Hand mit Blatt

USA: Boom bei genom-editierten Pflanzen

2020 haben in den USA bereits 60 Pflanzen und Organismen, die mit den neuen Verfahren des Genome Editings bearbeitet wurden, grünes Licht erhalten und dürfen somit uneingeschränkt freigesetzt und vermarktet werden. Die meisten sind zwar noch weit von einer Markteinführung entfernt, aber die niedrigen Hürden beflügeln auch kleine Unternehmen und Startups entsprechende Anfragen bei der Landwirtschaftsbehörde zu stellen.

USA: Anzahl genom-editierter Pflanzen und Organismen, die als Nicht-GVO eingestuft wurden

USA: Anzahl genom-editierter Pflanzen und Organismen, die als Nicht-GVO eingestuft wurden. Im Rahmen des „Am I Regulated“-Prozesses konnten Unternehmen und Forschungseinrichtungen anfragen, ob die von ihnen entwickelte Pflanze unter die Gentechnik-Regulierung fällt oder nicht. Seit August 2020 gilt ein neuer rechtlicher Rahmen und der „Am I regulated“ Process wurde ersetzt durch den Confirmation Request Process.

Sojabohnen

Bereits auf den Feldern: Genom-editierte Sojapflanzen, deren Fettsäureprofil verändert wurde.

Seit 2011 können Unternehmen, aber auch Forschungseinrichten von der US-Landwirtschaftsbehörde USDA offiziell überprüfen lassen, wie eine neu entwickelte Pflanze rechtlich einzustufen ist (Am I Regulated-Prozess). Dazu müssen sie Informationen über die Verfahren und die damit erzielte Veränderung vorlegen. Wenn bei genom-editierten Pflanzen kein „artfremdes“ Genmaterial eingeführt wurde und die Pflanze „transgen-frei“ ist, erhalten sie in der Regel grünes Licht.

Wurden bis 2019 in jedem Jahr weniger als zehn Anfragen zu genom-editierten Pflanzen und Organismen eingereicht, so ist die Zahl 2020 geradezu explodiert. Bis September 2020 hatte die Behörde bereits 60 entsprechende „Letters of inquiry“ zu beantworten. Daran lässt sich ablesen, dass insbesondere die Genschere CRISPR/cas sich in den Laboren von Forschungseinrichtungen und Unternehmen zunehmend als Standardmethode etabliert hat. Mit ihr lassen sich einfach und gezielt Mutationen im Pflanzengenom auslösen, die auch auf natürliche Weise oder durch klassische Züchtung entstanden sein könnten. Die so erzeugten Pflanzen gelten in den USA und inzwischen auch in vielen anderen Ländern nicht mehr als gentechnisch veränderter Organismus (GVO).

Etwa 25 verschiedene genom-editierte Nutzpflanzen von Alfalfa bis Zitrusfrucht wurden von der USDA bereits als „dereguliert“ eingestuft, darunter etwa Mais mit besonderer Stärkezusammensetzung (Waxy Corn), ertragreicherer Leindotter (Camelina), gegen Zystennematoden resistente Sojabohnen, Tabak mit weniger Nikotin, Orangenbäume, die gewappnet sind gegen Zitruskrebs, Raps mit stabileren Samenkapseln, Gras mit besserer Verdaulichkeit als Futter bis hin zu Tomaten, die eine für Urban Farming geeignete „Architektur“ aufweisen.

Es sind nicht mehr nur die großen Agrokonzerne wie Corteva Agriscience oder Cibus, sondern auch kleinere Biotech-Unternehmen und Startups wie Inari Agriculture oder Yield10 Bioscience sowie auch zahlreiche Arbeitsgruppen an Universitäten und Forschungsinstituten, die genom-editierte Pflanzen entwickeln. Dass solche Pflanzen in der Regel nicht mehr unter die Gentechnik-Regulierung fallen, spart sehr viel Zeit und Kosten. Es müssen nicht mehr jede Menge Daten vorgelegt oder bestimmte Auflagen erfüllt werden, um die Pflanzen unter Freilandbedingungen zu testen und durch den aufwändigen Zulassungsprozess zu bringen. Der regulatorische Aufwand sinkt drastisch.

