Pflanzenforschung DNA

Gen-Schere CRISPR & Co: In vielen Ländern keine Gentechnik mehr

Auch „neue Gentechnik“ ist Gentechnik, ohne Abstriche. Noch immer hält die EU daran fest. Doch inzwischen haben immer mehr Länder auf allen Kontinenten den Umgang mit genom-editierten Pflanzen gelockert und ihre Gesetze geändert. Selbst die so gentechnik-kritische Schweiz will mit neuen molekularbiologischen Verfahren entwickelte Pflanzen nicht mehr automatisch als gentechnisch verändert einstufen.

Frans Timmermans

Für Frans Timmermans, Vizepräsident der EU-Kommission sind die neuen Züchtungsverfahren „eindeutig“ Teil der Maßnahmen des Green Deal. Sie „haben das Potenzial, zu den Zielen einer widerstandsfähigeren und nachhaltigeren Agrar- und Lebensmittelproduktion beizutragen“, sagte er auf einer Veranstaltung der EU-Kommission am 29. November 2021 in Brüssel.

Foto: EC Audiovisual Service; großes Foto oben: iStock]

Es war schon eine Überraschung: Im März 2022 entschied das Schweizer Parlament mit knapper Mehrheit, Pflanzen, die mit neuen Verfahren wie der Gen-Schere CRISPR/Cas verändert wurden, von den geltenden Gentechnik-Restriktionen auszunehmen – sofern kein neues Erbmaterial eingefügt wurde und sie genauso auch mit konventionellen Verfahren gezüchtet werden könnten. Bis 2024 soll nun der Bundesrat – die Schweizer Regierung – einen Vorschlag für eine „risikobasierte Zulassung“ solcher Pflanzen vorlegen.

Ausgerechnet die so gentechnik-kritische Schweiz. Seit vielen Jahren gilt dort ein striktes Nutzungsverbot für gentechnisch veränderte Pflanzen. 2005 in einer Volksabstimmung beschlossen, wurde es seitdem alle vier Jahre immer wieder verlängert, gerade noch einmal bis 2025. Doch, anders als zuvor, soll das Moratorium nun nicht mehr für einfache genome-editierte Pflanzen gelten. Dieser „radikale Meinungswechsel“ (NZZ) in beiden Kammern des Schweizer Parlaments ist auch Ausdruck eines veränderten Meinungsklimas. Es wachse eine neue Generation von Konsumentinnen heran, die nachweislich offener sei für „innovative Lösungen in der Landwirtschaft“, zitiert die NZZ eine aktuelle Studie der ETH Zürich.

Auch Großbritannien hat bereits einen neuen Kurs eingeschlagen und nutzt die Freiheiten, die sich mit dem EU-Austritt eröffnet haben. In einem ersten Schritt beschloss das Parlament, dass künftig Freilandversuche mit einfachen genom-editierten Pflanzen nicht mehr in einem aufwändigen Verfahren beantragt und genehmigt werden müssen. Nun reicht eine einfache Anmeldung. Neue Regeln für Zulassung und Anbau sollen folgen. Damit will die britische Regierung die Erforschung und Entwicklung neuer Pflanzen fördern, die etwa „den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden deutlich reduzieren“ und sie „gegen schwierige Witterungsbedingungen und den Klimawandel widerstandsfähiger machen“.

Doch nicht nur europäische Nachbarn wie die Schweiz und Großbritannien haben alte, wissenschaftlich überholte Positionen aufgegeben. Zahlreiche Länder – darunter die großen Agrarexporteure in Süd- und Nordamerika – haben inzwischen die Regeln für Zulassung und Anbau genom-editierter Pflanzen angepasst. Diese werden nicht mehr pauschal den Gesetzen unterworfen, die seit vielen Jahren für gentechnisch veränderte Pflanzen gelten. Im Kern orientieren sich dabei fast alle Länder am breiten wissenschaftlichen Konsens, wie er sich in den letzten Jahren herausgebildet hat.

  • Ist in einer genom-editierten Pflanze keine Fremd-DNA vorhanden und hätte sie auch unter natürlichen Bedingungen durch zufällige Mutation entstehen können, ist sie eher wie eine klassisch gezüchtete Pflanze zu bewerten. Besondere Risiken, die mit den neuen Verfahren verbunden sind, gibt es nicht.
  • Sind jedoch mit Hilfe von Genome Editing-Verfahren neue Gene oder größere DNA-Abschnitte ins Genom eingefügt worden, gelten solche Pflanzen in der Regel als GVO und fallen unter die Gentechnik-Gesetze. Sie müssen den gleichen Sicherheitsanforderungen genügen.

