor:  Dirk Büssis [ Mi 04.06.2014 23:40 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

PS: vor diesem zu diskutierenden Hintergrund fand ich den Satz

Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

einfach passend. Passend für CT und all die anderen Antigentechnikprofiteure.

Autor:  DNA [ Di 17.06.2014 10:35 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Dirk hat sicher recht, die direkte Ansprache kann viel bewirken - nur sind eben die meisten Wissenschaftler nicht so mit der breiten Öffentlichkeit vernetzt, wie es die NROs sind, die ja auch schon (oder vor allen Dingen) ökonomisch auf die Unterstützung dieser Öffentlichkeit angewiesen ist.
Leider wird da dann auch nicht wirklich sachlich argumentiert oder differenziert betrachtet. Es ist ja nicht Ziel einer Interessenvertretung, "Wissen" oder "Fakten" zu vermitteln, sondern Interessen zu vertreten. Und als Lehrer und/oder Wissenschaftler kann man sicher eins machen, genau auf diese Feinheiten aufmerksam und eine gesunde Skepsis heranzubilden.
Das ist auch der Grund, warum man sich nicht verkaufen sollte und warum man selbst diese Skepsis authentisch vermitteln muss.
Tragisch ist vielleicht, welchen Hass solche Interessenverbände losgetreten haben, man schaue sich nur hie und da die Kommentarseiten selbst der Zeit, der FAZ oder der Süddeutschen nach Artikeln zur Grünen Gentechnik an...man kann den keifenden Fundamentalismus manchmal nur ertragen, wenn man sich vielleicht vormacht: wie gut, dass es "nur" die Grüne Gentechnik ist und keine ethnische oder religiöse Gruppe, die da angegiftet wird.
Natürlich ist Skepsis schwerer zu verdauen als irgendeine Form von Ideologie oder Pseudoreligion. Sie hat keine Heimat, keine Nestwärme oder Hoffnung, kein Glaubensbekenntnis anzubieten...nur Problembeschreibungen und mehr oder weniger taugliche Lösungsansätze, die viel Arbeit machen.
In der Rückschau ist auch aus meiner Sicht anzumerken, dass es auch uns hier im Forum oft nicht gelungen ist, uns von der "Wirtschaftspropaganda" abzusetzen.
Ich verteidige z.B. den Bt-Mais von Monsanto nicht, weil ich deren Interessen schützen will, sondern weil ich es gern sähe, wenn diese Technologie, öffentlich gefördert, zur Ernährungssicherung eingesetzt wird.
Aber genau dort stehen für mich die Gentechnikgegner in der Verantwortung. Es sind die Grünen und ihre außerparlamentarischen Bodentruppen gewesen, die öffentlichen Mittel gestrichen haben - weil sie eben auch nur das konnten. Das vertrete ich auch emotional. Natürlich leistet(e) Züchtung einen Beitrag zur Ernährungssicherung - auch die gentechnische.
Die Protagonisten der GenGegnerschaft sind nicht zu verteufeln, aber zu entlarven. Wie bei HannoverGen haben sie nicht wirklich Konstruktives anzubieten - und wenn sie sich weiterhin dem Dialog mit der Wissenschaft verweigern, wird das als Bumerang zurückkommen. HannoverGen hatte vielleicht keinen guten Start, aber es wurde was Gutes daraus - aber wenn man die Geister, die man rief, nicht mehr zurückpfeifen kann...DDT ist auch nicht toll, aber ohne DDT war es nicht besser. Mit GoldenRice sehe ich es ähnlich. Keine Differenzierung, keine konstruktive Beteiligung.
Das ist m.E. keine Haltung, mit der man moralisch Punkten kann.
Auch die (Natur-)Wissenschaft ist keine moralische Instanz, nicht perfekt, aber ein überzeugender methodischer Ansatz, im Idealfall mit eingebauter Skepsis-App. Mir würde es schon reichen, wenn es gelingt, das zu vermitteln. Der Rest ist dann eine demokratische Übung, oder?

Autor:  DNA [ Di 17.06.2014 14:51 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Zur Unterhaltung oder als Denkanstoß - vielleicht auch für Herrn Behringer, ein Vortrag von Patrick Moore zu Golden Rice: http://www.youtube.com/watch?v=zUS4zuVDv1k
Insbesondere die letzten Minuten...Greenpeace generiert eine Viertelmilliarde Euro Spenden, die sehr hierarchische Struktur verhindert nicht, dass ein Mitarbeiter mehrere Millionen Euro Spendengelder verzockt http://www.spiegel.de/wirtschaft/sozial ... 75215.html
...und sie behaupten, es gäbe Alternativen zu GoldenRice? Aber nicht einen Cent haben die bisher für problemlösende Forschung ausgegeben, oder?

