PCR, DNA, Test

Europas Dilemma mit genom-editierten Pflanzen:
Verboten, aber nicht nachweisbar

In der EU gelten genom-editierte Pflanzen ausnahmslos als Gentechnik. International ist die EU damit ziemlich allein. Viele Länder, allen voran die großen Agrarexporteure in Nord- und Südamerika, haben sich längst anders entschieden. Damit steht Europa vor einem Dilemma: Solche Pflanzen müssen nach Gentechnik-Recht zugelassen sein, sonst sind sie verboten - selbst als zufällige Beimischungen in Agrarimporten. Doch kontrollieren lässt sich das nicht, da geeignete Nachweisverfahren fehlen. Auch wenn gentechnik-kritische Organisationen etwas anderes behaupten: Daran wird sich so schnell nichts ändern.

PCR Labor Lebensmittelüberwachung

Nachweisverfahren dringend gesucht. Ende April 2020 schrieb das Bundesamt für Lebensmittel und Ernährung (BLE, gehört zum Landwirtschaftsministerium) ein Forschungsvorhaben aus. Es geht um Methoden für Nachweis und Identifizierung von genomeditierten Pflanzen, „die geeignet sind, Kontrollen an Saatgut, Agrarrohstoffen sowie an Lebens- und Futtermitteln durchführen zu können.“ Geklärt werden soll auch, ob es überhaupt möglich ist, „für die Praxis entsprechende Nachweis- und Identifizierungsverfahren zu entwickeln und welche Bedingungen dazu erfüllt sein müssen.“ Bis 31. August 2022 sollen die Ergebnisse vorliegen.

Großes Foto oben: Michael Travers, 123RF

Seit dem denkwürdigen EuGH-Urteil vom Juli 2018 fallen genom-editierte (GE-)Pflanzen unter die rigorosen Gentechnik-Gesetze. Sie dürfen in der gesamten EU nur dann aufs Feld oder als Lebens- oder Futtermittel auf den Markt, wenn sie dafür zugelassen sind. Wenn nicht, sind sie strikt verboten. Egal, ob gentechnisch verändert oder genom-editiert – jeder Fund einer in der EU nicht zugelassenen Pflanze führt dazu, dass die betroffene Agrarlieferung – etwa eine Schiffsladung aus Südamerika – nicht verkehrsfähig ist und an den Außengrenzen zurückgewiesen wird („Nulltoleranz“).

Solche Untersuchungen sind längst Routine – allerdings nur bei herkömmlicher Gentechnik. Neu eingeführte „Fremd“-Gene oder DNA-Elemente (Genkonstrukt) sind mit modernen PCR-Verfahren eindeutig nachweisbar. Ohne ein standardisiertes Nachweisverfahren darf eine gv-Pflanze in der EU nicht zugelassen werden. Dazu müssen antragstellende Unternehmen Informationen über charakteristische DNA-Sequenzen (Primer) zur Verfügung stellen, mit denen die jeweilige gv-Pflanze (Event) identifiziert werden kann.

Ein solcher DNA-basierter Nachweis des Verfahrens ist bei GE-Pflanzen jedoch in aller Regel nicht möglich. Genome Editing – etwa mit der Gen-Schere CRISPR oder TALEN – hinterlässt im Erbgut der Pflanzen keine charakteristischen DNA-Spuren, die sich dem genutzten Verfahren zweifelsfrei zuordnen lassen.

Wenn die Gesetzeslage in der EU so bleibt wie sie derzeit ist und GE-Pflanzen den gleichen strengen Zulassungs- und Kennzeichnungsbestimmungen unterliegen wie bei der klassischen Gentechnik, dann sind zwingend Nachweisverfahren erforderlich, mit denen GE-Pflanzten „gerichtsfest“ zu identifizieren sind. Gesetzliche Bestimmungen, deren Einhaltung nicht kontrolliert werden können, führen zwangsläufig zu Täuschung und Rechtsunsicherheit – gerade in einem emotional so negativ aufgeladenen Thema wie der Gentechnik.

Doch diese Verfahren gibt es derzeit nicht – und es ist fraglich, ob sie überhaupt möglich sind.

Anders als bei der herkömmlichen Gentechnik werden mit der Gen-Editierung keine „fremden“ Gene von außen eingeführt, sondern es wird an einer vorbestimmten Stelle im Erbgut gezielt ein Bruch des DNA-Strangs herbeigeführt. Bei der anschließenden „natürlichen“ Reparatur der Bruchstelle können entweder einzelne DNA-Bausteine ausgetauscht werden. Oder das jeweilige Ziel-Gen wird fehlerhaft repariert, so dass es nicht mehr richtig abgelesen und damit inaktiviert wird. Nichts anderes passiert bei natürlichen Mutationen, wie sie sich zufällig immer wieder und in großer Zahl ereignen.

Bei GE-Pflanzen sind also keine typischen DNA-Sequenzen vorhanden, die ein PCR-Nachweis aufspüren könnte. Zwar lässt sich eine bestimmte Punktmutation identifizieren, wenn ihre Sequenz bekannt ist. Doch ob es sich dabei um eine „natürliche“, zufällig entstandene handelt, ob sie auf konventionelle Züchtung zurückgeht oder gezielt „im Labor“ editiert wurde, ist nicht zu unterscheiden.

