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Gentechnisch veränderte Tiere: Gibt es die schon?

Frage: Anders als bei Pflanzen gibt es offenbar noch keine Nahrungsmittel von gentechnisch veränderten Tieren. Wie kommt das?

Antwort: Die Methoden der klassischen Gentechnik sind gerade bei Nutztieren fehleranfällig, wenig effizient und mit hohen Kosten verbunden. Bei landwirtschaftlich genutzten Tieren gab es bisher wenig Ziele, wo es sich lohnte, sie mit gentechnischen Verfahren zu bearbeiten. Hinzu kommt, dass Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Tieren in Europa und Nordamerika von der Mehrheit der Verbraucher wohl kaum akzeptiert würden.

Aber in den USA sind doch gentechnisch veränderte Lachse zugelassen.

Das ist richtig. Nach zwanzig Jahren, kontroversen Diskussionen und vielen wissenschaftlichen Studien haben die US-Behörden sie 2015 für den menschlichen Verzehr genehmigt. Kanada folgte ein Jahr später. Dort sind Produkte aus dem gv-Lachs (Markenname: AquAdvantage) zu kaufen. 2020 begann auch in den USA die kommerzielle Produktion. In Europa ist kein Zulassungsantrag gestellt; gv-Lachs bleibt wohl auch auf längere Sicht verboten.

Und wodurch unterscheiden sich die gentechnisch veränderten Lachse von normalen?

In die Lachse wurden zwei Gene aus anderen Fischarten übertragen, damit die Lachse schneller wachsen und in kürzerer Zeit ihr Schlachtgewicht erreichen. Auf diese Weise sollen Ressourcen in der Fischzucht - Nährstoffe, Wasser, Flächen - effizienter genutzt werden. Die Aufzucht der gv-Lachse ist nur in dafür zertifizierten Fischfarmen mit abgeschlossenen Tanks erlaubt. Damit wird verhindert, dass schnell wachsende gv-Lachse in offene Gewässer gelangen und dort „natürliche“ Lachse verdrängen könnten.

Sind denn noch weitere gentechnisch veränderte Fische zu erwarten?

In nächster Zeit erst erst einmal nicht. Doch das könnte sich womöglich in Zukunft ändern. Die natürlichen Fischbestände sind begrenzt und können den weltweiten Bedarf für die Ernährung nicht decken. Deshalb wird intensiv an der Weiterentwicklung von Aquakultur - der Aufzucht von Fischen in stationären Anlagen - geforscht, um so eine nachhaltige Fischproduktion bei gleichzeitig verringertem Ressourcenverbrauch zu ermöglichen. Bei mehreren Fischarten laufen dazu Zuchtprogramme, bei denen mit verschiedenen Verfahren - genomische Selektion, Gentechnik, Genome Editing - gearbeitet wird. Ziele sind etwa schnelleres Wachstum, bessere Nahrungsverwertung, Resistenzen gegen Infektionskrankheiten oder Parasiten.

Gibt es noch weitere gentechnisch veränderte Tiere, die schon irgendwo zugelassen sind?

In Brasilien wurde 2014 erstmals eine gv-Mückenart für die kommerzielle Nutzung zugelassen, um Infektionen durch das Dengue- und Zika-Virus einzudämmen. Bei Insekten versucht man meist, durch Einführung von „Sterblichkeits-“ oder „Sterilitäts“-Genen die Vermehrung krankheitsübertragender oder schädlicher Insekten einzuschränken, etwa Stechmücken, die an der Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Dengue-Fieber oder Malaria beteiligt sind. Aber auch bei Pflanzenschädlingen wie der Olivenfruchtfliege wird das Konzept erprobt.

Ende 2020 wurden in den USA die ersten gv-Schweine zugelassen, sowohl für den menschlichen Verzehr als auch für die Herstellung medizinischer Produkte. Die Schweine wurden gentechnisch so verändert, dass sie auf der Zelloberfläche keinen sogenannten Alpha-Gal-Zucker mehr tragen. Menschen mit einer Allergie gegen diesen Zucker können dann das Fleisch dieser Schweine („GalSafe-Schweine“) essen.

Spielt die klassische Gentechnik bei landwirtschaftlichen Nutztieren überhaupt keine Rolle?

Geforscht wurde viel, aber kaum etwas ist anwendungsreif geworden. Relativ weit fortgeschritten war ein Projekt an einer kanadischen Universität. Dort hatten Wissenschaftler Schweine so verändert, dass sie den Phosphoranteil in den Futtermitteln besser verwerten können und dadurch der Phosphatgehalt in der Gülle - oft ein großes Umweltproblem - sinkt. Das Konzept funktionierte, aber niemand wollte das finanzielle Risiko auf sich nehmen, diese Schweine auf den Markt zu bringen.

