Doudna Charpentier 2

Erneut kein Nobelpreis für CRISPR/Cas - verbissener Streit um Patente

(04.10.2017) Wie schon im Vorjahr Jahren gehörten sie auch 2017 wieder zu den Top-Favoriten für den Nobelpreis: Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier, die beiden „Erfinderinnen“ des CRISPR/Cas9-Systems, mit dem Erbgut verändert werden kann – so schnell, präzise und zuverlässig wie nie zuvor. Erneut gingen sie leer aus. Noch immer wird um die Patentrechte gestritten, inzwischen sogar heftiger als zuvor. Es geht um sehr viel Geld und es kann noch Jahre dauern, bis Klarheit herrscht. Da will das Stockholmer Nobelpreiskomitee nicht Partei ergreifen.

Feng Zhang

Feng Zhang vom Broad Institut. Die amerikanische Patentbehörde sprach ihm das Patent für die lukrativen CRISPR-Anwendungen bei „höheren“ Lebewesen (Eukaryonten) zu. Seine beiden Konkurrentinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier (Foto oben bei der Verleihung des Breakthrough Prize for Life Sciences 2015) erhielten das Patent auf das Verfahren. Seitdem ist die Situation bei den CRISPR-Patenten reichlich verworren.
Foto oben: Breakthroughprize.org

Cas9 3D-Modell

Patent auf CRISPR-Cas: Geht das eigentlich? CRISPR/Cas ist ein „natürlicher Prozess“ - und solche sind nach den geltenden Gesetzen nicht patentierbar, weder in der EU, noch in den USA. Doch bis aus dem ursprünglichen Mechanismus, mit dem Bakterien Viren abwehren, ein Verfahren wurde, um einzelne DNA-Bausteine bei Pflanzen, Tieren oder menschlichen Zellen gezielt verändern zu können, mussten mehrere zusätzliche „Erfindungen“ gemacht werden. Solche „mikrobiologischen Verfahren“ sind patentierbar. Inzwischen sind rund um CRISPR bereits zahlreiche Patente erteilt worden.

Foto: 3D-Modell des Cas9-Proteins, NIH (National Institute of Health)

Keine Frage: CRISPR/Cas ist nobelpreiswürdig. Was vorher nur sehr aufwändig und oft fehlerhaft möglich war, ist mit der „Gen-Schere“ – so die inzwischen gebräuchliche Umschreibung - zu einem Routineverfahren geworden. Sie „ist so einfach zu bedienen, dass sie quasi jeder Wissenschaftler mit molekularbiologischem Sachverstand bedienen kann“, so Jennifer Doudna, Professorin an der University of California in Berkeley, bei der Verleihung des Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preises im März 2016 in der Frankfurter Paulskirche.

Zusammen mit der Französin Emmanuelle Charpentier, inzwischen Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin, hat sie erkannt, dass in einem anfangs rätselhaft erscheinenden molekularen Mechanismus bei Bakterien – eine Art Immunsystem gegen Viren – das Potenzial für ein Universalwerkzeug zum Umschreiben von DNA steckt. Das Erstaunliche: Es funktioniert in nahezu allen Organismen – bei Pflanzen, Tieren und auch bei menschlichen Zellen. Die Anwendungsmöglichkeiten sind riesig.

Doudna und Charpentier sind die bekannten Gesichter von CRISPR, mit hochdotierten Preisen überhäufte Weltstars der Wissenschaft. Vor fünf Jahren, im Mai 2012, hatten sie in einer wissenschaftlichen Publikation ihre „Erfindung“ von CRISPR-Cas als Genome Editing-Verfahren beschrieben. Im gleichen Jahr reichte die University of California (UC, Berkeley) für Doudna und Charpentier einen entsprechenden Patentantrag bei der US-Patentbehörde (USPTO, US Patent and Trademark Office) ein.

Doch im April 2014 wurde überraschenderweise nicht ihnen das Patent zuerkannt, sondern auch Feng Zhang vom Broad Institut des MIT (Masschusetts Institute of Technology) und der Harvard-Universität. Er hatte mit seinem Team 2013 ebenfalls zu CRISPR publiziert und sofort einen Patentantrag gestellt – allerdings wenige Monate später als Doudna und Charpentier. Zhang hatte - zusammen mit dem bekannten Harvard-Professor George Church - zum ersten Mal CRISPR bei Maus- und menschlichen Zellen angewandt. Für die besonders lukrativen Anwendungen an „höheren“ Zellen (Eukaryoten) bekam das Broad Institut das CRISPR-Patent zugesprochen, für das Verfahren „an sich“ die University of California. Doch geklärt war damit nichts - im Gegenteil.

„Die anderen haben das Patent für grüne Tennisbälle“, so Doudna, „wir dagegen haben das Patent auf alle Tennisbälle.“ Sie und Charpentier beanspruchten weiter das grundlegende Patent auf das Verfahren, und leiteten umgehend eine formelle Überprüfung (patent interference) ein. Doch vergeblich - im Frühjahr 2017 bestätigte die US-Patentbehörde die frühere Entscheidung. Inzwischen hat die University of California erneut Einspruch eingelegt, der Streit geht in die nächste Runde.

Zuvor hatte auch das Europäische Patentamt die Verwirrung weiter vergrößert, als es - anders als die US-Kollegen - zugunsten von Doudna und Charpentier entschied: Die von Zhang entwickelten CRISPR-Anwendungen bei höheren Zellen seien bereits durch das von den beiden Wissenschaftlerinnen gehaltene Patent abgedeckt, Zhang könne daher unabhängig vom Verfahren keinen eigenen Anspruch auf Schutzrechte geltend machen. Hingegen gewährten die Europäer Zhang das Patent auf eine neue Variante des CRISPR-Verfahrens, die anstelle des Cas-Schneideproteins ein anderes (Cpf1) verwendet und die nach Angaben des Broad Instituts noch besser und zuverlässiger sein soll.

Wenn sich die Kontrahenten nicht einigen - denkbar wäre etwa ein gemeinsamer Patent-Pool -, wird es wohl nach Jahre dauern, bis Rechtssicherheit herrscht und kommerzielle CRISPR-Nutzer wissen, mit wem sie Lizenvereinbarungen abschließen müssen. Und möglicherweise werden erst Gerichte über den im Kern wissenschaftlichen Streit entscheiden. In dieser Situation würde die Verleihung des Nobelpreises an die eine oder andere Seite als Einmischung in den laufenden Patentstreit aufgefasst.

Für akademische und andere nicht-kommerzielle Forschungsprojekte bleiben die CRISPR-Verfahren frei und ohne Lizenzgebühren nutzbar. Patentansprüche gelten hier nicht.

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