Golden Rice, Reis 2

Goldener Reis mit mehr Vitamin A: Die unendliche Geschichte - doch noch mit Happy End?

Die Unterversorgung mit Vitamin A ist eines der weltweit am meisten verbreiteten Gesundheitsprobleme - auch in Asien, wo Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel ist. Vor bald zwanzig Jahren begann eine internationale Wissenschaftlergruppe, einen gentechnisch veränderten Reis zu entwickeln, der genügend Vitamin A enthält und so Mangelkrankheiten - vor allem Erblinden - verhindern könnte. Kleinbauern in Asien sollen das Saatgut für diesen „Goldenen Reis“ kostenlos erhalten. Von Gentechnik-Gegnern erbittet bekämpft, steht er noch immer nicht auf den Feldern.

Golden Rice, Reis

Forschung am Goldenen Reis: Dr. Parminder Virk, International Rice Research Institute (IRRI) und Dr. Alamgir Hossain (großes Foto oben), Bangladesh Rice Research Institute (BRRI).

Golden Rice, Reis

Freilandversuche mit Golden Rice, auf den Philippinen 2010.

Golden Rice Züchtung

Reiszüchtung am IRRI: Bestäuben von Reispflanzen

Fotos: Isagan Serrano, IRRI

Ingo Potrykus

Steckbrief Golden Rice

-angereichert mit Provitamin A

-soll Folgeerkrankungen von Vitamin A-Mangel vorbeugen, insbesondere Erblindung von Kindern

-wird in lokale Reissorten eingekreuzt

-kann von Kleinbauern vermehrt werden, keine Lizenz- oder Patentgebühren

-Zulassungsanträge für Philippinen und Bangladesch eingereicht, in diesen Ländern auch Freilandversuche

-Zugelassen als Nahrungs- und Futtermittel in Australien und Neuseeland (Dezember 2017), Antrag in Kanada eingereicht

-Verteilung des Saatguts in Bangladesch ab 2018, in weiteren Ländern „gegen Ende des Jahrzehnts“ (IRRI)

Schon an den Farben sind sie zu erkennen: Viele Obst- und Gemüsearten bilden Carotinoide, eine Gruppe gelber, orangener oder roter Farbstoffe. Diese werden im tierischen und menschlichen Organismus in Vitamin A umgewandelt. Das für die Bildung von Vitamin A wichtigste Carotinoid ist das ß-Carotin. Es wird auch Provitamin A genannt.

Vitamin A ist unter anderem maßgeblich am Sehvorgang und an der Produktion von weißen Blutkörperchen und Antikörpern beteiligt. In Ländern, in denen die Menschen sich nicht genügend Obst und Gemüse leisten können, sondern sich hauptsächlich von stärkehaltigen Nahrungsmitteln wie Reis, Cassava (Maniok) oder Hirse (Sorghum) ernähren müssen, kommt es häufig zu Augenerkrankungen bis hin zur Erblindung und zu Todesfällen infolge des geschwächten Immunsystems.

Nach Schätzungen der WHO leiden weltweit rund 250 Millionen Kinder im Vorschulalter an Vitamin A-Mangel. Bis zu 500.000 erblinden jedes Jahr, etwa die Hälfte von ihnen stirbt innerhalb eines Jahres nach der Erblindung.

Das Projekt: Reis als Vitamin A-Lieferant

Ende der 1990er Jahre begann eine internationale Arbeitsgruppe um Ingo Potrykus (ETH Zürich) und Peter Beyer (Universität Freiburg) einen neuen, ß-Carotin angereicherten Reis zu entwickeln. Die Wissenschaftler wollten damit einen Beitrag leisten, die gravierenden Folgen der Vitamin A-Unterversorgung vor allem in Südost-Asien zu überwinden.

Allerdings kann Reis von sich aus kein ß-Carotin bilden. Weder die bekannten Kultursorten, noch verwandte Wildarten sind dazu in der Lage. Am Anfang standen daher jahrelange Forschungsarbeiten über pflanzliche Stoffwechselwege, die zur Synthese von ß-Carotin führen. Damit ß-Carotin im Reiskorn gebildet werden kann, mussten jeweils ein Gen aus der Narzisse und einem Bakterium übertragen werden, um den entsprechenden Biosyntheseweg aufzubauen. Das ß-Carotin führt zu einer gelben Färbung des Reises, weswegen er als Golden Rice bezeichnet wird.

Der in den ersten Golden Rice-Pflanzen erreichte ß-Carotin-Gehalt war jedoch zu niedrig, um damit eine ausreichende Vitamin A-Versorgung sicher zu stellen. Erst in der zweiten Generation - Golden Rice 2 (GR2) - gelang es, dieses Problem zu lösen, indem das aus der Narzisse stammende Gen durch eines aus dem Mais ersetzt wurde.

In Studien zur Bioverfügbarkeit des im Reis enthaltenen ß-Carotins wurde geprüft, wie viel davon nach der Lagerung und Zubereitung im Reiskorn noch enthalten ist und im menschlichen Körper verwertet werden kann. Es wurde nachgewiesen, dass das gesamte im Reiskorn enthaltene ß-Carotin dem Verdauungssystem zur Verfügung steht. Mit einer durchschnittlichen Ration von Golden Rice 2 kann der Tagesbedarf an Vitamin A von Menschen, deren Ernährung hauptsächlich aus Reis besteht, gedeckt werden.