Die Genschere und andere Verfahren des Genome Editings lassen sich vor allem dort einsetzen, wo Pflanzeneigenschaften durch das Ausschalten bestimmter Gene beeinflusst werden können. Das war auch mit klassischen Gentechnik-Methoden etwa der RNAi-Methode möglich, führte aber zu einem GVO mit entsprechend teuren und aufwändigen Zulassungsverfahren. Deshalb gehen die Unternehmen immer mehr dazu über, dieselben Züchtungsziele nun mit den neueren Verfahren zu bearbeiten. So hat etwa die Firma Simplot Plant Sciences eine ganze Reihe von Anfragen gestellt für Kartoffeln, die durch Ausschalten bestimmter Stoffwechselgene weniger schwarze Flecken bilden, nach dem Anschneiden frisch bleiben oder weniger Solanin enthalten. Die Firma hat bereits Gentechnik-Kartoffeln auf dem Markt mit ähnlichen Eigenschaften, aber die großen Ketten weigern sich bislang diese Kartoffeln zu verarbeiten. Das könnte sich ändern, wenn das Gentechnik-Stigma wegfällt. Simplot will auch weniger druckempfindliche genom-editierte Avocados auf den Markt bringen und Erdbeeren, die zweimal im Jahr blühen.

Auf den Feldern der USA stehen bisher nur wenige genom-editierte Pflanzen. Im Frühjahr 2018 begann der kommerzielle Anbau einer Sojabohne der Firma Calyxt, deren Fettsäureprofil mit der Genome Editing-Methode TALEN verändert wurde. Sie enthält weniger gesättigte Fettsäuren, dafür deutlich mehr der gesundheitlich wertvolleren Ölsäure. In diesem Jahr (2020) wuchsen die editierten Sojabohnen bereits auf 40.000 Hektar, weit mehr als der gesamte Sojaanbau in Deutschland. Das aus den Sojabohnen gewonnene Öl ist inzwischen auch als Lebensmittel zugelassen und wird unter dem Markennamen Calyno vermarktet. Für einige weitere TALEN-editierte Pflanzen hat Calyxt auch bereits grünes Licht erhalten. Im nächsten Jahr soll Alfalfa (Luzerne) mit einem verringerten Ligningehalt und damit einer besseren Verträglichkeit in der Rinderfütterung auf den Markt kommen.

Schon länger als die ölsäure-angereicherte Sojabohne wird in den USA Raps der Firma Cibus angebaut, der über eine Toleranz gegenüber einem Herbizid (Clearfield) verfügt. Anders als bei vielen ähnlichen gentechnisch veränderten Pflanzen ist hier die Resistenz-Eigenschaft nicht als zusätzliches Gen eingefügt, sondern im Erbgut wurden gezielt einzelne DNA-Bausteine ausgetauscht. Der editierte Cibus-Raps gilt in vielen Ländern außerhalb der EU als konventionelle, nicht gentechnisch veränderte Sorte. Auch die Firma Cibus steht mit weiteren genom-editierten Pflanzen in den Startlöchern. 2020 hat sie bereits etliche Anfragen eingereicht, darunter allein acht zu genom-editiertem Raps mit einer Resistenz gegen Pilze.

Je mehr dieser neuen editierten Pflanzen als Saatgut auf den Markt kommen, je mehr sie bei Landwirten – und Konsumenten – Erfolg haben, um so weniger lässt es sich ausschließen, dass sie oder ihre Ernteprodukte als zufällige Beimischungen in Agrarexporte gelangen. So geringfügig sie auch sein mögen: In Europa sind sie nach dem denkwürdigen Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Juli 2018 verboten, doch kontrollieren lässt sich das nicht. Europa bleibt nichts anderes übrig, als sich mit einem diffusen, im Einzelnen aber unbekannten Einsickern von eigentlich verbotenen genom-editierten Pflanzen abzufinden.

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