Das ist in meinen Augen unmoralisch - und hier kann man durchaus auch emotional werden. Ich würde mich allerdings auch mit jedem Greenpeaceler an einen Tisch setzen, um z.B. die Ertragssicherheit zu erhöhen, egal mit welcher Züchtungsmethode oder Anbautechnik. Nur, Millionen Kinder sterben zu lassen, nur weil man mal in die falsche Richtung geprescht ist und das nicht zugeben will oder kann...und selbst wenn es nur 10.000 sind...was kann Greenpeace denn verlieren? Spenden? Ich würde sogar zahlendes Mitglied werden, wenn Öko(logie - von logos, übrigens....vielleicht hat das einen Grund, warum es Ökoprodukte heißt...fehlt logos absichtlich?) wieder eine biologische Teilwissenschaft wird und keine Lebenseinstellung/Ersatzreligion bleibt.

Autor:  Christof Potthof [ Mi 25.06.2014 21:17 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Die erste Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen in Deutschland wurde - wie vom Informationsdienst Gentechnik mit Bezug auf unsere Pressemitteilung vom 16. Mai dieses Jahres korrekt berichtet wurde - am 16. Mai 1989 genehmigt. Das hat uns das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in einem Schreiben mitgeteilt. Die „erste Genehmigung eines Freilandversuches gemäß Nr. 19 der ‚Richtlinie zum Schutz vor Gefahren durch in-vitro neu kombinierte Nukleinsäuren‘ erging am 16.05.1989 durch das damals zuständige Bundesgesundheitsamt (BGA) für die Vegetationsperiode 1989. Aufgrund eines Änderungsbegehrens des Antragstellers (...) erteilte das BGA am 28.12.1989 die Zustimmung zur Änderung des Bescheides vom 16.05.1989. Diese Änderung beinhaltete die Zulassung des Freilandversuches für die Vegetationsperiode 1990. Der erste Freisetzungsversuch in der Bundesrepublik Deutschland erfolgte im Jahr 1990.“
Auf der Internetseite des BVL finden sich nur die Freisetzungsversuche aufgelistet, die nach Inkrafttreten des Gentechnikgesetzes am 20.06.1990 gestellt wurden. Die Liste beginnt mit dem Petunien-Freisetzungsversuch mit dem Aktenzeichen 6786-01-0001, der von Herrn Büssis fälschlicherweise als erster Freisetzungsversuch ins Spiel gebracht wurde.
Mit freundlichem Gruß
Christof Potthof

Autor:  Dirk Büssis [ Mi 25.06.2014 22:09 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt

Hallo Herr Potthof,

endlich jemand, der auch mal nachschaut und nicht nur empört ist, Anerkennung. Ändert an den anderen Fakten nichts. Wie wäre es denn, wenn Sie auf meinen Beitrag vom 19.02.2006 (ja ist über 8 Jahre her) eingehen? Zitat:

"Aussagen des Umweltinstituts München – für sie offenbar Begleitliteratur - werden aber als unabhängig und glaubwürdig eingeschätzt. Warum? Weil das Umweltinstitut sich selbst in Hochglanzbroschüren als unabhängig darstellt? Keine finanziellen Interessen? Warum besitzen sie KEIN Misstrauen dem Umweltinstitut gegenüber? Warum akzeptieren sie, schätzen sie das Umweltinstitut als unabhängig = vertrauenswürdig ein?

Schauen wir doch einmal genau auf die tatsächlichen Beiträge des Umweltinstituts. Diese sind auf den jeweiligen Webseiten nachzulesen. Sie wurden in diesem Forum wieder und wieder rezitiert. Sie sollten die meisten Passagen spontan wiedererkennen, wenn sie dem Forum aufmerksam gefolgt sind.

Zuerst die Berichterstattung des Umweltinstituts über den ersten deutschen Freisetzungsversuch mit Petunien. Herr Meyer hatte sich auf diesen Versuch auch schon einmal bezogen. Der Bericht ist unter dem Titel „Die Natur als Experimentierfeld – Freisetzungen“ erschienen. In dem Beitrag heißt es:1990 erfolgte in Köln die erste Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in der Bundesrepublik. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts (MPI) untersuchten etwa 40.000 genmanipulierte Petunien. In die Zierpflanzen war ein Mais-Gen eingeschleust worden. Durch die Manipulation sollten die Petunien ein lachsrotes Pigment ausprägen und rot anstatt weiß blühen. So lauteten zumindest die Prognosen der Forscher und die ersten Tests im Gewächshaus schienen die Hypothese zu bestätigen. Die Überraschung zeigte sich im Juli 1990 im Freiland: Nur die Hälfte der Blüten wurden weiß, einige Petunien blühten wie erwartet rot, wieder andere wurden rosa. Damit nicht genug. Die Petunien wiesen ganz neue, von der Farbprägung unabhängige Eigenschaften auf: Die Pflanzen hatten mehr Blätter und Triebe und waren gegenüber krankheitserregenden Pilzen widerstandsfähiger als ihre unmanipulierten Verwandten. Neben einem überraschend bunten Blütenmeer zeigten die Freilandversuche eines eindeutig: Sichere – im Sinne von wissenschaftlich zuverlässige – Prognosen über das Verhalten von transgenen Organismen im Freiland sind nicht möglich.“