Einige Länder haben editierte Pflanzen ohne neu eingeführtes Gen-Material ganz frei gegeben, die meisten haben sich für ein Fall-zu-Fall-Verfahren entschieden: Forschungsinstitute oder Unternehmen, die eine genom-editierte Pflanze im Freiland testen oder sie als Saatgut auf den Markt bringen wollen, müssen gegenüber den Zulassungsbehörden darlegen, ob die Voraussetzungen für eine Deregulierung zutreffen. (Siehe Tabelle unten)

Auch China hat Anfang des Jahres angekündigt, die Zulassung von genom-editierten Pflanzen zu vereinfachen. Nun folgt Indien.

Nach Nigeria hat gerade Kenia als zweites afrikanisches Land eigene Richtlinien für genom-editierte Pflanzen in Kraft gesetzt. Auch hier soll fallweise entschieden werden, ob eine neu entwickelte genom-editierte Pflanzen freigegeben wird oder besonderen Auflagen unterliegt. In Kenia laufen einige Forschungsprojekte zu regional wichtigen Kulturpflanzen wie Sorghum (Hirse), Bananen oder Mais. Ziele sind Resistenzen gegen ortstypische Krankheiten und Schädlinge sowie eine verbesserte Dürretoleranz.

Und die EU? Seit dem denkwürdigen Urteil des Europäischen Gerichtshof (EuGH), das pauschal alle genom-editierten Pflanzen den 25 Jahre alten Gentechnik-Vorschriften unterwirft, sind bald vier Jahre vergangen. Nach langem Zögern hat die EU-Kommission nun endlich einen mehrstufigen Beratungsprozess in Gang gesetzt mit dem Ziel, die Gentechnik-Gesetze „an den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt anzupassen“ und so „Innovationen in der Landwirtschaft zu ermöglichen“. Mitte 2023 will die Kommission ihren Vorschlag präsentieren. Dann folgen noch komplizierte, sicherlich kontroverse Beratungen in Parlament und Ministerrat. Es wird wohl noch Jahre dauern, bis die EU zu einem angemessenen Umgang mit genom-editierten Pflanzen kommt.

Viele Länder außerhalb der EU werden dann bereits viele Erfahrungen gewonnen haben, ob und wie ein einfacherer Umgang mit den neuen Züchtungstechniken Innovationen fördert und zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beitragen kann.

Länderübersicht: (De-) Regulierung von genom-editierten Pflanzen (Stand: Juni 2022)

Als GE-Pflanzen werden in der Tabelle genom-editierte Pflanzen bezeichnet, die mit neuen Züchtungsverfahren der Kategorien SDN-1 und SDN-2 entwickelt wurden (Site-Directed Nuclease).

SDN-1: Zunächst wird ein zielgerichteter Bruch des DNA-Doppelstrangs herbeigeführt. Bei der anschließender Reparatur der Bruchstelle sind zufällige Mutationen oder Sequenzverluste (Deletionen) möglich.

SDN-2: Der Doppelstrangbruch wird unter Nutzung von kleinen, an der Bruchstelle vorhandenen DNA-Sequenzen repariert, so dass eine bestimmte Mutation herbeigeführt wird. Wie bei SDN-1 sind auch hier die damit erzeugten Pflanzen transgen-frei.

SDN-3: An der Bruchstelle werden neue Gene oder größere DNA-Sequenzen eingefügt. Solche Pflanzen werden weiterhin als GVO angesehen und den Gentechnik-Gesetzen unterworfen.

Mehr dazu: transgen-Lexikon CRISPR/Cas

Europa (nicht-EU) Großbritannien Bei Freilandversuchen sind GE-Pflanzen von den GVO-Regeln ausgenommen. Umfassende Regelung für Anbau und Zulassung von GE-Pflanzen bis 2024.
Schweiz GE-Pflanzen sollen künftig nicht mehr unter GVO-Verbot fallen.
Norwegen Fallweise Regulierung für GE-Pflanzen in Vorbereitung.
Russland GE-Pflanzen sind konventionellen gleichgestellt. (Dekret des Präsidenten, 2019)
Nord-und Südamerika USA GE-Pflanzen sind konventionell gezüchteten Pflanzen gleichgesetzt.
Kanada GE-Pflanzen sind frei, sofern sie keine neuartigen Merkmale besitzen.
Brasilien, Argentinien, Chile, Equador, Kolumbien, Paraguay, Honduras, Guatemala GE-Pflanzen sind von den GVO-Regeln ausgenommen. Fallweise Überprüfung der Voraussetzungen.
Asien China Spezifische Regeln für die Zulassung von GE-Pflanzen.
Indien GE-Pflanzen sind von GVO-Regeln ausgenommen, wenn nachweislich transgen-frei.
Philippinen GE-Pflanzen sind von GVO-Regeln ausgenommen. Produkt werden nach Überprüfung zertifiziert.
Afrika Nigeria, Kenia GE-Pflanzen sind von den GVO-Regeln ausgenommen. Fallweise Überprüfung der Voraussetzungen.


Tabelle nach: Buchholzer/Frommer (2022)

Diskussion / Kommentare

Kommentare werden geladen…