Gentechnisch veränderte Pflanzen in der Umwelt: Jeder Fall ist anders

Wird eine gentechnisch veränderte Pflanze im Freiland angebaut, ist das nicht zwangsläufig eine Gefahr. Ob es unerwünschte Auswirkungen hat oder der Umwelt schadet, ist nicht pauschal für „die Gentechnik“ zu beantworten, sondern immer nur für einen konkreten Einzelfall. Jede gentechnisch veränderte Pflanze ist anders, auch bei der Abschätzung möglicher Folgen. Ganz entscheidend sind die Pflanzenart und ihre biologischen Eigenschaften, das gentechnisch vermittelte neue Merkmal, aber auch die Region, in der die Pflanze angebaut werden soll.

Maisblüte

Maisblüte. Maispollen werden fast ausschließlich durch Wind verbreitet. Bienen und andere Insekten spielen bei der Bestäubung eine geringere Rolle.

Rapsblüte

Rapsblüten werden vor allem durch Insekten bestäubt. Anders als Mais kann sich Raps auch außerhalb der kultivierten Flächen behaupten. Zudem kann der Samen im Boden mehrere Jahre keimfähig bleiben.

Kartoffelblüte

Kartoffeln vermehren sich vor allem vegetativ über die Knollen.

Gleich ob mit oder ohne Gentechnik: Jede Agrarnutzung verändert Umwelt und Biodiversität. Das Vorkommen von Tieren und Pflanzen in den Agrarökosystemen, die Artenvielfalt oder die Zusammensetzung der Mikroorganismen im Boden sind keineswegs konstant, sondern unterliegen großen Schwankungen. Sie hängen ab von der jeweiligen Kulturart, der Größe der Flächen, der Fruchtfolge, der Bodenbearbeitung und den aufgebrachten Pflanzenschutzmitteln. Sogar zwischen einzelnen konventionellen Sorten gibt es deutliche Unterschiede.

Natürlich hat es Auswirkungen auf die Ökosysteme, wenn gentechnisch veränderte (gv-) Pflanzen angebaut werden. Problematisch wären diese jedoch nur dann, wenn sie außerhalb des üblichen Schwankungsbereichs lägen. Um das herauszufinden, werden vor der Zulassung einer gv-Pflanze Versuche durchgeführt. Im Kern geht es dabei immer um die gleichen Fragen.

Was ist mit dem neuen Merkmal, das durch das übertragene Gen vermittelt wird? Kann es andere Wirkungen haben als die beabsichtigte?

Ein Beispiel: Insektenresistenter Mais bildet einen Wirkstoff (Bt-Protein) gegen Schädlinge wie die Raupen des Maiszünslers oder desMaiswurzelbohrers. Beabsichtigt ist, nur diese „Zielorganismen“ zu treffen, nicht aber andere Insekten oder Nützlinge. Es muss gewährleistet sein, dass der Anbau einer solchen gv-Pflanze nach „guter landwirtschaftlicher Praxis“ andere Tier- oder Pflanzenarten nicht gefährdet.

Kann sich eine gentechnisch veränderte Pflanze außerhalb der Ackerflächen behaupten?

Auszuschließen ist es nicht: Durch die gentechnische Veränderung könnte eine neue Pflanze konkurrenzstärker werden und andere Pflanzen verdrängen. Allerdings: Die meisten Kulturpflanzen sind außerhalb der Ackerflächen gar nicht überlebensfähig. Mais und Kartoffeln gedeihen nur mit menschlicher Pflege. In der „freien Natur“ gehen sie ein.

Bei Raps ist das anders: Gleich, ob gentechnisch verändert oder nicht - er wächst an vielen Standorten und kann einige Jahre im Boden überdauern. Diese biologischen Eigenschaften müssen bei der Sicherheitsbewertung einer neuen gv-Rapssorte berücksichtigt werden.

In Europa darf eine gentechnische veränderte Pflanzen nur unter bestimmten Voraussetzungen zum Anbau zugelassen werden:

-wenn eine Umweltverträglichkeitsprüfung mit zahlreichen Einzeluntersuchungen durchgeführt worden ist;

-wenn an verschiedenen Standorten Freisetzungsversuche durchgeführt wurden, ohne dass Hinweise auf besondere Umweltrisiken gefunden wurden;

-wenn nach dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand von der jeweiligen gv-Pflanze keine Gefahr für die Umwelt ausgeht und auch die Gesundheit von Mensch und Tier nicht beeinträchtigt wird;

-wenn ein Verfahren zur Verfügung steht, mit dem die betreffende gv-Pflanze jederzeit identifiziert werden kann und damit in Saatgut, Lebens- oder Futtermitteln nachzuweisen ist,

-wenn ein Konzept zur systematischen Beobachtung vorgelegt wird, mit dem mögliche, erst nach der Zulassung offenkundig werdende Schäden erkannt werden können (Monitoring).

Das eingeführte „Fremdgen“ kann auskreuzen. Ist das möglich und was wäre die Folge?