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen – freundlich gesagt – äußerst schlampig recherchierten Report. Realistischer jedoch um die komplette, absichtliche Verdrehung von Tatsachen, nur zu dem Zweck, eine sinnvolle und aufschlussreiche Freisetzung komplett zu diskreditieren. Unabhängig?? Vertrauenswürdig?? Ich will ihnen gerne aufdröseln, was da in Köln wirklich gemacht wurde, warum es gemacht wurde und wie es wissenschaftlich interpretiert wurde.

Am Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung (MPIZ) wurden in den 80’Jahren in der Tat Petunien gentechnisch verändert. Die Petunie ist sehr nah mit dem Tabak verwandt. (Tabak war die erste Pflanze, die stabil gentechnisch verändert werden konnte.) Zur gentechnischen Veränderung wurde eine Petunien-Mutante benutzt, die keine Blütenfarbstoffe synthetisieren kann und daher weiß blüht. Die Mutante produziert jedoch die nicht-farbigen Vorstufen der Blütenfarbstoffe. Die Kölner Wissenschaftler transformierten diese Petunien-Mutante mit einem Mais-Gen, dessen Genprodukt (DFR, auch A1 genannt) eine bestimmte Vorstufe in lachsrote Blütenfarbstoffe (Pelargonidin-Derivate) umsetzen kann. In Gewächshausversuchen wurde in der Tat gezeigt, dass dies funktioniert. Allerdings war der Nachweis, dass man Petunien gentechnisch verändern kann – und zwar mit dem gewünschten Erfolg – nur ein erstes Forschungsziel (im übrigen in Nature publiziert). Der Freisetzungsversuch wurde mit völlig anderer Absicht durchgeführt, NICHT mit der Absicht, hübsche lachsrote Petunien im Freiland zu haben.

Der Freisetzungsversuch wurde beantragt um Transposons zu identifizieren. Transposons sind ‚springende’ Gensequenzen, die NATÜRLICHERWEISE aus dem Genom ausgeschnitten werden und die NATÜRLICHERWEISE an anderer Stelle wieder im Genom integriert werden können. Transposons sind aus Bakterien bekannt und sollten nun in Pflanzen identifiziert werden. Die Idee war, dass die Blüten der gentechnisch veränderten Petunien in dem Fall – als Indikator - wieder weiß sein werden, wenn ein Transposon in das A1 Gen oder dessen Promotor ‚springt.’ Dann nämlich kann das Transgen nicht abgelesen werden und der lachsrote Farbstoff nicht produziert werden. Pflanzen mit weißen Blüten sollten auf das Vorkommen von Transposons in den bekannten Sequenzen des A1 Gens oder des 35S Promotors untersucht werden. Dies kann im Gewächshaus nicht durchgeführt werden, da eine Transposon-Integration in ein ganz bestimmtes Gens selten sein wird. Der Freisetzungsversuch wurde also beantragt, um genügend Pflanzen zu haben, um sicherzugehen, eine Transposon-Integration überhaupt nachweisen zu können. Im Freisetzungsversuch wurden dann 30800 gentechnich veränderte Petunien gepflanzt. Nicht 40.000, wie vom Umweltinstitut behauptet. Unabhängig?? Vertrauenswürdig??

Zunächst verlief der Freisetzungsversuch auch wie erwartet. In der Tat fanden die Forscher einen Anteil von Pflanzen, die weiße Blüten anstatt der lachsroten hatten. Allerdings konnten die Forscher in diesen Pflanzen keine Transposons finden. Dies ist kein ungewöhnlicher Vorgang, Forschung ist hypothesen-getrieben, aber ergebnisoffen. Die Ursache für die weißen Blüten war im Endeffekt dennoch sehr spannend, aber dazu etwas später.

Während des Freisetzungsversuchs stiegen die Temperaturen auf sommerliche Höhe. Jetzt produzierten die Petunien Blüten, die lachsrot waren oder weiß oder Blüten mit lachsroten Punkten oder Streifen. Auch dies war sicher unerwartet. Interessanterweise war die Charakteristik der Blütenfarbe zudem vererblich.

