Pflanzen mit DNA Helix

„Neue“ und alte Gentechnik: Überall die gleichen Risiken? Was die Wissenschaft sagt

Sind Pflanzen, die mit neuen genomischen Verfahren wie der Gen-Schere CRISPR/Cas gezüchtet wurden, genau so einzustufen wie solche, bei denen die „alte“ Gentechnik zum Einsatz kam? Bergen sie die gleichen „unkalkulierbaren“ Risiken? Ja, meinen Organisationen aus der Anti-Gentechnik-Szene oder der Bio-Branche. Auch bei SPD und Grünen sind viele immer noch gegen jede Aufweichung der alten Gentechnik-Gesetze. – Doch inzwischen sind in der EU weniger strenge Regeln für bestimmte NGT-Pflanzen beschlossen. Sie orientieren sich an dem, was die Wissenschaft seit vielen Jahren sagt – eindringlich und nahezu einmütig.

Im Juni 2026, nach jahrelangen, oft kontroversen Diskussionen beschlossen EU-Parlament und Europäischer Rat endlich die neue Verordnung (2026/1388) über Pflanzen, die mit neuen genomischen Techniken (NGT) gezüchtet wurden. Im Kern: Bestimmte NGT-Pflanzen, die auch zufällig unter natürlichen Bedingungen oder durch konventionelle Züchtung hätten entstehen können, werden künftig nicht mehr als gentechnisch veränderte Organismus (GVO eingestuft, sondern eher wie herkömmliche Pflanzen. Ob die Voraussetzungen dafür erfüllt sind, wird in einem EU-weiten Verfahren überprüft.

Die EU folgt damit anderen Ländern außerhalb Europas, die sich schon vor Jahren zu ähnlichen Erleichterungen entschlossen haben. Denn wissenschaftlich bestehen zwischen herkömmlicher Gentechnik und den neuen genomischen Verfahren, etwa Genome Editing, grundlegende Unterschiede.

  • Bei der klassischen Gentechnik wird „fremdes“ genetisches Material von außen in eine Pflanzenzelle eingeführt. An welcher Stelle es in das Genom integriert wird, ist vom Zufall abhängig.
  • Ganz anders die neuen genomischen Züchtungsverfahren, allen voran die Gen-Schere CRISPR/Cas: Mit ihnen ist es möglich geworden, das Erbgut – genauer: den DNA-Doppelstrang – an einer bestimmten, vorgegebenen Stelle zu schneiden. Anschließend wird die Schnittstelle wieder repariert, oft mit kleinen Fehlern. So können das betroffene Gen abgeschaltet oder einzelne DNA-Bausteine umgeschrieben werden – in der Regel ohne neue Gene auf Dauer in das Erbgut einzufügen. Im Prinzip handelt es sich um eine punktuelle Mutation, deren Ort und Wirkung bekannt ist und die auch zufällig unter natürlichen Bedingungen hätte entstehen können.

Genome Editing verringert die Probleme, die aus den Zufälligkeiten der Züchtung erwachsen – das bedeutet Zeit- und Kostenersparnis, aber auch mehr Sicherheit durch mehr Präzision. Egal, ob Kreuzungs-, Mutationszüchtung oder andere Verfahren: Jede Züchtung verändert Gene – meist wahllos und in großer Zahl. Aber nur bei den neuen genomischen Verfahren sind diese Veränderungen im Einzelnen bekannt.

Selten war die Wissenschaft so einig und deutlich: Die GVO-Gesetzgebung der EU ist veraltet und entspricht nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Expertenkommissionen, Akademien, Fachverbände, wissenschaftliche Gesellschaften – es gibt wohl keine europäische Institution von Rang, die nicht eine zeitgemäße Reform der 30 Jahre alten Gentechnik-Gesetze angemahnt hat (siehe unten).

Im Kern sind sich die Vorschläge aus der Wissenschaft in diesen zentralen Punkten einig:

  • Ist in einer genom-editierten Pflanze keine Fremd-DNA von außen eingeführt worden und hätte sie so auch unter natürlichen Bedingungen durch zufällige Mutation oder herkömmliche Kreuzungszüchtung entstehen können, soll sie nicht mehr den für GVO geltenden Regeln unterliegen, sondern eher wie eine herkömmliche gezüchtete Pflanze bewertet werden. Im Vorschlag der EU-Kommission für eine Neuregulierung werden solche Pflanzen als NGT1 bezeichnet
  • Wer die vereinfachten oder gar ganz abgeschafften Regeln für eine genom-editierte Pflanzen in Anspruch nehmen will, sollte gegenüber einer Behörde darlegen, ob die Voraussetzungen dafür zutreffen.
  • Werden jedoch neue Gene oder größere DNA-Abschnitte mit Hilfe der neuen Techniken an einer bestimmten Stelle im Genom eingefügt, sollen solche Pflanzen eher als GVO angesehen und entsprechend reguliert werden.
  • Darüber hinaus drängen fast alle Wissenschaftsorganisationen darauf, dass die Sicherheitsbewertung neuer Pflanzen künftig nicht mehr vom jeweiligen Züchtungsverfahren abhängen sollte, sondern von den Eigenschaften des erzeugten Produkts.

