EU und Amerika: Zwei Geschwindigkeiten bei Gentechnik-Zulassungen

Anbau-Zulassungen gv-Soja und Import-Zulassungen Europa


Auch wenn die Zahl der Anbau-Zulassungen für gentechnisch veränderte Pflanzen in den USA und Kanada seit 2015 stagniert, weiter zugenommen hat sie in den südamerikanischen Anbauländern Brasilien und Argentinien. Immer mehr unterschiedliche gv-Pflanzen vor allem gv-Soja kommen dort auf die Felder. Für die EU, angewiesen auf Agrarimporte aus diesen Ländern, ist das ein Problem: Sie hinkt mit den Importzulassungen hinterher.

Anbauzulassungen Soja in Südamerika und Importzulassungen EU

Anbau-Zulassungen für gv-Sojabohnen in Südamerika und entsprechende Importzulassungen in Europa. 13 von 18 in Südamerika angebauten gv-Sojabohnen sind in der EU für den Import zugelassen, fünf weitere sind beantragt.

Anbauzulassungen gv-Mais und Importe EU

Anbau-Zulassungen von gv-Mais in den USA und Import-Zulassungen in der EU (ohne Stacked Events). In den USA müssen nur einzelne Events zugelassen werden, nicht aber Kombinationen daraus, sogenannte Stacked Events. Berücksichtigt man bei den Import-Zulassungen in der EU auch nur die einzelnen Events und keine Kombinationen, wird deutlich, dass die Schere bei den Zulassungen sich weiter öffnet. Zehn weitere Einzel-Events befinden sich in der EU im Zulassungsprozess, sechs mit abgeschlossener Sicherheitsbewertung.

Importzulassungen in der EU 2007 bis 2018

Import-Zulassungen für gv-Pflanzen in der EU pro Jahr, 2007 bis 2018. In den zehn Jahren davor wurden nur einige wenige Mais- und eine Sojazulassung erteilt.

Für den Anbau zugelassene Events weltweit/Import-Zulassungen Europa:

Soja: 35/19

Mais: 112/25 (74*)

Baumwolle: 54/12

Raps: 31/5

* Fünf Maiszulassungen für Stacked Events umfassen zusätzlich insgesamt 49 Unterkombinationen aus den einzelnen Events. Werden die mitberücksichtigt, beträgt die Anzahl der Zulassungen 74

Wenn Europa gentechnisch veränderte Pflanzen oder daraus hergestellte Produkte importiert, müssen diese als Lebens- und Futtermittel für den Import zugelassen sein. Da gv-Pflanzen in der EU aufgrund mangelnder Akzeptanz aber politisch nicht gewollt sind, ist die europäische Zulassungspraxis ausgesprochen zögerlich und langwierig. Fristen werden in aller Regel nicht eingehalten bzw. umgangen und die politischen Entscheidungen in den zuständigen Ausschüssen blockiert. Von der Antragstellung durch ein Unternehmen bis zur Zulassung durch die EU-Kommission dauert es im Durchschnitt fünf, manchmal auch zehn Jahre, in den USA nur zwei.

Die Kluft zwischen weltweit und in der EU zugelassenen gv-Pflanzen ist nach wie vor groß, auch wenn die Anzahl der EU-Importzulassungen insbesondere bei Sojabohnen in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist. Vier gv-Sojabohnen wurden zuletzt im Dezember 2017 von der EU-Kommission zugelassen.

Solange die EU an der „Nulltoleranz“ festhält, besteht ein hohes Risiko nicht erlaubter GVO-Beimischungen in Agrarimporten. Derzeit sind in der EU für Lebensmittel keine und in Futtermitteln nur sehr geringe (< 0,1 %) Spuren nicht zugelassener GVO erlaubt. Jeder Nachweis führt dazu, dass die betroffene Agrarlieferung auf dem europäischen Markt nicht mehr verkehrsfähig ist.

Für die Anbauländer wird es zusehends schwieriger, in der EU zugelassene von nicht zugelassenen gv-Pflanzen zu trennen. Es ist absehbar, dass im internationalen Agrarhandel Spuren von in der EU nicht zugelassenen gv-Pflanzen sich kaum noch vermeiden lassen.

Die EU importiert jährlich etwa 33 Millionen Tonnen einweißreiche Soja-Futtermittel vorwiegend aus Brasilien, Argentinien und den USA. In diesen Erzeugerländern sind zwischen 93 und 99 Prozent der angebauten Sojabohnen gentechnisch verändert. Dementsprechend sind über 90 Prozent der in die EU importierten Soja-Futtermittel gentechnisch verändert. Nur Brasilien erzeugt noch nennenswerte Mengen konventionelle Soja - 2015/16 waren dies knapp sechs Millionen Tonnen.