Intensive Untersuchungen konnten die Ursache für die verschiedenen Blütenfarben erklären. Nicht Transposons waren die Ursache, sondern Methylierungen des Promotors des A1 Gens. Starke Methylierung führte zu weißen Blüten, intermediäre zu den Punkten/ Streifen. Durch die NATÜRLICHE chemische Veränderung im Promotor (ohne Veränderung der Gensequenz) wurde die Ausprägung des A1 Gens dosis-abhängig verändert. Und dieser Effekt war auch noch vererblich, d.h. die Nachkommen dieser Blüte zeigten dieselben Eigenschaften. Dies war – nach meiner Informationslage – der erste DIREKTE Nachweis epigenetischer Effekte in Pflanzen. Als Epigenetik werden Effekte bezeichnet, die ohne Veränderung der DNS-Sequenz vererblich sind.

Was hier nachgewiesen wurde, war unglaublich spannend. Umweltbedingungen beeinflussen VERERBLICH die Expression von Genen, und zwar nicht über Veränderung der Gensequenz. Und dies gilt selbstverständlich nicht nur für gentechnisch veränderte Pflanzen. Die Versuchsergebnisse implizieren, dass Epigenetik allgemein wichtig für die Anpassung von Pflanzen an Umweltbedingungen sind. Wichtige, wichtige Ergebnisse.

Was sagt das Umweltinstitut? „Neben einem überraschend bunten Blütenmeer zeigten die Freilandversuche eines eindeutig: Sichere – im Sinne von wissenschaftlich zuverlässige – Prognosen über das Verhalten von transgenen Organismen im Freiland sind nicht möglich.“ Anstatt zu versuchen, die Ergebnisse der Kölner Forscher zu verstehen, wird hier eine Grundmaxime der Wissenschaft – hypothesen-getrieben aber ergebnisoffen – umfunktioniert in: ihr wisst nicht, was ihr tut. Dies ist im höchsten Maße ignorant, unwissenschaftlich, populistisch, verfälschend! Unabhängig?? Vertrauenswürdig??

Das Umweltinstitut behauptet weiter: „Die Petunien wiesen ganz neue, von der Farbprägung unabhängige Eigenschaften auf: Die Pflanzen hatten mehr Blätter und Triebe und waren gegenüber krankheitserregenden Pilzen widerstandsfähiger als ihre unmanipulierten Verwandten.“ Die Wissenschaftler vom MPIZ haben aber ein komplett anderes Ergebnis veröffentlicht, welches das Umweltinstitut ignoranterweise nicht zitiert, sondern völlig verfälscht. „Die transgenen lachsfarbenen Petunien waren widerstandsfähiger gegen verschiedene Pilzkrankheiten als die weißblühenden Mutanten, aber empfindlicher im Vergleich zu den sehr intensiv gefärbten Handelssorten ... Damit scheinen sich frühere Untersuchungen zu bestätigen, dass nämlich Farbstoffe (Anthocyane) bzw. deren Zwischenprodukte eine wichtige Schutzfunktion gegen Krankheitserreger und Schädlinge haben können.“ (in MPIZ aktuell 1996/01). Auch hier wieder ist die Berichterstattung des Umweltinstituts im höchsten Maße ignorant, unwissenschaftlich, populistisch, verfälschend! Unabhängig?? Vertrauenswürdig??

Bei diesem ersten deutschen Freisetzungsversuch wurde zudem begleitende Sicherheitsforschung durchgeführt. Im Beitrag des Umweltinstituts findet dies überhaupt keine Erwähnung. In der Tat wurden sowohl Bodenproben als auch Bodenbakterien auf das Vorkommen des Transgens nach dem Ende des Freisetzungsversuchs untersucht. Im Boden konnte das Transgen kurzfristig nach Ende des Versuchs noch nachgewiesen werden. In Bodenbakterien nie. Wichtige Ergebnisse. Keine Erwähnung beim Umweltinstitut. Dies ist im höchsten Maße ignorant, unwissenschaftlich, populistisch, verfälschend! Unabhängig?? Vertrauenswürdig??

Zum Thema wirtschaftliche Interessen. Lieber Herr Kusch: wo sind die wirtschaftlichen Interessen des MPIZ? Was macht die Veröffentlichungen des MPIZ über den Freisetzungsversuch für sie unglaubwürdig? Warum misstrauen sie den Versuchsergebnissen des MPIZ? Das MPIZ hat bisher keine einzige lachsrote Petunie verkauft und wollte das nie! Die Forscher in Köln haben mit diesem Freisetzungsversuch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Epigenetik in Pflanzen geleistet. Und was macht das Umweltinstitut München daraus? Unabhängig?? Vertrauenswürdig?? Das ist noch nicht einmal Zweitverwurstung, das ist unseriöse Verdrehung wissenschaftlicher Ergebnisse."

Und in dem Artikel des (Des)Informationsdienstes Gentechnik ging es um genau diese Punkte.

Das ist: Jeder, der uns mag, kriegt unser 1x1 gelehrt.

Mit freundlichen Grüßen

Dirk Büssis

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