Ratten mit Tumoren

Die Séralini-Studie: Wissenschaftlich durchgefallen

„Höheres Krebsrisiko durch Genmais“: Im September 2012 machte eine spektakuläre Studie Schlagzeilen. Eine Gruppe französischer Wissenschaftler um den bekannten Gentechnik-Kritiker Gilles-Eric Séralini wollte bewiesen haben, dass ein gentechnisch veränderter Mais (NK603) zusammen mit dem Herbizid Glyphosat bei Ratten Tumore hervorruft. Fast alle Medien griffen das Thema auf und übernahmen Séralinis Interpretation. Bis heute berufen sich Gentechnik-Gegner immer wieder auf seine Studie. Aus der Wissenschaft kam dagegen einhellige Kritik.

Séralini hatte Ratten über zwei Jahre mit gentechnisch verändertem Mais NK603 sowie mit dem Herbizid Roundup (Glyphosat) gefüttert. Diese Tiere litten häufiger unter Tumoren, Leber- und Nierenschäden und starben früher als in der mit normalem Mais gefütterten Kontrollgruppe.

ZDF-heute zu Genmais

„Höheres Krebsrisiko durch Genmais.“ So wie die ZDF-Heute-Sendung vom 20. September haben viele Medien in Deutschland die vorgeblichen Ergebnisse der Séralini-Studie als Tatsache hingestellt. Rückfragen bei anderen Wissenschaftlern gab es nicht.

Foto: Screenshot ZDF

Ratten mit Tumoren

Ratten mit wuchernden Tumoren: Die Macht dieser Bilder verfehlten ihre Wirkung nicht. Doch inzwischen stimmen die meisten Wissenschaftler darin überein, dass die Studie erhebliche Mängel hatte. Später zog die Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology, in der Séralinis Studie zuerst veröffentlicht worden war, die Publikation als wissenschaftlich unhaltbar zurück.

Foto: Nouvel Observateur

Die Studie und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen fanden ein großes - und für einige Tage kaum widersprochenes - Echo in der europäischen Öffentlichkeit. Viele Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten übernahmen in ihren Berichten Séralinis Sichtweise, ohne andere Experten um eine fachliche Einschätzung zu fragen.

Erst später kamen auch andere Wissenschaftler zu Wort. Die EU-Kommission schaltete die für Lebensmittelsicherheit zuständige europäische Behörde, die EFSA, ein. Auch die Bundesregierung forderte bei den deutschen Behörden - dem unabhängigen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) - Stellungnahmen an.

Im Kern stimmten die Behörden - und ähnlich viele andere Wissenschaftler, die sich an der Diskussion beteiligten - in ihrer Kritik an der Séralini-Studie überein.

„Die Studie hat sowohl Schwächen im Design als auch in der statistischen Auswertung, so dass die Schlussfolgerungen der Autoren nicht nachvollziehbar sind“, fasste etwa Professor Dr. Reiner Wittkowski, Vizepräsident des BfR zusammen. Auch die Stellungnahme der EFSA bemängelte vor allem die Methodik der Studie. „Ohne einwandfreies Studiendesign und methodisches Vorgehen“, so EFSA-Direktor Per Bergmann, der die Zusammenarbeit der Experten aus verschiedenen Gremien koordinierte, „ist es unwahrscheinlich, dass eine Studie zuverlässig und valide ist.“

Die Behörden verwiesen darauf, dass die Größe der Versuchsgruppen von je zehn Tieren viel zu klein war, um abgesicherte, nicht zufallsbedingte Ergebnisse zu bekommen. Die OECD-Richtlinien für Langzeit-Fütterungsstudien schreiben 50 Tiere pro Gruppe und Geschlecht vor. Gerade bei Studien, die an die „natürliche“ Lebenszeit der Tiere heranreichen, müssten altersbedingte Folgen von möglichen Effekten des zu untersuchenden Stoffes - in diesem Fall des NK603-Maises bzw. Glyphosats - unterschieden werden können. Ohne eine ausreichende Zahl von Versuchstieren sei eine statistisch saubere Auswertung nicht möglich.

Vor allem aber: Séralini hatte für seine Versuche einen Rattenstamm (Sprague-Dawley) verwendet hat, der unter Fachleuten für seine Tumoranfälligkeit bekannt war. Die Stellungnahmen der Behörden zitierten mehrere Untersuchungen zu diesen Ratten, bei denen auch ohne äußere Einflüsse nach zwei Jahren eine ähnliche Tumorhäufigkeit beobachtet wurde. Mit dem von Séralini gewählten Versuchsdesign ließe sich nicht unterscheiden, ob für die Tumore der Ratten tatsächlich der NK603-Mais ursächlich sei oder ob sie bei Ratten dieses Stamms nach zwei Jahren ohnehin entstanden wären.

Für die Behörden war die Séralini-Studie kein Anlass, frühere Sicherheitsbewertungen zu NK603-Mais und zum Herbizid Glyphosat zu revidieren.