Pflanzenpollen werden durch Wind und Insekten verbreitet. Dann kann es zu Auskreuzungen kommen, aber nur, wenn es in der Nähe artverwandte Kreuzungspartner gibt. Solche Wildpflanzen und verwilderte Sorten gibt es bei Mais oder Kartoffeln in Mitteleuropa nicht, wohl aber bei Raps und in bestimmten Regionen bei Zuckerrüben. Bei Raps sind Kreuzungen etwa mit Braunem Senf möglich, doch inzwischen weiß man, dass daraus nur selten fruchtbare Nachkommen hervorgehen.

Etwas anderes sind Auskreuzungen auf Kulturpflanzen derselben Art. Wird etwa gv-Mais angebaut, ist es durchaus möglich, dass dieser auf konventionelle Pflanzen in der Nachbarschaft auskreuzt. Eine biologische Gefahr ist das nicht, sofern die betreffende gv-Pflanze als sicher eingestuft wurde.

Entscheidend für die Auskreuzungshäufigkeit ist auch die jeweilige Biologie der Pflanzenart. So vermehren sich Kartoffeln vor allem vegetativ, also über die Triebe, die aus den Knollen wachsen. Bei der geschlechtlichen Vermehrung durch Bestäubung der Blüten überwiegt die Selbstbefruchtung. Auch Weizen und Gerste sind „Selbstbestäuber“, bei denen die Befruchtung innerhalb einer geschlossenen Blüte stattfindet. Bei Mais wird der Pollen vor allem durch den Wind transportiert, während bei Raps Bienen und andere Insekten eine große Rolle spielen.

Zu berücksichtigen ist auch, ob das neu in eine Pflanzen eingeführte Merkmal ihr einen Überlebensvorteil verschaffen könnte. Bei einem Gen für Trockentoleranz wäre das denkbar. Eine Pflanze, die es besitzt, könnte in Dürrezeiten besser überleben. Dagegen bringt ein Gen etwa für einen neuen Inhaltsstoff in der Regel keinen Vorteil.

Es gibt keinen Grund, jede gentechnisch veränderte Pflanze pauschal als gefährlich einzustufen. Was passieren könnte und welche Folgen überhaupt in Betracht zu ziehen sind, ist in jedem Fall anders. Darum ist es auch ein zentraler Grundsatz der Gesetzgebung, jeden Freisetzungsversuch und jede gv-Pflanze gesondert zu prüfen (Einzelfallprinzip).

Umweltsicherheit – Forschung und Erfahrung

Seit vielen Jahren wird intensiv geforscht, wie sich gv-Pflanzen in der Umwelt verhalten und ob sie sich dabei von konventionellen Pflanzen unterscheiden. Das machen nicht nur die Unternehmen, die gv-Pflanzen auf den Markt bringen wollen und Daten benötigen, um deren Umweltverträglichkeit zu belegen. Auch Universitäten und Forschungseinrichtungen in vielen Ländern beschäftigen sich mit der „biologischen Sicherheit“ von gv- Pflanzen.

In Deutschland hat die Bundesregierung von 1987 bis 2012 eine unabhängige Sicherheits- und Begleitforschung gefördert. In den letzten Jahren hat sich das Wissen um die Wechselwirkungen zwischen gentechnisch veränderten Pflanzen und ihrer Umwelt stark erweitert. Es stehen geeignete Verfahren zur Verfügung, um die in den Gesetzen geforderte Umweltverträglichkeitsprüfung für gv-Pflanzen durchführen zu können.

Sollte eine neue gv-Pflanzen in der Umwelt zu eindeutigen Schäden führen, dann ist davon auszugehen, dass diese im Vorfeld der Zulassung erkannt werden. Das wäre etwa der Fall, wenn bestimmte nützliche Insektenarten getötet würden oder die Bodenfruchtbarkeit abnähme. Nur: Solche akuten Schäden sind eher die Ausnahme.

Der Regelfall ist, dass die Sicherheitsforschung eine Vielzahl von Daten hervorbringt. Diese zeigen zum Beispiel, dass die Artenzusammensetzung auf einem Maisfeld von vielen Faktoren abhängig ist – vom Wetter, vom Boden, von der Jahreszeit, von den angepflanzten Sorten oder den landwirtschaftlichen Anbaumethoden. Ob gentechnisch veränderte oder konventionelle Pflanzen auf dem Feld stehen, ist dabei nur ein Faktor – und meistens nicht der entscheidende.

In zahlreichen Forschungsprojekten zu den Auswirkungen von Bt-Mais auf Ökosystem und Artenvielfalt hat sich gezeigt, dass Unterschiede zwischen verschiedenen Maissorten größer sind als die zwischen gentechnisch verändertem Bt-Mais und seiner konventionellen Ausgangssorte.

Fazit: Wenn gentechnisch veränderte Pflanzen unter freiem Himmel wachsen, hat das – wie jede landwirtschaftliche Nutzung – Auswirkungen auf die Umwelt. Doch ganz so unkalkulierbar, wie viele befürchten, sind diese nicht.