Großbritannien: Grünes Licht für Pflanzen aus Präzisionszüchtung
In der EU wird seit Jahren darum gerungen, in Großbritannien sind sie längst umgesetzt: Weniger Regeln für Pflanzen, die mit neuen genomischen Techniken (NGT) gezüchtet wurden. Dort werden bereits zahlreiche solcher Pflanzen ohne lange Genehmigungsprozeduren im Freiland getestet. Als erste präzisionsgezüchtete Pflanze ist nun eine Futtergerste mit einem erhöhtem Lipidgehalt zur Vermarktung in England freigegeben worden. Weitere werden folgen, angetrieben durch ehrgeizige Förderprogramme der britischen Regierung.
Nach dem Austritt aus der Europäischen Union hatte sich Großbritannien rasch vom endlosen Hin und Her in der EU abgekoppelt und begonnen, eigene nationale Regeln für den Umgang mit genom-editierten Pflanzen zu erarbeiten, deutlich einfacher als die bis dahin auch in Großbritannien geltenden EU-weiten Vorschriften.
2022 beschloss das Londoner Parlament in einem ersten Schritt, dass Freilandversuche mit Pflanzen aus „Präzisionszüchtung“ – in der EU als Neue genomische Techniken (NGT) bezeichnet – nur noch angemeldet werden müssen. Englische Forschungseinrichtungen konnten nun solche Pflanzen im Freiland testen, ohne langwierige, zeit- und ressourcenaufwändige Genehmigungsverfahren durchlaufen zu müssen.

Energieeffiziente Futtergerste: Die erste Pflanze aus Präzisionszüchtung, die in England zugelassen ist.
Ein Jahr später trat ein eigenes Gesetz für Präzisionszüchtung (Precision Breeding Act) in Kraft. Es nimmt genom-editierte Pflanzen aus dem Geltungsbereich der Gentechnik-Gesetze heraus, wenn keine Fremdgene ins Genom eingeführt wurden und deren neuen Eigenschaften auch durch zufällige natürliche Mutationen oder mit konventioneller Züchtung hätten entstehen können.
Auch nach dem Regierungswechsel zu Labour setzte sich diese Politik fort. Im November 2025 folgte eine ergänzende Verordnung (Precision Breeding Regulations), die Zulassung, Anbau und Vermarktung von Saatgut und pflanzlichen Produkten aus Präzisionszüchtung regelt.
Anträge müssen beim Landwirtschaftsministerium (Department for Environment, Food and Rural Affairs, Defra) eingereicht werden. Die zuständige Fachbehörde (Food Standards Agency) prüft, ob die jeweilige genom-edierte Pflanze die gesetzlichen Kriterien erfüllt und führt eine „verhältnismäßige Risikobewertung“ durch. Alle relevanten Informationen werden in einem öffentlichen Register zugänglich gemacht.
Inzwischen haben britische Forschungsinstitute und Agrarunternehmen zahlreiche solcher Pflanzen in Freilandversuchen darauf überprüft, wie sich die durch Präzisionszüchtung erzielten neuen Merkmale unter Praxisbedingungen im Feld verhalten. Im Frühjahr listet die gentechnik-britische Initiative Beyond GM 24 Freilandversuche mit NGT-Pflanzen auf, etwa Weizen, Gerste, Raps, Tomaten, Kartoffeln oder Leindotter (Camelina). Dabei geht es vor allem um neue Resistenzen gegen Schädlinge und Pflanzenkrankheiten sowie eine höhere Anreicherung mit gesundheitsfördernden Stoffen oder geringere Acrylamidgehalte in Weizen. Auch neue Ansätze zur Optimierung des Pflanzenwachstums werden erprobt (Stand April 2026).
Im März 2026 stufte die zuständige Landwirtschaftsbehörde (Defra) erstmals eine Kulturpflanze als „präzisionsgezüchteten Organismus“ ein und erteilte dafür eine Marketing-Mitteilung (Precision bred organism marketing notice), Voraussetzung für einen kommerziellen Anbau und die Vermarktung der daraus gewonnenen Produkte.
Es handelt sich um eine am Rothamsted Research Institute entwickelte Gerste, bei der mit Hilfe der Gen-Schere CRISPR/Cas zwei Gene des Fettstoffwechsels inaktiviert wurden und dadurch das Pflanzengewebe einen höheren Gehalt an Lipiden (fettähnliche Stoffe) aufweist. Als Futterpflanze hat die Rothamsted-Gerste eine höhere Energiedichte, ist effizienter in der Tiermast und trägt dazu bei, den Methanausstoß bei der Verdauung durch Wiederkäuer zu reduzieren.
Die energieeffiziente Futtergerste wird nicht die letzte präzisionsgezüchtete Pflanze sein, die in Großbritannien in naher Zukunft auf die Felder kommen könnte. Mit mehreren Förderprogrammen (Genetic Improvement Networks, GIN) von insgesamt etwa 25 Mio. Euro fördert die britische Regierung die Präzisionszüchtung an verschiedenen Nutzpflanzen und unterstützt praxisorientierte Netzwerke, welche Anbauversuche und eine mögliche Markteiführung koordinieren.
Allein am John Innes Centre, einem international renommierten „Exzellenzzentrum in Pflanzenwissenschaften, Genetik und Mikrobiologie“ werden vier Projekte öffentlich gefördert. Bei Zuckerrüben geht es um eine Resistenz gegen Vergilbungsviren, bei Raps gegen verschiedene Pilzkrankheiten. Bei Tomaten ist eine Anreicherung mit Vitamin D das Ziel, präzisionsgezüchteter Löwenzahl soll als Produktionssystem von natürlichem Kautschuk genutzt werden.
Beide Gesetze – Precision Breeding Act und Regulation – sind zunächst nur in England gültig. Schottland und Wales haben bisher noch nicht zugestimmt.
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Im Web
- Legislation.gov.uk; Genetic Technology (Precision Breeding) Act 2023
- Legislation.gov.uk; The Genetic Technology (Precision Breeding) Regulations 2025
- Precision Breeding regulations signed into law by UK Government; Rothamsted welcomes final step in establishing a practical and progressive framework for the regulation and commercialisation of gene edited crops; 13 May 2025
- Rothamsted gene-edited barley crop becomes first to receive a UK Precision Bred Organism marketing notice
- Sugar beet, oilseed rape, tomatoes and dandelions: four precision breeding projects win major funding to support UK agriculture; John Innes Centre 3 Feb 2026
- Beyond GM: Precision Bred GMO Field Trial Tracker
- Großbritannien: Regierung treibt neue Gentechnik voran; Informationsdienst Gentechnik 27.03.2026