Auch die neue, ab 2028 wirksame NGT-Verordnung der EU orientiert sich an diesen Grundsätzen.

Was die Wissenschaft sagt: Stellungnahmen, offene Briefe, Dokumente (eine Auswahl)

Daher ist es wissenschaftlich gerechtfertigt, NGT-Pflanzen der Kategorie 1 in Bezug auf die Ähnlichkeit genetischer Modifikationen und die Ähnlichkeit potenzieller Risiken als konventionell gezüchteten Pflanzen gleichwertig zu betrachten.


Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA); Juli 2024


Mit Pflanzen, die gegenüber Krankheiten, Umweltbedingungen und Auswirkungen des Klimawandels widerstandsfähiger sind, können die Neuen Züchtungsverfahren zu nachhaltigen Lebensmittelsystemen beitragen.


Europäische Kommission (Wissenschaftliche Dienste)


Produkte der neuen Züchtungstechniken – soweit sie ohne das dauerhafte Einbringen fremden Genmaterials auskommen und sich auf das Hervorrufen von Mutationen beschränken – sind nicht unterscheidbar von Produkten der herkömmlichen Züchtung. Die Genomeditierung von Pflanzen bedeute somit kein höheres Risiko als seit Jahrzehnten etablierte und nicht regulierte Techniken.


Gemeinsame Pressemitteilung von DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) und Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften), 20. Januar 2023


Die derzeitige GVO-Definition sollte dahingehend überarbeitet werden, „dass genomeditierte Organismen vom Anwendungsbereich des Gentechnikrechts ausgenommen werden, wenn keine artfremde genetische Information eingefügt ist und/oder eine Kombination von genetischem Material vorliegt, die sich ebenso auf natürliche Weise oder durch konventionelle Züchtungsverfahren ergeben könnte.


Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften und Deutsche Forschungsgemeinschaft


Die konventionelle Züchtung klimaresilienter Nutzpflanzen ist zu zeitaufwändig. Es dauert Jahre, sogar Jahrzehnte. Diese Zeit haben wir in Zeiten des Klimanotstands nicht. … Deshalb müssen schnelle, gezielte und günstige Züchtungsmethoden in den Werkzeugkasten der Pflanzenzüchter aufgenommen werden. Der Gesetzentwurf zur Regulierung von NGT-Anlagen ist daher ein wichtiger Schritt, … die ökologische Nachhaltigkeit in den Bereichen Lebensmittel, Landwirtschaft und Energie zu verbessern.


Offener Brief an die Abgeordneten des EU-Parlaments, unterzeichnet von 37 Nobelpreisträgern und über 1500 Wissenschaftlern, darunter Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, Nobelpreisträgerinnen für Chemie 2020 und Entdeckerinnen des CRISPR/Cas-Verfahrens


Die Gesellschaft zahlt einen Preis dafür, wenn neue Genom-Editiertechniken nicht genutzt werden oder die Einführung zu langsam erfolgt. Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn es darum geht, unsere gemeinsamen Probleme für die Nahrungsmittel- und Ernährungssicherheit zu lösen.


European Academies - Science Advisory Council (EASAC), 28 nationale wissenschaftliche Akademien aus allen EU-Mitgliedstaaten sowie Großbritannien, Norwegen und Schweiz


Die europäischen Rechtsvorschriften sollten sich an den neuen Merkmalen der Pflanze orientieren, nicht an der Technik, mit der sie erzeugt wird. … Gezielte Genome Editierungen, die keine fremde DNA hinzufügen, stellen kein anderes Gesundheits- oder Umweltrisiko dar als Pflanzen, die durch klassische Züchtungstechniken gewonnen werden, und sind so sicher oder gefährlich wie letztere.


All European Academies (ALLEA)


Der VBIO hält eine Anpassung des Gentechnikgesetzes nach dem EuGH-Urteil zu Genome Editing für notwendig, um Nachteile für Forschung und Entwicklung in Europa zu verhindern und in Zeiten des Klimawandels die Züchtung krankheitsresistenter und ertragreichere Pflanzen zu ermöglichen.


Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO)


Es gibt jedoch keine wissenschaftlichen Gründe, identische Veränderungen im Genom abhängig von der Methode der Erzeugung zu machen und völlig unterschiedlich zu regulieren. Pflanzen, die einfache, gezielt mit Genscheren erzeugte Veränderungen enthalten und in die keine fremden Gene eingefügt wurden, sind von Pflanzen konventioneller Züchtung nicht zu unterscheiden und genauso sicher. Die europäische GVO-Gesetzgebung von 2001 ist nicht mehr zeitgemäß und berücksichtigt nicht den aktuellen Stand der Wissenschaft.


Max-Planck-Gesellschaft

Offener Brief von 117 Forschungseinrichtungen aus nahezu allen EU-Mitgliedstaaten


Fortschritte in der Pflanzenzüchtung sind von entscheidender Bedeutung für die Verbesserung der Ernährungssicherheit unter sich ändernden klimatischen Bedingungen. (…) Eine Verbesserung der Genetik ist erforderlich, um Nutzpflanzen und Nutztiere zu züchten, die sowohl die Treibhausgasemissionen senken als auch eine höhere Trockenheits- und Hitzetoleranz besitzen.


IPCC (Weltklimarat), Climate Change and Land


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