Dann ist die Gentechnik bei Tieren also ein Auslaufmodell?

Was die klassische Gentechnik bei landwirtschaftlichen Nutztieren anbetrifft - ja. Inzwischen gibt es aber neue molekularbiologische Verfahren (Genome Editing), die auch in der Tierzüchtung eingesetzt werden. Damit können einzelne DNA-Bausteine „umgeschrieben“ werden, ohne dass neue Gene eingeführt werden müssen. Sie sind viel präziser als die klassische Gentechnik, aber auch als die herkömmliche Züchtung.

Und was ist mit diesen neuen Verfahren möglich?

Derzeit gibt es überall auf der Welt eine Vielzahl von Forschungsprojekten, in denen mit diesen neuen Verfahren gearbeitet wird, Tendenz steigend. Dabei geht es etwa um Resistenzen gegen Infektionskrankheiten wie das PRRS-Virus bei Schweinen oder um Fleischqualität, die Unterdrückung bestimmter Allergene in der Kuhmilch oder um Rinder, die keine Hörner mehr haben. Bisher scheinen diese Projekte weitaus Erfolg versprechender als solche mit klassischer Gentechnik. Genome Editing setzt allerdings voraus, dass der genetische Hintergrund der jeweiligen Eigenschaft ganz genau bekannt ist. Dafür ist viel Genomforschung erforderlich.

Und in der Medizin?

Da sind gentechnisch veränderte Tiere ja nichts Neues. Schon seit Jahren werden in der medizinischen Forschung gentechnisch veränderte Versuchstiere eingesetzt, um an ihnen neue Arzneimittel oder Therapien zu testen. Ein Beispiel sind sogenannten Knockout-Mäuse, bei denen mithilfe der Gentechnik gezielt bestimmte Gene deaktiviert werden. Auf diese Weise können diese Tiere als Modell für genetische Erkrankungen beim Menschen dienen. Inzwischen wendet man auch hier zunehmend Genome Editing-Methoden wie die „Genschere“ CRISPR/Cas an, um solche Modelltiere zu schaffen.

Tiere werden aber auch gentechnisch verändert, damit sie in ihrem Blut oder ihrer Milch bestimmte Arzneimittelstoffe produzieren (Molecular Pharming). So sind gv-Ziegen entwickelt worden, die in ihrer Milch ein Medikament gegen Thrombose (Antithrombin) bilden. In Deutschland ist es schon seit 2008 im Handel erhältlich. Auch beim Gene Pharming nutzt man inzwischen zunehmend die neuen Genome Editing-Methoden.

Gibt es überhaupt Gesetze, welche die Zulassung von gentechnisch veränderten Tieren regeln? Können Konsumenten entsprechende Produkte erkennen?

In Bezug auf Zulassung, Sicherheitsbewertung oder Kennzeichnung gelten die gleichen Rechtsvorschriften wie für alle gv-Organismen (GVO). Für Tiere gibt es jedoch zusätzliche Kriterien. So hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für die Risikobewertung von gv-Tieren und den daraus hergestellten Produkten umfangreiche Leitlinien erarbeitet. Bisher ist in Europa kein Zulassungsantrag für ein gv-Tier gestellt worden. Auch für mit den neuen Genome Editing-Verfahren gezüchtet Tiere gelten die gleichen Rechtsvorschriften. Sollte es doch einmal Lebensmittelprodukte aus gv-Tieren in Europa geben, wären sie ausnahmslos kennzeichungspflichtig.

Und Klonen – ist das auch Gentechnik?

Nein, das Klonen ist keine Gentechnik. Da keine neuen Gene eingeführt werden, sind geklonte Tiere keine GVO. Das Klonen ist eine Methode, mit der Wissenschaftler als wertvoll befundene Tiere außerhalb der geschlechtlichen Fortpflanzung vervielfältigen können. Das sind beispielsweise Zuchttiere, Haustiere oder auch bedrohte Tierarten. Oft werden auch Tiere, die gentechnisch verändert wurden, durch Klonen vermehrt, damit die genetischen Konstrukte sicher vervielfältigt werden.

In der Europäischen Union wird ein Verbot des Klonens von Nutztieren seit Jahren gefordert, vor allem aus Gründen des Tierschutzes. Auch Produkte von ihnen, der Nachwuchs sowie der Import geklonter Tiere sollen verboten werden. Doch bisher blockiert der EU-Ministerrat eine entsprechende Gesetzgebung. Derzeit gelten Produkte von geklonten Nutztieren als „neuartige Lebensmittel“ (Novel Food), die ohne eine besondere Zulassung nicht auf den Markt kommen dürfen.

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