„Die auf PCR basierenden Screening-Methoden, die üblicherweise zum Nachweis herkömmlicher GVO verwendet werden, können weder angewendet noch für genomeditierte Pflanzenprodukte entwickelt werden. (…) Unter den gegenwärtigen Umständen wird die Marktkontrolle unbekannte genomeditierte Pflanzenprodukte nicht nachweisen können,“ fasst ein Report des Europäischen Netzwerks der GVO-Laboratorien (ENGL) den aktuellen Stand des Wissens zusammen.

Zu dem gleichen Ergebnis kommt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern aus Behörden und öffentlichen Forschungseinrichtungen (BVL und JKI): „Eine eindeutige Erkennung versteckter Beimischungen ist weiterhin nicht möglich“. Die Autoren hatten auch alternative Methoden, etwa Sequenzvergleiche vollständiger Pflanzen-Genome, darauf überprüft, ob sie sich zum Nachweis eignen.

Was immer auch verglichen wird: Um durch Genome-Editing hervorgerufene Abweichungen von einer „Norm“ feststellen zu können, braucht man zwingend eine Referenz, ein „neutrales“ Vergleichsmuster. Doch diese sind in einem offenen System wie der Natur nicht unveränderlich, sondern ständig im Fluss, angetrieben durch Fortpflanzung, Mutationen und andere evolutionäre Prozesse.

Die etablierten PCR-Nachweise nicht anwendbar, alternative Methoden für die Überwachungspraxis ungeeignet – damit steht Europa vor einem Dilemma: Es hat GE-Pflanzen defacto verboten, kann die Einhaltung geltender Vorschriften aber nicht kontrollieren.

In den großen Agrarländern außerhalb der EU – USA, Kanada, Brasilien, Australien – werden die meisten GE-Pflanzen wie konventionell gezüchtete eingestuft. Eine besondere Zulassung benötigen sie nicht, sie können ohne Auflagen angebaut und vermarktet werden. In den USA stehen bereits GE-Raps und Sojabohnen mit neuen Eigenschaften auf den Feldern, Weizen, Mais oder Kartoffeln werden folgen, vielleicht auch Zitrusfrüchte oder Erdnüsse. Auch wenn diese neuen Pflanzen nicht für den Export gedacht sind, ist es kaum vermeidbar, dass es zu zufälligen Beimischungen in Agrarlieferungen nach Europa kommt.

„Wenn ein verdächtiges Produkt mit einer unbekannten oder nicht eindeutigen DNA-Veränderung auf dem EU-Markt entdeckt würde, wäre es außerdem schwierig oder sogar unmöglich, gerichtliche Beweise dafür zu liefern, dass die modifizierte Sequenz aus der Genombearbeitung stammt,“ so das lapidare Fazit der ENGL-Studie.

Der EU und ihren Mitgliedstaaten bleibt kaum anderes übrig, als eine Reform des Gentechnik-Rechts einzuleiten.

Rapsblüte, geschlossen

Aktueller Nachtrag: Nachweis doch möglich? Im September 2020 meldeten mehrere gentechnik-kritische Organisationen wie der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) und Greenpeace, der Nachweis genom-editierter Pflanzen sei doch möglich. Sie hatten die Entwicklung eines PCR-basierten Verfahrens finanziert, mit dem ein bestimmter GE-Raps (Cibus) zuverlässig identifiziert werden könne. Damit sei eine wesentliche Voraussetzung erfüllt, um GE-Pflanzen doch nach Gentechnik-Recht zu regulieren.

Allerdings: Anders als es in den weit verbreiteten Erfolgsmeldungen dargestellt, ist lediglich die Mutation nachweisbar, die zu dem gewünschten Merkmal - in diesem Fall eine Herbizidtoleranz - führt, nicht jedoch das Verfahren, mit der sie erzeugt wurde. Das Merkmal könnte auch mit einem herkömmlichen Züchtungsverfahren erzeugt worden sein oder auf eine zufällige, natürliche Mutation zurückgehen. Es bleibt dabei: In einer vorgefundenen Pflanze ist ein klarer, gerichtsfester Nachweis, ob Genome Editing angewandt wurde, nicht möglich.

Das bestätigte auch eine offizielle Stellungnahme des Europäischen Netzwerks der GVO-Laboratorien (ENGL), in der das von Greenpeace & Co verbreitete Verfahren wissenschaftlich überprüft wurde. Ergebnis: „Das Verfahren kann den Ursprung der Mutation in der bestimmten Raps-Linie (gemeint ist der Cibus-Raps) nicht identifizieren und daher nicht beweisen, dass die nachgewiesene Mutation durch die Bearbeitung des Genoms verursacht wird. Darüber hinaus enthält der Artikel keine Strategie zum Nachweis einer (unbekannten) genombearbeiteten Mutation, wenn der Entwickler oder Züchter dazu keine Informationen geliefert.“

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