DNA

Das große Dilemma: Genome Editing - verboten, aber nicht nachweisbar

(25.02.2019) In der EU gelten genom-editierte Pflanzen ausnahmslos als Gentechnik. International ist die EU damit ziemlich allein. Weder die großen Agrarexportländer in Nord- und Südamerika wollen diesem strikten Kurs folgen, noch die europäischen Nachbarn Schweiz und Norwegen. Das hat seinen Preis: Bei der Einfuhr von Agrarprodukten muss künftig an den Grenzen kontrolliert werden, dass keine genom-editierte Pflanze unerlaubt in die EU gelangt. Doch geeignete Nachweisverfahren gibt es dafür bisher nicht. Europa steht vor einem Dilemma.

Phil Hogan

Phil Hogan, EU-Kommissar für Landwirtschaft, zeigte sich „überrascht“ von dem EuGH-Urteil zu Genome Editing. Die nächste EU-Kommission werde sich damit befassen, Kriterien für Zulassungen und Nichtzulassungen dieser Produkte zu finden. „Das große Thema ist, ob dabei die Wissenschaft oder politische Meinungen den Ausschlag geben.“

Plant Research Institute Europa

95 international bekannte Pflanzenforschungs-Institute aus fast allen Mitgliedstaaten der EU haben eine Denkschrift unterzeichnet, in der eine Überarbeitung der Gentechnik-Richtlinien nach wissenschaftlichen Kriterien gefordert wird. Ein „Aufschrei der europäischen Gen-Gelehrten“, titelte die FAZ.

Großes Foto oben: Michael Travers, 123RF; Foto oben: EC Audiovisual Services, Riccardo Pereggiani

Seit dem EuGH-Urteil vom Juli 2018 fallen genome-editierte (GE-) Pflanzen unter die Gentechnik-Gesetze. Sie dürfen in der gesamten EU nur dann aufs Feld oder als Lebens- oder Futtermittel auf den Markt, wenn sie dafür zugelassen sind. Wenn nicht, sind sie strikt verboten. Egal, ob gentechnisch verändert oder genom-editiert – jeder Fund einer in der EU nicht zugelassenen Pflanze führt dazu, dass die entsprechende Agrarlieferung – etwa eine Schiffsladung – nicht verkehrsfähig ist und an den Außengrenzen zurückgewiesen wird („Nulltoleranz“).

Nachweistechnisch ist das längst Routine – allerdings nur bei herkömmlicher Gentechnik. Die neu eingefügten Gene und DNA-Abschnitte (Genkonstrukt) sind mit modernen Analyseverfahren (PCR) eindeutig nachweisbar. Zudem darf eine gv-Pflanze in der EU nur dann zugelassen werden, wenn ein standardisiertes Nachweisverfahren existiert. Dazu müssen antragstellende Unternehmen charakteristische Sequenzen (Primer) zur Verfügung stellen.

Bei GE-Pflanzen (etwa mit CRISPR oder TALEN) funktioniert das jedoch nicht. Es gibt keine DNA-Spuren, die sich diesem Verfahren zuordnen lassen. Anders als bei der Gentechnik werden keine „fremden“ Gene von außen eingeführt, sondern es wird an einer vorbestimmten Stelle gezielt ein Bruch des DNA-Strangs herbeigeführt. Bei der anschließenden Reparatur können einzelne DNA-Bausteine ausgetauscht werden. Oder infolge von dabei entstandenen „Fehlern“ wird das betreffende Gen inaktiviert. Nichts anderes passiert bei natürlichen Mutationen, wie sie sich zufällig immer wieder und in großer Zahl ereignen.

Auch mit den modernen, extrem sensiblen Analyseverfahren ist nicht nachweisbar, ob eine Pflanze oder ein Produkt daraus mit Genome Editing-Verfahren verändert wurde. Zwar kann man eine bestimmte Mutation identifizieren, nicht aber, ob es sich dabei um eine „natürliche“, zufällig entstandene handelt, ob sie auf konventionelle Züchtung zurückgeht oder „im Labor“ erzeugt wurde. Um bei Kontrollen GE-Pflanzen eindeutig erkennen zu können, müsste man eine charakteristische DNA-Abfolge genau kennen, die nicht nur die herbeigeführte Mutation einschließt, sondern auch die unmittelbar benachbarten DNA-Abschnitte. Um Verwechselungen mit anderen, „natürlichen“ Mutationen auszuschließen, müsste diese Sequenz so groß sein, dass sie statistisch nur einmal im gesamten Genom einer Pflanze vorkommt – bei der Kartoffel mit einer Milliarde und Weizen mit 16 Milliarden Basenpaaren ergibt sich rechnerisch daraus eine Länge, bei der schnelle, verlässliche Nachweise in der Praxis nahezu ausgeschlossen sind.