Das Golden Rice-Projekt wurde von verschiedenen internationalen Stiftungen und Unternehmen unterstützt, die auf Lizenzgebühren verzichteten. Seit 2006 liegt die Federführung des Projekts in Händen des Internationalen Reisforschungsinstituts (International Rice Research Institute, IRRI).

Der lange Weg auf die Felder der Kleinbauern

Alle Kleinbauern mit einem Jahresumsatz von bis zu 10.000 US-Dollar sollen Golden Rice-Saatgut kostenlos erhalten. Auf Lizenzgebühren wird verzichtet. Auch die Nachzüchtung und Wiederaussaat in den Folgejahren soll erlaubt sein, jedoch nur zum Eigengebrauch und nicht für Export und Agrarhandel. Golden Rice ist in erster Linie als Nahrungsmittel für die lokale Bevölkerung gedacht.

Doch bevor die Bauern ihn tatsächlich auf ihren Feldern aussäen können, muss der Vitamin A-angereicherte Golden Rice durch konventionelle Kreuzung in lokal angepasste Reissorten eingebracht werden. Dabei kommt es darauf an, die vorteilhaften Eigenschaften der bisher von den Kleinbauern genutzten Sorten - vor allem Ertrag und Anbaueigenschaften - zu bewahren, ohne sie durch das zusätzliche Merkmal aus dem Golden Rice zu beeinträchtigen - auch für die erfahrenen Züchter am IRRI keine einfache Aufgabe.

Auf den Philippinen führt das IRRI schon seit mehreren Jahren Freilandversuche mit mehreren aus solchen Kreuzungsversuchen hervorgegangen Golden Rice-Linien durch. Dabei hat vor allem ein bestimmtes Event (GR2E) die Erwartungen erfüllt: Die Pflanzen aus diesen Linien unterscheiden sich bei Wachstum und Ertrag nicht von den konventionellen Vergleichssorten.

Auch in Bangladesch wird seit 2015 eine speziell für dieses Land entwickelte GR2E-Sorte (GR2E BRRI dhan29) im Freiland getestet: Noch zwei Monate nach der Ernte wurde in den Reiskörnern ein ß-Carotin-Gehalt von durchschnittlich zehn Mikrogramm pro Gramm gemessen. Das reiche aus, um die Hälfte der benötigten Vitamin-A-Menge mit den Reis-Mahlzeiten aufzunehmen, so der Projektleiter des Bangladesh Rice Research Institut (BRRI).

Dennoch haben sich Zulassung und Markteinführung von Golden Rice-Saatgut immer wieder verzögert. In einigen Ländern, vor allem auf den Philippinen, haben gentechnik-kritische Organisationen an Einfluss gewonnen. 2013 wurden Freilandversuche mit Golden Rice von heftigen Protesten begleitet und Versuchsfelder zerstört. Der oberste Gerichtshof verbot 2015 vorläufig die Nutzung gentechnisch veränderter Sorten, auch den Golden Rice.

Doch inzwischen zeichnet sich ab, dass vitamin A-angereicherter Reis doch noch auf die Felder in Südostasien kommt. Auf den Philippinen und für Bangladesch ist die Anbauzulassung für die neue verbesserte Golden Rice-Variante GR2E beantragt. In Australien und Neuseeland haben die zuständigen Behörden nach einer umfassenden wissenschaftliche Bewertung die Einfuhr von Golden Rice als Lebensmittel genehmigt, Kanada wird wohl bald folgen. Damit ist ein weiteres Hindernis für den Anbau beseitigt: Vor allem Australien und Neuseeland stehen in engen Handelsbeziehungen zu den Philippinen und ohne eine Importzulassung wären selbst minimale zufällige Beimischungen von Golden Rice in Reiseinfuhren nicht erlaubt. In Bangladesch, so eine aktuelle Ankündigung des IRRI, soll Saatgut für lokal angepasse Golden Rice-Sorten (GR2E BRRI dhan29) ab 2018 an die Kleinbauern verteilt werden, weitere Länder sollen „bis zum Ende des Jahrzehnts“ folgen.

Golden Rice - ein Fehlschlag?
Anfang 2017 sorgte eine Studie vor allem bei den Gegnern des Golden Rice für Aufregung: Der Golden Rice war mit der in Indien weit verbreiteten und ertragreichen Reissorte Swarna gekreuzt worden. Die Nachkommen aus dieser Kreuzung wiesen blassgrüne Blätter auf, waren kleiner und brachten deutlich geringere Erträge als lokal angebaute herkömmliche Reissorten. Gentechnik-Gegner sahen darin den endgültigen Beweis dafür, dass der Golden Rice ein Fehlschlag sei. Dabei war das beobachtete Phänomen nichts Ungewöhnliches. Man hatte für die Einkreuzung in die Swarna-Reissorte ein dazu wenig geeignetes Golden Rice-Event gewählt, bei dem die neuen Gene in einen anderen wichtigen Genabschnitt eingefügt worden waren und dadurch bei den Nachkommen Stoffwechselstörungen hervorriefen.

Kreuzt man jedoch andere Golden Rice-Events, bei denen die neuen Gene besser platziert sind, in lokale Swarna-Sorten ein, treten solche Probleme nicht auf – die Pflanzen erreichen ihre normale Größe, liefern gute Erträge und enthalten ausreichend ß-Carotin. Wie das IRRI bestätigte, stehen inzwischen mehrere Golden-Rice-Linien zur Verfügung, deren Eigenschaften nicht schlechter sind als die derzeit angebauten Swarna-Sorten.