Sojabohnen: Europa ist nicht mehr der wichtigste Absatzmarkt

Von 1996 bis 2009 wurde in Südamerika nur eine einzige gv-Sojabohne angebaut, die sogenannte RoundupReady Sojabohne GTS40-3-2, die in der EU schon 1996 und dann erneut 2005 und 2012 für den Import zugelassen wurde. Seitdem wurden dort 17 weitere gv-Sojabohnen (Events) für den Anbau zugelassen, davon 13 in den letzten vier Jahren in Brasilien und/oder Argentinien. Für fünf dieser gv-Sojabohnen gibt es in der EU noch keine Import-Zulassung. Alle fünf sind beantragt, bei zweien davon ist die Sicherheitsbewertung durch die EFSA bereits abgeschlossen.

Europa ist heute nicht mehr der wichtigste Absatzmarkt für Agrarprodukte aus Nord- und Südamerika. Noch bis 2013 wurden etwa in Argentinien gv-Pflanzen erst dann für den Anbau freigegeben, wenn sie auch auf dem wichtigsten Export-Markt Europa als Lebens- und Futtermittel zugelassen waren. Inzwischen ist China der bedeutendste Sojaimporteur. 60 Prozent aller international gehandelten Sojabohnen gehen nach China.

Mais: Unübersichtlichkeit durch Stacked Events

Die mit Abstand meisten für den Anbau zugelassenen gentechnisch veränderten Linien gibt es bei Mais. Die Zulassungsdatenbank von ISAAA (International Service fort he Acquisition of Agri-biotech Applications) führt 112 Events inklusive zahlreicher Event-Kombinationen auf.

Der Überblick über die weltweiten Zulassungen bei Mais wird erschwert dadurch, dass es inzwischen eine Vielzahl solcher Kombinationen, sogenannter Stacked Events gibt. In den USA, dem Hauptanbauland, müssen nur die einzelnen Events zugelassen werden, bisher etwa vierzig. Stacked Events, die sich daraus ableiten, sind dort „automatisch“ mitzugelassen. In der EU - und ähnlich in anderen Ländern - gilt jede Kombination aus bereits zugelassenen Events als neuer GVO, der eigens zugelassen werden muss. Welche der vielfältigen Kombinationen aus einzelnen gv-Maislinien sich in den USA tatsächlich auf dem Markt befinden und angebaut werden, lässt sich kaum abschätzen. Die Lage wird also zusehends unübersichtlich. Die in Europa beantragenden Unternehmen gehen deshalb zunehmend dazu über, mit Zulassungen für Stacked Events auch mögliche Unterkombinationen aus den einzelnen Events gleich mitabzudecken. So sind 2018 zwei neue Zulassungen für gv-Mais erteilt worden, die elf weitere Kombinationen umfassen.

Für nicht zugelassene GVO gilt in der EU:

Futtermittel dürfen geringfügige Spuren - bis 0,1 Prozent (technische Nachweisgrenze) enthalten, wenn bereits ein Zulassungsantrag gestellt ist.

Für Lebensmittel gilt die Nulltoleranz, auch minimale Spuren sind nicht erlaubt.

Wird bei Importen ein in der EU nicht zugelassener GVO nachgewiesen, darf die gesamte Lieferung nicht eingeführt werden.
Auch für Saatgut gilt die Nulltoleranz.

Die EU importiert etwa sieben Millionen Tonnen Mais im Jahr. Weniger als 25 Prozent davon sind gentechnisch verändert. Bis 1997 kamen noch zwischen zwei und vier Millionen Tonnen Mais aus den USA. Als Resultat der asynchronen Zulassungen in den USA und Europa brach dieser Markt jedoch weitgehend ein. Mais bezieht die EU inzwischen hauptsächlich aus der Ukraine.

Anders als bei Soja kann Europa Mais aus solchen Ländern beziehen, die keinen gv-Mais anbauen. Doch eine Garantie auf eine absolute „Gentechnik-Freiheit“ ist das nicht. Immer wieder wurden Spuren von gv-Mais in konventionellem Mais und auch in anderen Agrarlieferungen nachgewiesen. So fanden sich 2009 Beimischungen von zwei in der EU nicht zugelassenen Mais-Events in Sojabohnen aus den USA. Mehrere Schiffsladungen Sojabohnen wurden daraufhin zurückgeschickt und die Sojalieferungen aus den USA vorübergehend eingestellt, weil die Importeure das Risiko solcher Einfuhren scheuten.

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