Daher sei es „wahrscheinlich, dass nicht zugelassene gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittelprodukte, die durch Genome Editing gewonnen wurden, unerkannt auf den EU-Markt gelangen würden. (…) Insbesondere der Grundsatz der Nulltoleranz für in der EU nicht zugelassene GVO ist schwieriger zu halten“, so ein aktuelles wissenschaftliches Gutachten der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission (JRC).

Europa steht vor einem Dilemma: Die großen Agrarländer außerhalb der EU – USA, Kanada, Brasilien, Australien und inzwischen auch eine Reihe kleinere – haben sich für einen differenzierten Umgang mit GE-Pflanzen entschieden: Sind nur einzelne DNA-Bausteine umgeschrieben und keine fremde DNA eingefügt, werden diese Pflanzen wie konventionell gezüchtete eingestuft. Eine besondere Zulassung benötigen sie nicht, sie können ohne Auflagen angebaut und vermarktet werden. In Europa sind dieselben GE-Pflanzen grundsätzlich und ausnahmslos verboten.

In den USA werden bereits GE-Raps und Sojabohnen mit neuen Eigenschaften angebaut, weitere Pflanzen, etwa Weizen, Mais oder Kartoffeln, folgen. Auch wenn diese neuen Pflanzen nicht für den Export gedacht sind, ist es kaum vermeidbar, dass es zu zufälligen Beimischungen in Agrarlieferungen nach Europa kommt. Eine Kontrolle dieser Importe auf „unbekannte genom-editierte Lebens- und Futtermittelprodukte ist nicht möglich“, so das lapidare Fazit des JRC-Gutachtens.

Europa bleibt nichts anderes übrig, als sich mit einem diffusen, im einzelnen aber unbekannten Einsickern von GE-Pflanzen abzufinden - zugleich sind sie für Züchter und Landwirte in der EU de-facto verboten.

Schon seit längerem fordert die europäische Pflanzen-Wissenschaft in seltener Einmütigkeit, die mehr als zwanzig Jahre alten Gentechnik-Gesetze so zu ändern, dass sie dem Charakter der neuen Technologien – gezielte Punktmutation, keine fremde DNA – gerecht werden. Auch die europäischen Nachbarn Schweiz und Norwegen wollen den Weg der EU nicht folgen und streben eine differenzierte Bewertung von GE-Pflanzen an.

Dagegen haben viele gentechnik-kritische Parteien und Gruppierungen das EuGH-Urteil begrüßt. GE-Pflanzen nach den strengen Gentechnik-Standards zu regulieren, sei ein Gebot des Vorsorgeprinzips. Doch das stößt an seine Grenzen, wenn es keine Verfahren gibt, eine Einfuhr dieser GE-Pflanzen nach Europa rechtssicher zu kontrollieren. Den Gentechnik-Kritikern passte es deswegen gut ins Konzept, als vor kurzem Yves Bertheau, pensionierter Direktor des französischen Agrarforschungsinstituts INRA, behauptete, es sei durchaus möglich, Genome Editing zu identifizieren. Damit ausgelöste Veränderungen führten zu charakteristischen „Narben“ in der DNA, die sogar weitervererbt würden. Zudem hinterließen sie komplexe, eindeutige „Signaturen“, Fingerabdrücken vergleichbar.

„Neue Gentechnik kann doch nachgewiesen werden“, jubelte die britische Gruppe GM-Watch. Die meisten Experten sind anderer Meinung. Bertheaus Konzept sei viel zu vage und für die Praxis ungeeignet. Schnelle, aussagekräftige Routinekontrollen seien damit unmöglich. Vor allem aber: Um überhaupt besondere „Narben“ und „Signaturen“ – also Abweichungen von einer „Norm“ - feststellen zu können, braucht man zwingend eine Referenz, ein Vergleichsmuster. Doch in der Regel fehlen den Kontrollbehörden entsprechende Vorinformationen. Denn eine Zulassung, welche die Hersteller dazu verpflichten könnte, gibt es in den Anbauländern nicht.

Der EU und ihren Mitgliedstaaten bleibt kaum anderes übrig, als eine Reform des Gentechnik-Rechts einzuleiten – diesmal nicht nach juristischen, sondern wissenschaftlichen Grundsätzen.

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